FeedDöllinger (Johann Joseph Ignaz von)
ReligionBrockhaus 1882

Döllinger (Johann Joseph Ignaz von), Sohn des vorigen, hervorragender kath. Theolog, geb. in Bamberg 28. Febr. 1799, studierte zu Würzburg und Bamberg Theologie, ward 15. April 1822 zum Priester geweiht, wirkte kurze Zeit zu Marktscheinfeld in der Diöcese Bamberg als Kaplan, seit 1823 als Professor am Lyceum zu Aschaffenburg, folgte 1826 einem Ruf als außerord. Professor an die Universität München, wo er im folgenden Jahre zum ord. Professor der Kirchengeschichte und des Kirchenrechts befördert wurde. Außerdem lehrte er auch Religionsphilosophie und neuere Geschichte. Bald zeigte er sich als entschiedener Kämpfer für die Ansprüche der kath. Kirche gegenüber dem Staat. In diesem Sinne beteiligte sich D. an den Streitigkeiten über die gemischten Ehen (1838), an den Erörterungen über die Kniebeugung der prot. Soldaten (1843) und seit 1845 als Vertreter der Universität an den Verhandlungen der bayr. Kammer. Dies war der Grund, weshalb D. Sept. 1847 an demselben Tage, als die Stände berufen wurden, als Universitätsprofessor in den Ruhestand versetzt ward, wodurch er seinen Sitz in der Kammer verlor. Erst Marimilian II. setzte ihn 1849 wieder in sein Amt ein. Als Mitglied des frankfurter Parlaments (1848— 49) gehörte D. zu den bedeutendsten Führern der kath. Fraktion, welche sich bemühte, unter Berücksichtigung der völlig veränderten Verhältnisse der Kirche eine möglichst weitgehende Unabhängigkeit vom Staat und unbeschränkte Selbständigkeit in der Ordnung ihrer Angelegenheiten zu verschaffen. D. entwarf hier den Wortlaut der darauf bezüglichen Bestimmung, welche vom frankfurter Parlament nur teilweise in die Grundrechte, dagegen von Preußen unverändert als Artikel 15 der Verfassung aufgenommen und erst durch Gesetz vom 5. April 1873 wieder aufgehoben wurde. Als Vorkämpfer für die Unabhängigkeit und Selbständigkeit der kath. Kirche nahm D. auch teil an mehrern „Generalversammlungen der Katholischen Vereine Deutschlandso und an den Beratungen der deutschen Bischöfe in Würzburg EErnt und der . in Freising. Unter den Schriften, welche D.s streng kath.⸗-ultramontane Bestrebungen und seine Feindschaft gegen den Protestantismus am entschiedensten zum Ausdruck bringen, sind besonders zu nennen: eliber gemischte Ehen, zugleich Beurteilung der Bunsenschen Darlegung in der kölner K.hre (5. Aufl., Regensb. 1838), (Die Reformation, ihre innere Entwickelung und ihre Wirkungen im Umfange des luth. Bekenntnisseso (3 Bde., Regensb. 1846—48; 2. Aufl., Bd. 1, 1851), Luther, eine Skizzer (Freiburg 1851). besBeus als 10 Jahren eifriger Studien und stiller Berufsthätigkeit trat jedoch D. mit wesentlich andern an Mi an die Offentlichkeit. Im J. 1861 hielt er zu München vor einem gemischten Publikum zwei Vorträge, in welchen er die Möglichkeit einer Aufhebung der weltlichen Macht des Papstes und deren Folgen für die kath. Kirche besprach. Den vielen und heftigen Angriffen, welche D. deshalb erfuhr, stellte er die Schrift: Kirche und Kirchen. Papsttum und Kirchenstaato (Münch. 1861) entgegen, worin er eingehend bewies, daß die weltliche Herrschaft des Papstes für das Gedeihen der kath. Kirche nicht notwendig sei. Noch heftigere Anfeindungen erfuhr D., als er 1863 ½½ lich mit Haneberg eine Versammlung kath. Gelehrten, namentlich Theologen, 399 München berief und als deren Vorsitzender eine Rede Da t über die Vergangenheit und Gegenwart der kath. Theologiev, welche nachdrücklich eine gründlichere wissenschaftliche Bildung der kath. Geistlichen fordert. Bald darauf erschienen seine Papstfabeln des Mittelalterso (Münch. 1863). Im J. 1868 zum lebenslänglichen Mitglied des Reichsrates ernannt, stimmte D. mit den Bischöfen gegen den liberalen Schulgesetzentwurf der Regierung und erfuhr deswegen manche Vorwürfe. Als das Vatikanische Konzil zusammentrat, um die päpstliche Unfehlbarkeit auszusprechen, war D. der bedeutendste und der eifrigste derjenigen deutschen Theologen, welche die Verkündigung des neuen Dogmas zu hindern suchten. Schon vorher wies er im Januso (Münch. 1869) auf die Unhaltbarkeit und Unzuträglichkeit des neuen Dogmas hin; während des Konzils vermh½ er in der Allgemeinen Zeitunge die «Römischen Briefe vom Konzilo (als Buch erschienen Münch. 1870), welche mit voller Entschiedenheit die Anschauungen der Opposition vertraten, und ließ «Erwägungen für die Bischöfe des Konziliums über die Darse der Unfehlbarkeite, enthaltend eine kurze Darlegung der stärksten Bedenken gegen die Einführung des neuen Dogmas, in deutscher und franz. Ausgabe an die Mitglieder des Konzils verteilen. Als dennoch am 18. Juli 1870 die Dogmatisierung der päpstl. Unfehlbarkeit beschlossen ward, blieb D. seiner bisherigen Haltung treu. Ende Aug. 1870 präsidierte er zu Nürnberg einer Versammlung von kath. Gelehrten, deren Erklärung gegen den Konzilsbeschluß den Anstoß zur altkath. Bewegung gab. Vom Erzbischof von München-Freising zur Unterwerfung aufgefordert, antwortete D. 28. März 1871 mit öffentlicher Ablehnung, weshalb 17. April die eheteidie Hundnrüber ihn verhängt wurde. Doch ehrte die Universität den Exkommunizierten durch die Wahl zum Rector magnificus. Auch an den ersten Verhandlungen zur Gründung der altkath. Genossenschaft nahm D. teil. Seine Absicht ging jedoch nur auf eine Sonderstellung in der Kirche, und als der Wille der Mehrheit darüber hinausdrängte zur Bildung selbständiger Gemeinden, hat sich D. an der Bewegung nicht weiter beteiligt. Er wandte sich jetzt mit Eiser irenischen Studien und Bestrebungen zu. Mehrere Vorträge über die Wiedervereinigung der christl. Kirchend, 1872 zu München gehalten, zuerst in der Allgemeinen Zeitungo veröffentlicht (englisch als Lectures on the Reunion of the Churcheso, Lond. 1872), gaben den ersten Anstoß; im Einvernehmen mit einigen Bischöfen und Theologen der englischen, amerik.⸗bischöflichen und der oriental. Kirchen berief D. von 1874—76 dreimal Konferenzen nach Bonn, an denen auch altkath. Theologen teilnahmen. Man suchte die Mittel und Bedingungen festzustellen, unter welchen ohne Schädigung der die einzelnen Kirchen unterscheidenden Eigentümlichkeiten doch eine künftige Gemeinschaft angebahnt werden könne. Die Verhandlungen hatten naturgemäß wenig Erfolg; überdies erhob sich in England Dosschen Widerspruch, der polit. Antagonismus zwischen England und Rußland trat störend hinzu und die Verhandlungen wurden auf günstigere Zeiten vertagt. Zahlreichen, immer wiederholten Mahnungen und Bitten, sich der vollendeten Thatsache zu unterwerfen und das neue Dogma zu beschwören, hat D. stets nur die Erklärung entgegengesetzt, daß er sein Alter nicht mit einer Lüge beflecken werde und daß ein nach 18 üing iei. neu gemachtes Dogma für ihn ein Unding sei. ö Bereits 1847 ward D. zum infulierten Propst des Hochstifts St. Cajetan und Hofkapelldirektor zu München ernannt. Er ward 1835 außerordentliches, 1843 ordentliches Mitglied, 1873 Präsident der Akademie der Wissenschaften in München. Als solcher hat er eine Reihe von Reden gehalten (3. B. über Bonifaz VIII., über die Juden im Mittelalter), von denen einige als Broschüren, andere in der Allgemeinen Zeitungoveröffentlicht sind. D. ist Mitglied der HistorischenKommission, Vorsitzender des Ordenskapitels des bayr. Maximilianordens für Kunst und Wissenschaft. Als gelehrter Kirchenhistoriker genießt D. auch unter Protestanten hohes Ansehen. Von seinen Schriften seien noch genannt: „Die Lehre von der Eucharistie in den drei ersten Jahrhunderten(Mainz1826), «Handbuch der neuern Kirchengeschichteß (Bd. 3 von Hortigs Kirchengeschichtes, Landsh. 1828), «Geschichte der christl. Kircher (2 Bde., Landsh. 1833—35), (Lehrbuch der Kirchengeschichtes (2 Bde., Regensb. 1836 -38), „(Mohammeds Religion nach ihrer innern Entwickelung und nach ihrem Einfluß auf das Leben der Völkern (Regensb. 1838), «Hippolytus und Kallistus, oder die röm. Kirche in der ersten Hälfte des 3. Jahrh. (Regensb. 1853), «Heidentum und Judentum. Vorhalle zur Geschichte des Christentumso (Regensb. 1857), «Christentum und Kirche in der Zeit der Grundlegung‘ (Regensb. 1860), zwei Abhandlungen über Das Kaisertum Karls d. Gr. und seiner Nachfolgers (im «Münchener histor. Jahrbucho, 1865), «Sammlung von Urkunden zur Geschichte des Konzils von Triento (Bd. 1: Ungedruckte Berichte und Tagebücherv, Nördl. 1876), „Beiträge zur politischen, kirchlichen und Kultur-Nacendb der letzten sechs Jahrhunderte (3 Bde., egensb. 1862—82). ollnstein, Flecken im bayr. Regierungsbezirk Mittelfranken, Bezirksamt Eichstätt, an der Altmühl und an der Linie München-Ingolstadt-Bam-Hof der Bayrischen Staatsbahn, 10 km im WSW. von Eichstätt, mit 800 E.; dabei ein Schloß und eine Mineralquelle. D. ist mit hoher turmbesetzter entei umgeben. Unterhalb erhebt sich der zackige Burgstein.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 441Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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