Dorpat, russ. Derpt, altruss. Jurieff, estnisch Tartolin (aus Laar -Thor und lina —Burg), im Gouvernement Livland estnischen Anteils, die ansehnlichste und bestgebaute Stadt desselben, am Embach, über den eine steinerne und eine hölzerne Brücke 19 5 einst eine ansehnliche Hansastadt und jetzt, nach fast gänzlichem Verfalle zu Anfang des 18. Jahrh., wieder eine Stadt von (1881) 29727 C. mit ziemlich lebhaftem, durch Dampfschiffe nach Pleskau und Eisenbahnverbindung nach Reval und Petersburg vermitteltem Verkehr. D. hat schöne, meist gerade, zum Teil bergige Straßen, da der 35 m hohe Domberg und mehrere andere Hügel teilweise in der Stadt liegen, und sieben Kirchen. Sie ist vor allem Schulstadt mit zwei Gymnasien, Realschule, Lehrerseminar, drei höhern Mädchenschulen und einer größern Zahl mittlerer und niederer Schulen. Ihre volle Bedeutung aber erhält die Stadt erst im A die hier befindliche einzige deutsche Hochschule im Russischen Reich. Gustap Adolf erhob das 1630 von ihm errichtete Göymnasium zwei Jahre darauf von Nürnberg aus zur Universität; nach 24jährigem Bestehen löste sie sich infolge der Eroberung der Stadt durch die Russen (1656) auf, wurde nach Reval (1657—62) verlegt und 1690 in D. wieder restituiert, 1704 durch die Russen abermals gesprengt; nach Pernau verlegt, ging sie 1710 ganz unter. Die zum Unterhalte der schwedisch deutschen Universität D. bestimmten Güter waren von der russ. Regierung eingezogen, zugleich aber kapitulutuchten-v0d erstours die Universität aufs neue zu errichten; doch erst durch Alexanders JI. Stiftungsurkunde (12. Dez. 1802) ward dies wirklich ausgeführt. Das Universitätsgebäude, auf dem Grunde der alten schwed. Marienkirche im modernen Stile errichtet, enthält außer den Auditorien die meisten Kabinette; nur die Sternwarte, die Anatomie, der botanische Garten und die verschiedenen Kliniken sowie die Bibliothek haben abgesonderte Lokale in der Stadt und auf dem Domberge. Für die Bibliothek ist ein Teil der alten Domruine ausgebaut, die seit 1596, wo die vom Bischof Herman 1224 erbaute prachtvolle Domkirche abbrannte, den höchsten Punkt -des Bergs ziert. Die Bibliothek hat gegen 250000 Bände. Die Sternwarte besitzt den ältesten der großen Fraunhoferschen Refraktoren, und den einzigen, der von ihm selbst noch vollendet worden. Im Wintersemester 1882/83 hatte die Universität 62 Professoren und Docenten, 1426 Studenten (970 aus den Ostseeprovinzen, 282 aus dem übrigen Rußland, 154 aus Polen, 20 aus dem Ausland). Die Kollegien werden in deutscher Sprache gelesen. Die Universitätsanstalten, besonders die mediz. Institute, sind seit 1875 besser ausgestattet, und entsprechen völlig denjenigen gleich großer Universitäten in Deutschland. (Vgl. «Die deutsche Universität D. im Lichte der Geschichte und der Gegenwart. Eine histor. Studie auf dem Gebiete östl. Kulturkämpfer, 1.—3. Aufl., Lpz. 1882.) Seit 1846 ist —2— auch, unabhängig von der Universität, eine Veterinäranstalt gegründet. Unter den gelehrten und andern gemeinnüßigen Anstalten sind zu nennen: die Livländisch-Olonomische, die seit dem J. 1802 besteht, die Gelehrte Estnische Gesellschaft mit einer nicht unbedeutenden Altertums⸗ und Muünzsammlung, die Medizinische und Naturforscher-Gesellschaft, der Konsumverein, der Hausfleißverein, der Handwerkerverein u. s. w. Letzterer besteht seit 1861, zählt über 1000 Mitglieder, hat eine Schule für Angehörige des Gewerbestandes, ein Sommertheater und trägt außerordentlich viel zur Verbindung aller Stände in D. untereinander bei. Von estnischen Vereinen existieren nur der Eesti Kirjameeste selts (Estnischer Bildungsverein) und Wanemuine (ein geselliger Verein). Häufige Gesang⸗ und Turnfeste, endlich periodisch wiederkehrende Gewerbeausstellungen finden in D. statt. Kein anderer Ort Livlands hat ein so wechselvolles Schicksal gehabt, so schwere Kriegsnöte durchgemacht, wie Dorpat. Im J. 1030 suchten sich die Russen hier festzusetzen, konnten aber die Herrschaft nicht behaupten, die Esten wurden frei, bis 1224 der Deutsche Orden den befestigten Domberg erstürmte. D. ward hierauf Sitz eines Bischofs, dessen Palast die Stelle der heutigen Sternwarte einnahm. Im J. 1558 eroberte Iwan der Schreckliche die blühende, reiche deutsche Stadt; der Bischof ward nach Rußland abgeführt, die Verbindung mit der Hansa aufgehoben, die Stadt verfiel. Im J. 1582 kam D. nebst dem größten Teile Livlands an Polen und 1625 an Schweden; allein 1656 setzten sich die Russen wieder in den Besitz von Dorpat, mußten die Stadt zwar nach vier Jahren den Schweden zurückgeben, entrissen sie aber denselben definitiv 1704 im Nordischen Kriege. Durch den Eroberer Peter d. Gr. wurde D. 1708 aus Furcht vor Karl XII. vollständig zerstört und sämtliche Einwohner nach Rußlands Innerm abgeführt. Um 1774 hatte D. wieder 3300 E., da zerstörte 1775 ein Brand fast gänzlich die Stadt, sodaß die Einwohner nur durch eine ansehnliche Unterstützung der Kaiserin Katharina II. in den Stand gesetzt wurden, den Wiederaufbau zu beginnen, und zählte D. 1800 kaum 3524 E., aber durch deutsche Intelligenz 1851 bereits 12627 E. Daher trägt D., obgleich eine der ältesten Städte des Landes, einen durchaus modernen Charakter. Nur auf dem alten hochgelegenen, jetzt in einen schönen Park verwandelten Bischofssiß, den ausgedehnten Domanlagen, erinnern die stolzen Ruinen der einstigen Kathedralkirche an entschwundene Zeiten.