FeedEinfachheit
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Einfachheit und Einfalt. Einfach ist das, was keine oder nur wenig Bestandteile hat, oder was sich auf das Wesentliche beschränkt, daher soviel als schmucklos. In diesem Sinne spricht man von Einfachheit oder Simplicität eines Gegenstandes. Einfalt ist mit Einfachheit gleichbedeutend, sowohl im lobenden als im tadelnden Sinne. Unter Einfalt des Verstandes versteht man eine Beschränktheit desselben, die entweder angeboren oder aus Krankheit und Mangel an Üübung entstanden oder endlich Folge der Unmündigkeit ist. Moralische Einfalt hingegen legt man dem Manne schlichten Herzens und einfacher Sitte bei; die Einfalt des Herzens und der Sitten ist daher unter unverdorbenen Menschen stets ein hohes Lob. Wer einfältigen Verstandes ist, kann nicht nach weitaussehenden und verwickelten Absichten handeln; wer einfältigen Herzens ist, will es nicht. Der Einfältige ist dem Gewandten, Pfiffigen, Verschmitzten u. s. w. entgegengesetzt. Der Charakter der Einfalt ist Naivetät (s. d.), die stets mit der Unschuld verloren geht. Die ästhetische Einfachheit besteht im natürlichen Zusammenstimmen aller einzelnen Teile eines Kunstwerks zum Ganzen. Sie gibt nie mehr, als der Zweck fordert; ihre Kunstmittel sind die natürlichsten; ihre Anordnung und Verbindung ist die faßlichste; sie ist fern von allem Gesuchten, allem Prunk und aller überladung. Bei den Neuern ist sie mehr erworben oder künstlich, bei den Griechen war sie unwillkürlich; schon den Römern wurde es schwer, diesen Geist ihren Werken einzuhauchen. übrigens ist Einfalt nicht mit Einförmigkeit (Monotonie) zu verwechseln, die in der Ahnlichkeit der Teile eines Dinges in Hinsicht ihrer Form besteht.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 821Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 11

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Sitten & Mode 6