FeedElektrodynamik
TechnikBrockhaus 1882

Elektrodynamik sollte eigentlich — im Gegensatze zur Elektrostatik (s. d.), d. i. zur Lehre von den Wirkungsgesetzen der ruhenden oder statischen Clektricität (s. Elektricität) — gebraucht werden, um die Lehre von den Wirkungsgesetzen der bewegten oder dynamischen Elektricität, d. i. der elektrischen Ströme, zu bezeichnen. Gewöhnlich versteht man jedoch unter C. nur jenen Teil der dynamischen Elektricitätslehre, welcher die gegenseitige Einwirkung elektrischer Ströme untereinander, oder zwischen elektrischen Strömen und Magneten behandelt. In diesem Sinne hat Ampore (1820—26) die elektrodynamischen Anziehungs-und Abstoßungsgesetze studiert; es kam hierbei zunächst darauf an, verläßliche Erfahrungsgesetze zu gewinnen. Zu diesem Behufe ersann Ampore ein nn. Verfahren, die Stromleiter leicht beweglich aufzuhängen und andere elektrische Ströme in passender Weise darauf wirken zu lassen. Ein derartiges cAmperesches Gestelle (s. vorstehende Fig. 1). besteht aus zwei voneinander isolierten Metallstäben, in deren Quecksilbernäpfchen zunächst Rahmen aus Kupfer oder aus dem spezifisch leichtern Aluminiumdraht derart eingehängt werden, daß sie sich frei drehen können. Verbindet man nun je einen der Drahtträger mit einem der Poleeiner Voltaschen Kette, und stellt dem nunmehr elektrisch durchströmten »Drahtgehänge einen andern fixen, elektrisch Err Lage enta Drahters in paralleler oder gekreuzter Lage entgegen, so verrät jenes Drahtgehänge durch seine Drehung, je nach den Bedingungen, elektrische Anziehung oder Abstoßung. In solcher Weise stellte Ampere (welchem andere auf verschiedenen Wegen folgten) fest: 1) Parallele nach derselben Seite hin gehende Ströme ziehen einander an. 2) Entgegengesetzt gerichtete parallele Ströme stoßen einander ab. 3) Sind zwei Ströme gerichzeitig gegen den Scheitel eines Winkels geri tet oder kommen beide von dem Scheitel des Winkels, so ziehen sie sich an. 4) Geht ein Strom gegen den Scheitel eines Winkels, ein anderer von dem Scheitel des nämlichen Winkels, so stoßen sich diese beiden Ströme ab. ö In sehr einfacher Weise läßt sich die Anziehung paralleler Ströme derselben Richtung zeigen, wenn man eine schlaffe Spirale aus Kupferdraht (s. beistehende Fig. 2) in einen Stromkreis lotrecht so einschaltet, daß die untere Spitze in Quecksilber taucht. S zogen, mithin der elektrische Strom unter⸗ — brochen wird. Sobald dies geschehen ist, — senkt sich jene Drahtspitze — vermöge der — (Clasticität und Schwere der Spirale sowie — des Gewichts der am untern Ende wirken⸗ — den kleinen Kugel — wieder in das Queck⸗ — silber, und das Spiel beginnt aufs neue — u. s. w. In solcher Weise ist hier der obige Stromunterbrecher (Disjunktor) zu erhal⸗ — gekreuzte Ströme streben einander parallel zu stellen. Und weil jeder Punkt eines Fig. 2. geradlinigen Stroms sich als der Scheitel läßt, so ergibt sich aus obigem Satz 4: Die Teile eines und desselben geradlinigen Stroms stoßen einander ab. Bezüglich der Intensität der gegenseitigen Einwirkung fand Ampere. Die Stärke der gegenseitigen Einwirkung zweier Ströme verhält sich gerade wie das Produkt der Stromstärken, wie die Längen der Stromteile und umgekehrt, wie das Quadrat ihres Abstandes. Aus den elektrodynamischen Grundgesetzen lassen sich Rotationen von beweglichen berenzten Stromleitern unter Einfluß von fixen in ich und zrsahrung Stromleitern theoretisch ableiten und erfahrungsweise erhärten. Auch zwischen elektrischen Strömen und Magneten jeder Art bestehen Wechselwirkungen. (S. Elektromagnetismus und Elektromagnetische Rotationen.) Um diese besser zu verstehen, nehmen wir mit Ampere (1820—21) an, daß jeder Magnet sich als ein Eisenstab auffassen lasse, bei welchem jedes Molekül von einem elektrischen Strom beständig umkreist wird. Wenn alle diese Molekularströme eines jeden Querschnittes des Eisenstabes zueinander arallel und in derselben Richtung laufen (Fig. 3), o erscheint jener Stab auf das höchste magnetisiert. Conversations-Lexikon. 13. Aufl. VI. Wenn dagegen jene Molekularströme teilweise oder gar alle von jener gleichgerichteten, gegenseitigen, parallelen Lage abweichen, so heben sie sich in ihrer magnetisierenden Wirkung auf die Eisenmoleküle zum Teil oder gänzlich auf, weshalb dann der Eisenstab nur schwach oder völlig unmagnetisch er— — Alle gleichgerichteten Molekularströme (Fig. 3)eines jeden Querschnittes des Eisenstabes wirken zusammen als *s?? resultierender Strom, welcher Fig. 3. jenen Querschnitt rechtwinkelig zur Stabachse umfließt. Es läßt sich daher jeder Magnetstab (Fig. 4) ansehen, als ob er an seiner Oberfläche von einer Reihe gleichgerichteter, also auch paralleler Ströme umschlossen wäre. Die Pole eines solchen Magnetstabes lassen sich nach den Regeln des Elektromagnetismus (s. d.) bestimmen. In unmagnetischen Stäben gehen die elektrischen Ströme nach den verschiedensten Richtungen und heben sich dadurch in ihren Wirkungen auf. Magnetisieren heißt, die vorhandenen geschlossenen elektrischen Ströme quer zur Achse, einander parallel und nach derselben Seite (Fig. 4) richten. Der Erdmagnetismus hätte demnach seine Ursache in elektrischen Strö: men, welche die Fig. 4. Erde von Ost gegen West umkreisen. In der That wirken die Magnete und elektrischen Ströme den Folgerungen dieser Annahmen gemäß. Ein rechteckiges oder auch kreisförmiges, elektrisch durchflossenes Drahtgehänge (Fig. 1 und 5) stellt sich unter dem alleinigen Einflusse des Erdmagnetismus so, daß seine Ebene mit der des magneti— F7 schen Meridians einen rechten Winkel bildet und daß der elektrische Strom in der untern Hälfte des Drahtes von Ost nach West geht. Ein solches Drahtgehänge ist gleichsam ein Magnet mit unendlich kleiner Achse. Ein von einem elektrischen Strome durchflossener und (am Stativ Fig. 1) um lotrechte Achse leicht beweglich aufgehängter, schrau— Fig. 5. benartig gewundener Draht (Fig. 6) wird sich daher so stellen, wie eine magnetische Deklinationsnadel, d. h. derart, daß seine Längenachse in den magnetischen Meridian fällt, und daß der galvanische Strom in den untern Teilen der Windungen von Ost sosche West gerichtet ist; eine solche vom Erdmagnetismus gerichtete Drahtspirale wird Solenoid genannt. Fig. 6. Die von Ampere im Versuchs⸗ ö wege aufgefundenen elektrodynamischen Gesetze dienen als Basis bei der mathem. Ableitung der elektrodynamischen Grundgesetze. Die experimentellen Behelfe Amperes gestatten keine strenge 90½ keit; dennoch sind seine Gesetze verläßlich, wie Wilh. Weber später (1846) mittels des von ihm erdachten Elektrodynamometers, d. i. eines höchst feinen, zur Bestimmung der elektrodynamischen Gesetze dienenden Meßapparats, gezeigt hat.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 32Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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