FeedEmmerich
ErdkundeBrockhaus 1882

Emmerich, Stadt im Kreise Rees, Regierungsbezirk Düsseldorf der preuß. Rheinprovinz, Landgerichtsbezirk Duisburg, liegt rechts am Rhein, 19 meüber dem Meere, in einer fruchtbaren, den überschwemmungen des Stroms ausgesetzten Ebene, 3,5 km von der niederländ. Grenze, ist Station der auf dem Rhein verkehrenden Dampfschiffe und der Linie Oberhausen-E. der Preußischen Staatsbahn, an welche hier die Linie E.⸗Utrecht-Amsterdam der Niederländischen Rheinbahn anschließt, steht mit dem linken Ufer des Rheins durch eine fliegende Fähre in Verbindung, hat freundliche, reinliche und hreite Straßen mit überwiegend nur zweistöckigen Häusern, hat bei seiner CEinwohnerzahl einen verhältnismäßig großen Umfang und trägt schon völlig holländ. Charakter. E. ist Sitz eines Amtsgerichts, eines Hauptzollamts mit seilen eär und vier besondern Zollabfertigungsstellen, eines Hafenkommissars, einer Steuerkasse, eines evang. Superintendenten und hat ein Postamt erster Klasse mit Telegraphie und Zweigstelle, ein Gemeinde-Eichungsamt, eine Eisenbahnwerkstätte, ein hv Arant eine Anstalt für verwahrloste Kinder, ein Krankenhaus, eine Gasanstalt, eine städtische Sparkasse, ein städtisches Leihamt und eine Kreditbank, zwei kath., eine evang. und eine Mennonitenkirche sowie eine Synagoge. Die Aldegundiskirche, 1145 Leufpieh, mit einem stattlichen got. Turme (Glockenspiel), drei gleich hohen Schiffen und reichem Figurenschmucke, ist ein großer got. Ziegelbau von 1483. Die roman. Münster- oder Martinuskirche ohth. an; dieselb gehört der ersten Hälfte des 11. Jahrh. an; dieselbe besitzt eine sehenswerte, kürzlich restaurierte Krypta, den roman. Reliquienschrein des heil. Willibrord, Chorstühle von 1486, einen Denkstein des Herzogs Ger-Ren von Schleswig, welcher 1433 hier auf einer Reise starb, und einen massiven Messingtaufkessel in den Formen der Frührenaissance, mit Kranen zum Hinwegheben des Deckels. Früher (1592— 1811) bestand — E. eine berühmte Jesuitenschule und 1832 erhielt die Stadt wieder ein kath. Gymnasium, welchem 1868 ein Konvikt für auswärtige Zöglinge beigefügt wurde. Außerdem bestehen hier noch eine Rektoratschule und eine höhere evang. Töchterschule. Der Ort zählt (1880) 8900 E. (darunter 7230 Katholiken, 1491 Evangelische und 158 Juden), hat beträchtlichen Tabaksbau, sehr lebhaft betriebene Viehzucht, welche durch die vorzüglichen Fettweiden der Umgebung begünstigt wird, nicht unbedeutenden Fisch⸗ m. Fabrit Lachsfang, eine Eisengießerei, zwei chem. Fabriken, eine Seifenfabrik, eine Fabrik von Posamentierwaren, zwei Goldleistenfabriken, eine Strumpfwirkerei, eine abrik von Pianofortes, drei Bürsten⸗, sechs Leder⸗, zwei Essig⸗, sieben Liqueur⸗,eine Mineralwasser⸗,eine Chokoladen⸗, 17 Tabaks⸗ und Cigarrenfabriken, eine Schiffswerfte, eine Lohmühle, zwei Getreidemühlen, drei Brauereien, eine Ziegelei, zwei Buch- und zwei Steindruckereien, bedeutenden Handel mit Tabaksblättern und Kolonialwaren, namentlich mit Kaffee, sowie mit Butter und Käse; jährlich finden hier 3 Tabaks⸗ und 25 Viehmärkte, in jeder Woche ein bedeutender Getreidemarkt statt. Auch wird hier Peru-Guano gereinigt. Ein anderer Erwerbs-NW ist die Rheinschiffahrt, für welche ein vortrefflicher Zollrevisions⸗ und Sicherheitshafen für 45 Schiffe besteht. Im J. 1878 passierten zu Thal 13 148 Schiffe von 1994 879 t und 13 709 Flöße, 16 Berg 6235 Schiffe von 1128982 t. — E. ist ein ehr alter Ort, der als Villa Embricensis oder Embrica (später auch Embreche, Embrecha, Embricha, Embrike) bereits seit 697 (Gründung der Martinuskirche durch den heil. Willibrord) erwähnt wird und seinen Ursprung der Kollegiatkirche verdankt. Der Ort wurde 1247 durch den Grafen Otto von Geldern, unter dessen Schutz sich 1233 das Kapitel gestellt hatte, mit Mauern umgeben und zur Stadt erhoben, kam durch Verkauf 1402 an Kleve, gehörte seit 1407 zur Hansa und soll zu seiner Blütezeit im 15. Jahrh. an 40000 C. gehabt haben. Im J. 1599 wurde es von den Spaniern unter Mendoza belagert. Nachdem E. 1609 mit Kleve an Brandenburg gekommen, wurde es 1614 von Moritz von Nassau besetzt und stark befestigt, 1672 durch Ludwig XIV. genommen, ihre Festungswerke von demselben geschleift, 1794 als offene Stadt vom franz. General Vandamme bombardiert, huldigte 1806 Murat und kam 1815 wieder an Preußen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 107Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 4

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Erdkunde 6