Münster, die Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks sowie der preuß. Provinz Westfalen, der Sitz eines Bischofs und Domkapitels, des Oberpräsidiums, der königl. Regierung, des Generalkommandos des 7. Armeekorps, eines Land- und Amtsgerichts, des Oberpostamts und der Provinzialsteuerdirektion, an der Aa, welche nach einem Laufe von 35 Em in die Ems fällt, Station der Linien Soest-Emden, M.⸗Enschede und Hamburg-Köln der Preußischen Staatsbahnen. Die Stadt selbst, in einer durchaus ebenen Gegend gelegen, ist gleichwohl eine der schönsten Städte Westfalens, hat mit Einschluß der kleinen Vorstadt St. Mauritz zehn kath., eine prot. Kirche, sowie eine Synagoge, größtenteils gutgebaute Häuser, von denen die am Markte beiderseits mit Arkaden und hohen Giebeln geziert sind, breite Straßen und zählt (1800) 40434 meist kath. E. Von den Kirchen sind sehenswert: die Domkirche auf dem geräumigen, von ansehnlichen Gebäuden (Akademie, bischöfl. Hof, Museum, Ständehaus, Post, Regierung, Bank) umgebenen, von hochstämmigen Linden beschatteten Domhofe, 1168—90 und 1225—61 erbaut, im Innern von großartigen Verhältnissen, mit trefflichen Werken alter Skulptur und bunten Wandmalereien; ferner die im schönsten got. Stile gebaute Lambertikirche am Markte, deren Turm abgebrochen ist, die schöne, im got. Stile erbaute Liebfrauenkirche mit ihrem kolossalen, aus großen Quadern aufgeführten Turme; die Ludgerikirche mit ihrem achteckigen Turme, dessen oberes Geschoß mit den offenen Fenstern, Stabwerk und Fialen zu einer zierlich krönenden Galerie aufsteigt. Von den weltlichen Gebäuden zeichnet sich aus das Rathaus am Markte mit seinem stolzen got. Giebel. Der in demselben befindliche Saal, in welchem 24. Okt. 1648 der Westfälische Friede unterzeichnet wurde, ist noch unverändert erhalten und mit den Porträts der Gesandten geziert. Außerdem sind noch zu erwähnen: der alte Stadtkeller mit dem Museum des Kunstvereins; das neue, nach Pennsylvanischem System erbaute Zuchthaus; der Bahnhof mit seinen Umgebungen; die Paläste der Freiherren von Romberg, des Grafen Droste und anderer Adeligen. Die ehemaligen Festungswerke wurden schon im 18. Jahrh. in eine Lindenallee umgeschaffen, und auf der ehemaligen Citadelle ward der fürstbischöfl. Palast (das Schloß am Neuen Platze) mit schönen Gartenanlagen erbaut, ebenso wurden die Stadtthore abgebrochen und in bepflanzte Plätze verwandelt. Man fertigt Leinwand, Baumwollzeuge und Leder; auch bestehen ansehnliche Brennereien und Brauereien. Bildwerke aus Baumberger Stein, Schnitzwerk, Glasgemälde werden weithin versendet. Der Handel erstreckt sich auf Leinwand, Mehl, und andere Landesprodukte, insbesondere «Westfälische Schinkeno und Pumpernickel. Unter der großen Menge milder Stiftungen sind besonders das Clemenshospital mit den Barmherzigen Schwestern und das Krankenhaus der Franziskanerinnen auf St. Mauritz hervorzuheben. An der Spitze der Unterrichtsanstalten steht die Akademie (bis 1818 Universität) mit zwei Fakultäten (einer katholischtheologischen und einer philosophischen), 40 Lehrern und 400 Studierenden. Ferner besitzt M. ein Gymnasium, ein Realgymnasium, ein Priesterseminar, ein Seminar fur Lehrerinnen u. s. w. Die Paulinische Bibliothek enthält gegen 50000 Bände. Zur Akademie gehören ein naturhistor. und mineralog. Museum und ein botan. Garten. Von wissenschaftlichen Vereinen ist der für westfäl. Geschichte und Altertumskunde mit seinen Sammlungen von Altertümern, Münzen u. s. w. zu nennen. M. kommt unter dem Namen Mimigardevord schon zu Karls d. Gr. Zeiten vor, der 802 dem zum Bischof der Sachsen ernannten heil. Ludger diesen Ort zu seinem Wohnsitze anwies. Die erste Ansiedelung um das Kloster wurde 1115 befestigt, und die sich bildende Außenstadt erhielt nun vom Kloster (lat. monasterium) den Namen M. Die Stadt hatte unter Bischof Hermann II. (1174 — 1203) ihren jetzigen Umfang schon erreicht, erhielt um 1180 Stadtrechte und umgab sich mit Mauern, Türmen und Graben. Um die Mitte des 13.Jahrh. ging sie mit andern Städten Westfalens Schutzbündnisse ein und suchte sich für ihren blühenden Handel nach dem Norden zur Ostsee und weiter nach Livland Bahnen zu eröffnen, während sie den Bischöfen und dem Domkapitel gegenüber ihre städtischen Freiheiten erweiterte und Teilnahme an den gemeinen Landtagen (1309) errang. Seitdem begannen im Innern der Stadt die Kämpfe der mächtigen Gilden gegen die patricischen Erbmänner-Familien, bis in den demokratischen Stürmen (1447 —57) die Gilde in der Gesetzgebung gleiche Berechtigung erhielt. Dem Aufschwunge, den die Wissenschaft und Schule durch den Domherrn Rudolf von Langen (gest. 1518) genommen, folgte die Erregung auf dem religiösen Gebiete, indem die Reformation seit 1532 auch hier unter Kämpfen Eingang fand, aber den Wiedertäufern alsbald weichen mußte. Das phantastische Reich des Neuen Sion unter König Johann von Leiden fiel jedoch bald unter den Trummern der mit Hilfe des Reichs eroberten Stadt zusammen (1534 — 35), welche nach Niederwerfung des Aufstandes wieder rasch emporblühte. Nur der übermut der Gilden und das Streben nach unmittelbarer Reichsfreiheit führte zu Streitigkeiten egen die Machtstellung der Düchnr der und endlich zu offenem Kampfe. Bischof Bernard von Galen eroberte die Stadt und unterwarf sie unter Vernichtung ihrer alten Rechte und Freiheiten unbedingt seiner Herrschaft (1661). Vgl. Erhard, (Geschichte M.so (Münst. 1837); Geisberg, Merkwürdigkeiten der Stadt M.y (7. Aufl., Münst. 1880); Keller, «Geschichte der Wiedertäufer»(Münst. 1880). Das vormalige Hochstift Münster war das größte des Westfälischen Kreises und zählte auf 9900 akm etwa 350000 E. Anfangs unter der Vogtei der Grafen von Tecklenburg, wurde es im 12. Jahrh. zum Reichsfürstentum erhoben. Auch erhielt der Bischof, der im Westfälischen Kreise erster kreisausschreibender Fürst und Direktor war, 1708 Sitz und Stimme im Reichsfürstenrate, in den er aber nie eingeführt wurde. Seit 1719 waren die Erzbischöfe von Köln zugleich Bischöfe von M., das jedoch seine besondere Regierung behielt. Im Reichsdeputationshauptschlusse von 1893 wurde das Hochstift säkularisiert. Das Territorium wurde geteilt und als Entschädigung an Preußen, an den Herzog von Holstein-Oldenburg, den Herzog von Aremberg, das fürstl. und rheingräfl. Haus Salm, den Herzog von Croy und den Herzog von Looz und Corswarem gegeben. Der dem letztern zugefallene Teil erhielt den Namen des Fürstentums Rheina-Wolbeck. Preußen bildete aus seinem Anteile (3300 qkm mit 128000 E.) das Fürstentum Münster, welches im Tilsiter Frieden 1807 an Frankreich abgetreten und zu dem neugebildeten Herzogtum Berg geschlagen, 1810 aber zum größten Teile mit den an die Häuser Salm, Aremberg, Croy und Looz und Corswarem gefallenen Teilen des Hochstifts M. mit dem franz. Kaiserreiche vereinigt wurde. Infolge der Bestimmungen des Wiener Kongresses erhielt Preußen das Fürstentum M. zurück, mit Ausnahme von Kloppenburg und Vechta, die wieder unter oldenburg. Hoheit kamen, und zugleich die Souveränetät über die ehemals münsterschen Landesteile der Häuser Salm, Croy und Looz und Corswarem. Hannover aber wurde Souverän über die münsterschen Besitzungen der mediatisierten Herzöge von Aremberg und über einen kleinen Teil der Looz- und Corswaremschen Besitzungen. Seitdem bildet das Fürstentum M. den Hauptbestandteil des preuß. Regierungs-⸗ bezirks Münster, der ein Areal von 7249 qkm mit (1880) 470644 meist kath. E. hat und in 11 Kreise (Stadt M., Münsterland [849 qkm mit 37572 CE.], Warendorf, Beckum, Lüdinghausen, Koesfeld, Ahaus, Steinfurt, Tecklenburg, Borken und Recklinghausen) zerfällt. Vgl. Brückmann, «Altes und Neues aus dem Münsterlando (Paderb. 1863); Cornelius, «Geschichte des münsterschen Aufruhrs » (2 Bde., Lpz. 1855 —60); Tücking, «Geschichte des Stifts M. unter Christoph Bernard von Galeno(Münst. 1865).