FeedGeognosie
NaturlehreBrockhaus 1882

Geognosie und Geologie. Unter Geognosie (arch., d. i. Kenntnis der Erde) versteht man die Lehre vom Bau der festen Erdkruste. Unter Geologie (d. i. Lehre von der Erde) wird dagegen vorzugsweise die theoretische, oft hypothetische Erklärung des Baues der Erde, die Erdentstehungsgeschichte (Geogenie), verstanden. Da die feste Erdkruste wesentlich aus Mineralaggregaten besteht, welche man Gesteine oder Felsarten zu nennen pflegt, wie z. B. Granit, Gneis, Sandstein, Kalkstein u. s. w., so ist es eine erste Aufgabe der Geognosie, die Verschiedenheiten derselben zu untersuchen und festzustellen (Petrographie, Gesteinslehre). Hierbei ergab sich zugleich, daß alle diese Gesteine teils durch Erstarrung aus einem vorher heißflüssigen Zustande, teils durch Ablagerung aus Wasser entstanden sind; infolge davon unterscheidet man Erstarrungsgesteine und sedimentäre Gesteine. Was man von den Erstarrungsgesteinen beobachten kann, ist im heißflüssigen Zustande aus dem Erdinnern gegen die Oberfläche emporgedrungen und dann in Spalten zwischen bereits vorhandenen Gesteinen oder nach dem Überfließen an der Oberfläche zur Erstarrung gelangt, wie die Laven der Vulkane. Aus diesem Grunde nennt man dergleichen Erstarrungsgesteine gewöhnlich Eruptivgesteine. Die sedimentären Gesteine sind ihrer Zusammensetzung nach vorherrschend kalkig, thonig, sandig oder konglomeratartig, ihrer speziellen Entstehung nach aber chem. Niederschläge oder mechan. Ablagerungen. Die letztern sind die vorherrschenden; zu ihnen gehören z. B. alle Sandsteine und Konglomerate, Thon, Schieferthon, Thonschiefer u. . w.; die chem. Niederschläge, wie Kalkstein, Dolomit, Gips, Steinsalz u. s. w., entstanden zum Teil erst infolge der Thätigkeit von Organismen, so besonders viele Kalksteine. Zu den sedimentären Gesteinen gehören auch die Kohlenlager, welche aus der Anhäufung von Pflanzenresten hervorgingen, und manche Kieselgesteine, die durch die lokale Anhäufung von kieseligen Infusorienschalen gebildet wurden; endlich auch die große Gruppe der krystallinischen Schiefergesteine, wie Gneis, Glimmerschiefer, Phyllit. Außer diesen weitverbreiteten Hauptgesteinsbildungen sind noch die Ausfüllungen von Spalten durch allerlei Mineralien zu berücksichtigen, die sich durch Inkonstanz ihrer Zusammensetzung auszeichnen und zu denen z. B. die Erzgänge gehören. Die Aufgabe der Geologie besteht aber keineswegs lediglich in der Untersuchung und Unterscheidung der verschiedenartigen Massen, aus denen die ho Erdkruste zusammengesetzt ist, sondern ganz esonders auch in der Untersuchung der Beehungen Lagerungsverhältnisse und sonstigen Beziehungen, unter denen sie auftreten, woraus sich eben erst der innere Bau der festen Erdkruste, die Geotektonik, ergibt. Aus diesen Untersuchungen ergibt sich zugleich die spezielle Art der Entstehung der Gesteine sowie ihr relatives Alter und zuletzt die Bildungsweise oder Entstehungsgeschichte der festen Erdkruste überhaupt. Für die Beurteilung der sedimentären Gesteine sind die sehr häufig darin enthaltenen Überreste von organischen Körpern, die sog. Versteinerungen, ganz besonders wichtig. Sie rühren von Pflanzen oder Tieren her, die in frühern Zeiten lebten und deren Spezies größtenteils nicht mehr lebend existieren, ja die zum Teil sogar sehr bedeutend von den jetzt lebenden Formen abweichen. Aus ihrer Verteilung in den übereinander liegenden und folglich nacheinander gebildeten Schichten oder Ablagerungen geht hervor, daß unausgesetzt, aber in sehr langen Zeiträumen neue Formen entstanden und vorhandene erloschen sind, und daß jede Periode der Entwickelungsgeschichte der Erde ihre von der vorhergegangenen und folgenden verschiedene Flora und Fauna gehabt hat. Seitdem man die chronol. Anordnung der fossilen Reste erkannt hat, pflegt man dieselbe vorzugsweise zur Bestimmung des geolog. Alters der Ablagerungen zu benutzen. Auf diese Weise ist die Dersteinerungstande oder Paläontologie für die Geologie außerordentlich wichtig geworden, während sie äußerdem auch noch die Botanik und Zoologie ergänzt, indem sie dieselben weit über die Jetztzeit zurück ausdehnt. Die Produkte der gesteinsbildenden Thätigkeit während jedes einzelnen dieser Zeitabschnitte, also die Schichtenkomplexe, welche während jeder Periode zur Ablagerung gelangt sind, nennt man Ge rmationen. Dieselben umschließen in ihrer esteinsmasse, gewissermaßen als Denkmünzen aus den Zeiten, welchen sie ihre Entstehung verdanken, die Reste der damaligen Tier⸗ und Pflanzenwelt. Nach der größern oder geringern Ähnlichkeit ihres paläontolog. Charakters vereinigt man einerseits mehrere Formationen zu je einer Gruppe und teilt andererseits wiederum jede einzelne Formation in eine Anzahl Unterabteilungen (Stufen). Man erhält dadurch von oben nach unten folgende Gliederung der sedimentären Schichtenreihe: ionsgruppe Miocän. mia Mesozoische Formationsgruppe Malm. Paläozoische Formationsgruppe 4 Silurische Formation. rchäische Forma⸗(Krystallinische Schieferformation. tionsgruppe Urgneisformation. In allen diesen Perioden sind bald hier, bald da Eruptivgesteine aus dem Erdinnern emporgedrungen und haben sich zwischen die ältern Sedimentäresteine eingeschoben oder haben dieselben überagert. Durch das alles wurde der innere Bau der festen Erdkruste und nach ein immer komplizierterer, und die Mannigfaltigkeit seiner Zusammensetzung hat dann auch einen großen Einfluß auf die Oberflächengestaltung der Erde ausgeübt. Diese ist daher in ihren Beziehungen zum innern Bau und durch ihren Uirsprung natürlich ebenfalls Gegenstand der Geologie. Die letztere zeigt, daß die Unebenheiten der Erdoberfläche vielerlei Ursachen haben. Die wichtigsten darunter sind Hebunen, Senkungen, Faltung, Verwitterung, Aufagerungen und Abschwenmmunggen, die sich teils gegenseitig unterstützen und ergänzen, teils auch in gewissem Grade neutralisieren. Um die im Erdinnern beobachteten Erscheinungen und die Gestaltung der Oberfläche zu erklären, beachtet die Geologie ganz vorzugsweise auch die gegenwärtig auf und in der festen Erdkruste vorgehenden Veränderungen, Zerstörungen und Neubildungen durch Wasser, vulkanische Thätigkeit, Luft, organisches Leben u. s. w. und schließt aus diesen gegenwärtien Vorgängen auf die noch anz größtenteils voristorischen, welche nur noch aus ihren Wirkungen (aus dem besondern Bau der festen Erdkruste) erkennbar sind. Auf diese Weise führt sie uns bis in die frühesten Erdzustände zurück. Als Resultat aller dieser Forschungen haben wir gegenwärtig zu betrachten, daß der Erdkörper höchst wahrscheinlich aus einem heißflüssigen Zustande durch sehr langsame Abkühlung von außen nach innen in einen an der Oberfläche festen, aus erstarrten Gesteinen gebildeten Zustand übergegangen ist. Auf der Oberfläche dieser festen Kruste über einem, wie man glaubt, noch immer glühenden Kerne hat dann das Wasser zu wirken angefangen und durch Zerstörung und Wiederablagerung der ursprünglich erstarrten Massen die geschichteten (oder sedimentären) Gesteine, die Flötzformationen gebildet, welche in regelmäßiger Reihe aufeinander folgen, und deren relatives Alter sich am besten durch die darin enthaltenen Versteinerungen bestimmen läßt. Während der Ablagerung dieser Formationen haben zaber fortwährend Reaktionen des heißflüssigen Innern auf die starre Kruste und Oberfläche stattgefunden. Durch andauernde Zusammenziehung der Erdkruste infolge der Abkühlung und Volumenverminderung der Erde runzelte sich die Erdoberfläche zu Falten, zerbrach in Schollen, die sich über⸗ und aneinanderschoben (Gebirge); zugleich wurden ursprünglich horizontale Gesteinschichten aufgerichtet und lavaartige (eruptive) Gesteine durch Spalten emporgepreßt. Die Vulkane sind die gegenwärtigen Folgen dieser noch fortdauernden Reaktion. Lange Kan hat unter den Geologen ein wissenschaftlicher ampf bestanden zwischen den sog. Neptunisten und Vulkanisten, indem die einen alles durch Wasser, die andern sehr vieles durch vulkanische Thätigkeit entstehen neden. Diese extremen Ansichten sind durch die unbefangenern Beobachtungen der Neuzeit so ziemlich vermittelt. Dennoch bestehen über viele geolog. Vorgänge noch sehr ungleiche Ansichten. Die Tendenz, welche gegenwärtig in der Geologie vorherrscht, ist wesentlich auf Erforschung der jetzt noch wirkenden Kräfte und deren Wirkungen in der Vorzeit gerichtet. So hat sich 0 gebrach in der Gesteinslehre die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß beständige Umwandlungen der Gesteine Platz greifen, durch welche nicht nur die Struktur, sondern auch die chem. Audert wid. derselben schließlich gänzlich verändert wird. an suchte diese Veränderungen einesteils an den die Gesteine zusammensetzenden Mineralien zu studieren an der Hand der sog. Pseudomorphosen, bei welchen die ursprüngliche Krystallgestalt erhalten bleibt, der den Krystall bildende Stoff aber durch einen andern ersetzt wird, oder auf chem. Wege durch künstliche Bildung in der Natur vorkommender Mineralien, wo man dann aus der Operation auf den in der Natur vorgekommenen Auteoftoiiche zurückschloß, oder endlich auch durch mikroskopische Untersuchungen, die man an Dünnschliffen der Gesteine anstellte. Mit solchen mikroskopischen Untersuchungen 1 sich besonders Sorby in England, Zirkel, ogelsang und Rosenbusch in Deutschland beschäftigt. Mit großer Energie hat man auf der andern Seite das Studium der geschichteten Gesteine und ihrer Einschlüsse weitergeführt. In engster Verbindung mit ihm steht die Aufnahme geolog. Ie Berkarten, welche dürch verschiedene Farben 5 Ver breitung der Formationen auf der Oberfläche und die Grenzen derselben genau erkennen lassen. Einzelne Länder und Provinzen sind auf diese Weise anz ausgezeichnet bekannt geworden und namentich sind die Spezialkarten, welche bis jetzt von einigen Teilen Preußens, Sachsens und der Schweiz erschienen sind, Muster der Ausführung. Was die Paläontologie betrifft, so bietet dieselbe zwei Hauptrichtungen dar: die zoologischbotanische, welche durch Erforschung versteinerter Tier⸗ und Pflanzenarten mit den noch jetzt lebenden Organismen zu erkennen strebt, und die geologische, welche aus dem Zusammenvorkommen der Versteinerungen Schlüsse auf die Periode, welcher die Schichten angehören, auf ihre Bildungsweise und auf die äußern Verhältnisse (Klima, Bodenbeschaffenheit, Meeresströmungen, Verteilung von Land und Wasser u. s. w.) zu machen sucht. Für die erstere, organologische Richtung wurden die von Darwin ausgegangenen Lehren besonders maßgebend, indem sie den Satz aufstellten, daß die jetzigen Tiere und Pflanzen direkte Nachkommen der untergegangenen Arten seien und daß die Entwickelungsstufen, welche die jetzigen QOxrganismen von ihrer Bildung aus dem Ei an durchläufen, von den untergegangenen Vorfahren bleibend dargestellt wurden. Auch in technischer Hinsicht ist die Geologie wichtig, da nicht nur das Auffinden und Verfolgen von Erzgängen und Lagern, von Brennstoffen, Salz u. s. w., sondern auch die Anlage von Eisenbahnen, Tunneln u. dgl. Kenntnisse vom geolog. Bau der betreffenden Gegend erfordert. Litteratur. Die verbreitetsten Werke über Geologie und Geognosie sind folgende: Naumann, „Geognosie » (2. Aufl., 2 Bde., Lpz. 1857 — 62); Lyell, Principles of geologyo, worin namentlich die Lehre von den stets gleichbleibenden geolog. Ursachen und Wirkungen vertreten ist; Dana, Ma⸗- nual of geologys (2. Aufl., Neuyork 1872); B. von Cotta, (Geologie der Gegenwarty (4. Aufl., Lpz. 1874); derselbe, Geolog. Bilder (6. Aufl., Lpz. 1876); Zittel, «Aus der Urzeit » (Münch. 1875); Credner, «Elemente der Geologie „ (5. Aufl., Lpz. 1883). Deutsche geolog. Journale sind das zu Stuttgart erscheinende Neue Jahrbuch für Mineralogie, Geologie u. s. w. » und die Zeitschrift der Deutschen Geolog. Gesellschaft zu Berlinv. Neuere Werke über Paläontologie sind: Zittel, Handbuch der Paläontologiev (Münch. 1876 fg.); Hörnes, „Elemente der Paläontologier (Lpz. 1883); Pictet, „Paléontologie (2. Aufl., 2 Bde., Par. 1853); über fossile Pflanzen: Schimper, Paléontologie végétaley (Par. 1869 fg.); über Gesteinskunde: Zirkel, Petrographie v (2 Bde., Lpz. 1866); derselbe, «Mikroskopische Beschaffenheit der Mineralien und Gesteinev (Lpz. 1873); Rosenbusch, Physiographie der massigen Gesteiner (Stuttg. 1877); Zittel und Haushofer, «Paläontologische Wandtafeln und geolog. Landschaften » (Kassel 1881). Vgl. auch Handwörterbuch der Mineralogie, Geologie und Paläontologied (herausgegeben von Kenngott, Bresl. 1883 fg.).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 791Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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