FeedEstland oder Esthland
ErdkundeBrockhaus 1882

Estland oder Esthland, richtiger Ehstland, von den Esten Meie-mä (unser Land), von den Finnen Wiro-ma genannt, russ. Gouvernement, die nördlichste der drei Ostseeprovinzen, unter diesen in Hinsicht auf Areal, wie auf absolute und relative Bevölkerung die kleinste. Die Provinz umfaßte mit Einschluß der Inseln Dagden, Worms, Odensholm, Nargen und etwa 40 kleinern Inseln 20247 akm mit (1881) 376 787 meist prot. E. Mit dem Titel eines Herzogstums seit 1721 (seit 1882 mit dem eines Fürstentums) zu Rußland gehörig, bildet E., im Süden des Finnischen Meerbusens, zwischen der Narowa, dem Grenzfluß dedin Ingermanland (oder Petersburg) im Osten, Livland im Süden und der Ostsee im Westen gelegen, ein fast ebenes, mit vielen Sümpfen, Sand⸗ wie Kalksteinflächen und Granitblöcken übersäetes, von mehr als 200 kleinen Seen und kleinen Flüssen bewässertes Küstenland, welches vom baltischen Höhenplateau durchzogen wird. Urwälder hat E. noch im SO., indessen macht sich in der ganzen Provinz bereits ein Holzmangel — indem auf 100 Dessätinen (1881) nur 18,7 Waldland kamen. Im Ackerbau findet man fast überall die vielfelderige Fruchtwechselwirtschaft eingeführt und die Meliorationen stehen ziemlich auf der Höhe der Zeit. Das bebaute Land (Acker und Wiesen) verhielt sich 1881 zum unbebauten (Weide, Wald und Unland) wie 45,4:54,6. Getreide, besonders Roggen und Gerste, aber auch Kartoffeln werden vorzugsweise kultiviert. Der überschuß von Gerste wird zur Bereitung von Bier zum eigenen Bedarf des Landes und Roggen wie; Kartoffeln zur Bereitung von Spiritus zur Ausfuhr nach Rußland produziert. Auch die Pferdeucht ist in E. von Bedeutung, da das estnische ferd, zur gotländer Rasse gehörig, obzwar klein von Wuchs, uüberaus ausdauernd und willig bei der Arbeit, nur sehr geringer Pflege bedürftig ist! und daher viel in die innern Gouvernements ausgeführt wird. Aus der Landwirtschaft hat sich in E. die Industrie entwickelt, als lohnende Nebenbeschäftigung fast aller Gutsbesitzer. Während ECE. 1870 nur 83 größere Fabriken besaß, zählte man 1881 bereits 173 mit 7761 Arbeitern; unter diesen die Krähnholmer Baumwollmanufaktur-Fabrik bei Narwa (gegründet 1820), die etwa 5400 Ar⸗⸗ beiter beschäftigt und in ihrer ganzen Anlage zu einer der größten ihrer Art in ganz Europa gehört. Diese 173 Fabriken hatten 1881 einen Umsatz von 32102 893 Rubel, davon fallen auf Krähnholm allein 10886 931 Rubel. Noch rapider hat sich der Handel entwickelt, indem 1881 der Export auf 16 148 098, der Import auf 91094 824 Rubel schen In Betreff der Einwohner muß man zwischen Esten (s. d.) und Estländern unterscheiden. Die letztere Bezeichnung Ricbm allen an, die aus Estland gebürtig sind, obgleich man vorzugsweise den deutschen Adel auf dem flachen Lande und die deutsche Bevölkerung in den Städten darunter versteht, welche 1881 rund auf 50000 Personen geschätzt wurden, während die Zahl der Esten in Estland rund 300 000 beträgt und der Rest von 27000 von den übrigen Nationalitäten (Russen, Finnen, Schweden, Juden u. s. w.) gebildet wird. Es gibt in E. über 600 Landgüter, die meist dem Adel mit Ausnahme von 5, die der Stadt Reval, 2, die der Krone und 49, die den Kirchen angehören. Auf allen diesen Landgütern ist ein Teil Hof⸗ oder Gutsland, welches nur mit dem Edelsitze verkauft werden kann, und ein Teil Gesinde⸗ oder Bauernland, welches separat verkauft wird und zu ½ bereits von den Bauern käuflich zum Erb- und Eigentum erworben ist. Das Gouvernement E. zerfällt in vier Kreise, die auch nach ihren Städten benannt werden: Harrien oder Reval, Wierland oder Wesenberg, Jerwen oder Weißenstein und die Wiek oder Hapsal. Die 6 Häfen des Landes sind Reval (s. d.), Baltischport (s. d.), Hapsal (s. d.), Narwa (J. d.), Port-Kunda und Dago-Kertel. Die Schiffahrt ist rapid gestiegen, seitdem die Baltische Eisenbahn (gegründet 1871), welche Baltischport, Reval, Dorat, Wesenberg, Narwa mit Petersburg und oskau verbindet, ins Leben getreten ist. (S. Reval.) Die Landeskirche ist die evang.Autherische. E. zerfällt in 8 Propsteisprengel (ohne Reval) und 47 Kirchspiele, deren Angelegenheiten von dem estländischen Landeskonsistorium in Reval dirigiert werden. E. gehörte wechselnd zum dän. (seit 1219), deutsch-livländ. (seit 1347),schwed.(seit 1561) und seit dem Nystader Frieden 1721 zum russ. Reiche. Vgl. Friebe, «Handbuch der Geschichte Livlands, C.s und Kurlandso (Riga 1791—94); Willigerod, «Geschichte E.Sy (2. Aufl., Lpz. 1817): Possart «Statistik und Geographie C.S (Stuttg. 1846); Rathlef, „Livland, E. und Kurland. Ein geogr. Versuch' (Reval 1852); Richter, Geschichte der deutschen Ostseeprovinzeno (Riga 1857); Rutenberg, Geschichte der Ostseeprovinzeno (2 Bde., Lpz. 1859—61); C. Cröger, «Geschichte Livlands, E.s und Kurlandso (Petersb. 1867—70); Eckardt, Die baltischen Provinzen Rußlandso (2. Aufl., Lpz. 1869).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 386Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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