FeedEthnographie
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Ethnographie und Ethnologie (grch.) sind zwei Bezeichnungen der Wun9e be die man unter dem Ausdrucke Völkerkunde begreift; der letztere Ausdruck wird von den Engländern verwendet, während des erstern sich zumeist die übrigen Kulturvölker bedienen. Manche Schriftsteller machen zwischen beiden Ausdrücken einen Unterschied, indem sie unter Ethnographie die einfache Beschreibung. und Klassifikation der Völker, unter Ethnologie dagegen die tiefere Untersuchung über Rasse, Volkstum, Abstammung, Sitten und andere die Völkerkunde betreffenden Faktoren verstehen. Wie die Ausdrücke selbst besagen, ist das Objekt der unter beiden begriffenen Wissenschaft der Mensch, insofern er als Mitglied eines Volks, einer durch eine gewisse gemeinsame Kultur und Sitten gebildeten und durch eine gemeinsame Sprache geeinten Gesellschaft erscheint. Aus dieser Definition ergibt sich der Unterschied zwischen der Ethnographie und den mit ihr verwandten, weil dasselbe Objekt be-Ambrorole Wissenschaften, vor allen andern der Anthropologie (J. d.), welche den Menschen an und für sich behandelt, während die Ethnographie ihn im Zusammenhange mit Miteniedein zunächst seinen Verwandten, d. h. als Mitglied einer Familie, eines Stammes, eines Volks betrachtet. Daher ist es Aufgabe des lichen Gesell die verschiedenen natürlichen und künstlichen Ge ellf aftsformen, unter denen der Mensch auftritt, zu schildern und die Waht zu Grunde liegenden Mächte zu analysieren. ährend demnach der Anthropolog auf Grund der körperlichen Merkmale und Unterschiede des Menschen bestimmte ndend Rassen, bildet, muß der Ethnograph, ausgehend von der Familie, zu den Begriffen des Volks und Volksstammes sich erheben. Die Frage, worin das Volkstum eigentlich bestehe, ist von der Wissenschaft noch nicht hinlänglich beantwortet worden. Jedenfalls wird aber unter allen das Volkstum begründenden Faktoren das Organ und der Inbegriff des geistigen Lebens eines Volks, die Sprache, wesentlich am zähesten vom Volke festgehalten, und legt selbst dann, wenn alle andern das Volkstum begründenden Elemente verschwunden sind, von dem Charakter eines Volks ein unverfälschtes Zeugnis ab. Daher bildet jener Teil, der sich mit der Beschreibung und Klassifikation der Sprachen als Träger der geistigen Kultur der Völter beschäftigt Uinguistische Ethnographie), die wissenschaftliche Basis der Ethnographie überhaupt, insofern, als nur von hier aus der Aufbau eines natürlichen Systems möglich ist. Die linguistische Ethnographie ist ein Produkt der Neuzeit, speziell der durch die Sprachvergleichung angebahnten Richtung. Alle vorwiegend von deutschen Gelehrten der Boppschen Schule gelieferten sprachvergleichenden Arbeiten allgemeiner Natur sind auch als Vorarbeiten für die linguistische Ethnographie u betrachten. Eine weitere Begründung erhielt iese durch Fr. Müller in dem ethnogr. Teile des wissenschaftlichen Novara-Reisewerks (Reise der österr. Fregatte Novara um die Erde. Ethnographies, Wien 1869) und in dessen Werke Allgemeine Ethnographies (Wien 1873; 2. Aufl. 1879). an Fr. Müller, dessen Forschungen von Haeckel in der zweiten Auflage seiner Matürlichen Schöpfungsgeschichtes im Geiste Darwins weiter geführt und von Peschel in seiner Völkerkundes (Lpz. 1874) mit einigen Modifikationen acceptiert wurden, sind die Völker keineswegs Varietäten der Rassen, wie man bisher glaubte, sondern die Völker haben innerhalb der Rassen ihren selbständigen Ursprung. Erst nachdem eine vollständige Differenzierung des Menschen in mehrere Rassen stattgefunden hatte, sind die Völker durch spontane Schöpfung der Sprache und der andern Formen des geistigen Lebens entstanden. Zu dieser Ansicht wird man vor allem dadurch geführt, daß man innerhalb einer Rasse mehrern vermöge der Sprache miteinander gar nicht usammenhängenden Völkern begegnet (so innerhalb der sog. mittelländischen Rasse den Indogermanen, Semito-Hamiten, Kaukasiern, Basken, deren Sprachen untereinander in keinem wurzel-Auuch Zusammenhange stehen). Ein aus dieser nsicht von selbst fließender Satz i der, daß der Mensch, bevor es Völker gab, sprachlos gewesen sein muß, daß also dem Menschen als Mitglied einer bediesen a Rasse gar keine Sprache zukommt. Zu iesen Ansichten wurde man auch von andern Seiten, so von Seite der durch Darwin begründeten Entwickelungstheorie, von Seite der erst von W. von Humboldt richtig gestellten Frage über den Ursprung der menschlichen Sprache geführt. Nach diesem 27 man nicht, wie es geschieht, Blumenbach als den Begründer der Ethnographie oder Ethnologie betrachten, vielmehr muß derselbe Gelehrte für den Begründer der wissenschaftlichen Anthropologie (Rassenlehre) gelten. Dagegen war der engl. Arzt und Naturforscher Prichard der erste, der ein auf wissenschaftlichen Grundsätzen beruhendes zahrutan System aufstellte. Doch ist dieses System sehr Maugelhaff, da +.—— von Sprachforschung nichts verstand und noch zu sehr von der geogr. Rasseneinteilung Blumenbachs befangen war. Der neueste Versuch einer systematischen Anordnung der Völker nach dem Gesichtspunkte der Sprache von De Müller findet in dem erwähnten ethnogr. eile der Reise der Fregatte Novara um die Erden und in Behms Geogr. Jahrbuche (Bd. 3, Gotha 1871). Dem ersten Werke ist auch eine ethnogr. Weltkarte beigegeben, auf welcher das Verhältnis der Völker zu den einzelnen Rassen durch eine neue Schraffierungsmethode ersichtlich gemacht ist. Vgl. dazu die ethnogr. Karten von Berghaus im «Physikal. Atlaso (Abteil. 7, Gotha 1852). Als Quellen der linguistischen Ethnographie sind außer dem unvollständigen und bereits vielfach antiquierten Adelung-Vaterschen Mithridates zu nennen: die Arbeiten von Barth (für Afrika), Beames (für ind. Völker), Bleek (für Afrika, Australien und Polynesien), Brasseur de Bourbourg (für amerik. Völker), Budentz (für finn. Völker), Buschmann (für amerik. Völker), Caldwell (für dekan. Völker), Castren (für die ural-altaischen Völker im allgemeinen), R. N. Cust (für ind. und afrik. Völker), G. Fritsch (für die südafrik. Völker), Gabelentz (für die melanes. Völker), S. A. Gatschet (für amerik. Völker), Th. Hahn (für die Hottentotten), Hale (für Australien, Polynesien und westl. Nord⸗ „ . Hollander (sür die Malaien), W. von Humboldt (für die Basken und malaiischen Völker), Hunfalvy (für finn. Völker), Junghuhn (für die Malaiens, Kölle (für Afrika), Lepsius (für afrik. Völker), Miklosich (für die Zigeuner), Mitterrutzner (Für afrik. Völker), Fr. Müller (für mehrere asiat. und afrik. Völker), Pimentel (für amerik. Völker), Phillips (für die Basken), Radloff (für die tatar. Völker), Reinisch (für afrik. Völker), Riedel und Roorda (für die Malaien), Schafarik (für die slaw. Völker), Schiefner (für die finn.⸗tatar. und kaukas. Völker), Schott (für die ural-altaischen Völker), F. Spiegel (für die iranischen Völker), Steinthal (für mehrere asiat. und afrik. Völker), van der Tuuk (für die Malaien), Vämbery (für tatar. Völker), Zeuß (für die Völker Europas überhaupt). Nebstdem enthalten die Werke mehrerer unserer ausgezeichneten Sprach⸗ und orient. Altertumsforscher (Ewald, Gesenius, Lassen, Movers, Muir, Nöldeke, Renan) reiches Material namentlich für die Kulturvölker der Indogermanen und Semiten. Aus neuester Zeit ist F. Müllers «Grundriß der Sprachwissenschafto (Wien 1876 fg.) zu erwähnen, ein Werk, das die bisher angestellten Forschungen zusammenzufassen, weiter zu führen und zu vervollständigen sucht. Die beschreibende Ethnographie, welche eine notwendige Ergänzung der linguistischen Ethnographie bildet, gleichsam das Bild zu dem von dieser gelieferten Rahmen, hat in der neuesten Zeit be-Denen durch die von Boucher de Perthes begrüneten und namentlich von Lubbock glücklich fortgeührten urgeschichtlichen Forschungen einerseits und ie Arbeiten wissenschaftlich gebildeter Reisender und Missionare andererseits einen ungeahnten Aufschwung genommen. Man beginnt die Untersuchungen auf diesem Gebiete viel systematischer zu führen, als dies in frühern Zeiten der Fall war, und pflegt selbst bei rein praktischen Unternehmungen (Kriegs- und Handelsexpeditionen) diesem Gebiete des Wissens sein Augenmerk zuzuwenden. Treffliche Leistungen auf dem Gebiete der beschreibenden Ethnographie sind die Arbeiten von H. H. Bancroft (The native races of the Pacific states of North Americav, 5 Bde., Lpz. 1875) für die Völker Nordamerikas und von Th. Waitz (Anthropologie der Naturvölkerv, 5 Bde., Lpz. 1859 —65) für die Völker Afrikas, Amerikas und Australiens. Auch die zusammenfassenden Arbeiten von Fr. von Iutenefs und R. Oberländer, die hauptsächlich das Interesse des gebildeten Publikums fur dieses Wissensgebiet zu gewinnen suchen, sind zu nennen. Daß der Sinn für ethnogr. Probleme in der That auch in weitern Kreisen immer reger wird, beweisen die anthropol.⸗ ethnogr. Gesellschaften, die in neuester Zeit in den größern Städten fast aller Kulturvölker sich gebildet haben; keiunger geben meist periodische Berichte und Mitteilungen heraus, die das wertvollste Material für den Bearbeiter dieser Wissenschaft enthalten. (S. Anthropologie.) Cbenso hat man auch in neuester Zeit in mehrern Städten Sammlungen (Ethnographische Ruseen, auch Museen für Völkerkunde genannt) angelegt, welche den Zweck verfolgen, das Interesse für Ethnographie in weitern Kreisen anzuregen und das Geistesleben der verschiedenen Völker zu veranschaulichen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 397Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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