FeedEumeniden (grch. Eumenides)
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Eumeniden (grch. Eumenides), d. i. die Wohlwollenden, Gnädigen. Unter diesem Namen wurden in verschiedenen Teilen Griechenlands die Erinyen (Erinyes; lat. Furiae, urien), d. i. die Grollenden, Wütenden, als Göttinnen verehrt, welche schon die älteste griech. Poesie als den Schicksalsgöttinnen (Mören) verwandte Wächterinnen der Naturgesetze, Dienerinnen der Gerechtigkeit und Rächerinnen jedes Frevels kennt. Nach Hesiod gebar sie Gäa (Erde) aus den Blutstropfen des von Kronos entmannten Uranos, in andern Theogonien heißen Kronos und Ge (Erde) mit dem Beinamen Euonyme, d. h. von gutem Namen, ihre Eltern, bei Sophokles werden die E. Töchter von Skotos und Ge, Finsternis und Erde genannt. Ihr Wohnsitz ist die Unterwelt, aus der sie aufsteigen, um wie Jagdhunde mit unermüdlicher Ausdauer den Verbrecher 5 verfolgen. Aeschylos hatte sie in einer seiner erühmtesten Tragödien, den Eumenideno, auf die Bühne gebracht, wie sie, furchtbar anzuschauen, den Gorgonen ähnlich, mit dunkeln Gewändern angethan und mit Schlangen im Haar, den Orestes, der seine Mutter auf Geheiß des Apollon getötet hatte, verfolgen, bis derselbe vom athenischen Areopag vermittelst des Einschreitens der Athene losgesprochen, den Erinyen aber, die nun eben zu C. werden, ein Heiligtum in Athen selbst, am Fuße des Areopags, und holtoche Ver⸗ — als Ersatz für das nach dem alten Blutrecht ihnen verfallene Opfer zuerkannt wird. „Doch wurden die E. auch in diesem Heiligtume in Athen nicht sowohl unter dem Namen E. als vielmehr unter dem der Semnen (Tehval), d. h. der Ehrwürdigen, verehrt. Unter diesem Namen hatten sie eine eigene Priesterschaft (3oder 10 Opferpriester und eine Priesterin aus dem Geschlechte der Hesychiden), welche ihnen zu Ehren alljährlich ein Fest feierte. (S. Anre ch nahg er Ein zweites Heiligtum hatten die E. nahe bei Athen im Gau Kolonos Hippios, wo nach Sophokles Odipus 7 Ruhestätte fand. Wahrscheinlich ward durch ie tragische Dichtung der Name E. cher in Athen, dann auch sonst in Hellas gebräuchlicher. In der ältern Zeit ist bald von der Erinys in der Einzahl, bald von Erinyen, Semnen, E. in unbestimmter Zahl die Rede. Die spätern Dichter (zuerst wohl Euripides) ben die Zahl der E. auf drei fixiert, die Rache mit den Namen Tisiphone (die den N ord Rächende), Alekto (die unversöhnlich Grollende) und Megaira (die Neidische) bezeichnet werden. Auch im Heiligtume am Areopag stand zuerst nur eine Bildsäule von Kalamis. Erst später wurde die 427 dargestellt, indem zwei Statuen von der Hand des Skopas hinzugefügt wurden. Dieselben hatten nichts Grausiges. In erhaltenen Bildwerken erscheinen sie bald mit mildem Ernst im Blick, bald furchtbar mit Fackeln, oft auch mit t. Lan bisweilen auch mit einer Geißel oder mit Lanzen und Schwertern in den Händen, die Gewänder wie Jägerinnen hoch aufgeschürzt, nicht aber etwa auch, wie die Poesie sie wohl schildert, in dnnunhchent Häßlichkeit. Vgl. Rosenberg, Die Erinyeno (Berl. 1873). Vertreter der vergleichenden Religionsgeschichte wollen in den E. die ind. Paranyu (s. d.) wiedererkennen. Nach M. Müller würden sie als solche die Morgenröte bedeuten, nach Kuhn und Aden eine Personifikation der stürmischen Wetterwolke sein.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 423Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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