FeedFarbensehen (Chromatopsie)
NaturlehreBrockhaus 1882

Farbensehen (Chromatopsie), subjektive Farbenerscheinungen, nennt man das Auftreten von Farben, meistens rot, grün, violett, im Gesichtsfelde, denen keine objektiven Farben in der Außenwelt entsprechen, die vielmehr durch einen Reizungszustand in Netzhaut und Sehnerv hervorgerufen und daher häufig auch von völlig erblindeten Augen in oft sehr belästigender Weise wahrgenommen werden. Verschieden hiervon ist das Regenbogensehen beim Grünen Star (s. d.). arbensinn ist das Vermögen, die Farben richtig zu erkennen. Während die Netzhaut Lichteindrücke in ihrer ganzen Ausdehnung empfindet, ist ihre nach vorn liegende Grenzzone in gewissem Sinne farbenblind und nur eine beschränkte, den gelben Fleck umschließende Region hat vollkommenen F., und auch hier ist zum Erkennen der Farben nicht nur eine gewisse Lichtstärke und Sättigung, —— auch eine gewisse Größe des farbigen Feles erforderlich. Sinken die genannten Werte unter ein gewisses Minimum, so werden die Farben nicht mehr als solche, sondern nur noch als Helligkeitsunterschiede gegen den Grund wahrgenommen. Die Lehre von den Farbenempfindungen ist noch nicht abgeschlossen. Die eine Theorie (Voung-Helmholtz) nimmt drei Grundfarben an, rot, grün, violett, und demgemäß in der Netzhaut drei Arten von Faern, roth⸗, grün⸗, violettempfindende, die sämtlich urch jede Lichtart erregt werden. Ist die Erregung der drei Faserarten ziemlich gleich stark, so entsteht die Empfindung des Weiß (Grau, dagegen die Emdie veite der verschiedenen Farben, wenn der Reiz ie verschiedenen Fasern in verschiedener Stärke trifft. Die andere Theorie acceptiert die vier Prinzipalfarben Leonardo da Vincis: rot, gelb, grün, blau, und wird hauptsächlich von Hering vertreten, welche dieselben in zwei Paare von Gegenfarben gruppiert: rot und grün, gelb und blau, und dem entsprechend der Netzhaut außer einer schwarzweißen eine rotgrüne und eine blaugelbe Sehsubstanz zuschreibt. In ähnlicher Weise nimmt Preyer, welcher den F. für einen verfeinerten, nur der Netzhaut zukommenden Temperatursinn hält und die Farben in warme (am roten Ende des Spektrums) und kalte (am violetten Ende des Spektrums) scheidet, rotgrün- und blaugelbempfindende Doppelzapfen an. arbentafeln, s. unter Farbe (Physik). obachtet, daß man ihn sogar als eine allgemeine Erscheinung bezeichnen könnte. Man kann passiven und aktiven F. unterscheiden. Bei ersterm sind es äußere Einflüsse, welche auf die Farbe eines Tiers einwirken, besonders Licht, Wärme, Aufenthalt, Nahrung. So blassen im allgemeinen die Farben in der Dunkelheit ab, und viele Arten haben ein durchaus anderes Ansehen, je nachdem sie im Lichte oder an dunkeln Orten leben. Ebenso werden die Farben in der Wärme gesättigter, in der Kälte blässer, und ähnlichen Einfluß übt die Nahrung. Komplizierter werden schon die Verhältnisse, wenn die Farbenänderung periodisch wird, wie z. B. infolge des Wechsels der Jahreszeiten. Viele nordische Tiere werden im Winter grau oder weiß, während sie im Sommer mehr oder minder lebhaft gefärbt sind. Die Anpassung an die Umgebung ist hier offenbar. Die Mauserung der Vögel steht hiermit im Zusammenhange;: es werden durch dieselbe oft höchst auffallende Veränderungen erzeugt. Nicht minder häufig ist F. mit den Altersveränderungen verbunden; die Jungen tragen ein durchaus von dem der Alten verschiedenes Kleid. Oft weisen diese Jugendkleider auf die ursprüngliche Zufaum der Vorfahren hin. In ebenso engem Zusammenhange mit dem Organismus steht der F. infolge gewisser Zustände. Die meisten Tiere tragen ein Hochzeitskleid, das oft sehr auffallend abweicht und nach der Brunstzeit wieder abgelegt wird. Die auffallendsten F. werden aber durch Nervenreize temporär erzeugt als aktive Außerungen der Nerventhätigkeit und können als solche von dem Willen mehr oder minder abhängig sein. Das Erröten und Erblassen gewisser Hautstellen beim Menschen, bei vielen Säugetieren und Vögeln ist zwar meist unwillkürlich, kann aber doch bis auf einen gewissen Grad dem Willen unterstellt werden, und diese Erscheinung führt stufenweise zu dem durchaus dem Willen unterstellten F., der zuerst beim Chamäleon, dann bei den Kopffüßlern (Kephalopoden) beobachtet wurde und, wie sich jetzt mehr und mehr herausstellt, eine weit verbreitete Eigenschaft vieler Tiere ist. Es sind nicht nur Affekte, wie Zorn, Liebe, Eifersucht u. s. w., welche solche F. hervorrufen, sondern auch bewußte Zwecke, namentlich des Schutzes und der Verteidigung. Der Steinbutt z. B. nimmt die Farbe und Zeichnung des Bodens an, auf dem er sich niederläßt, der Pulpe diejenige des Steins, unter welchen er sich birgt, und nach Pouchets Versuchen hängen diese F. von dem Einflusse bestimmter Nerven ab. Die Mittel, wodurch solche F. bewirkt werden, bestehen in kontraktilen, mit Farbstoffen gefullten Zellen, sog. Chromatophoren, die oft in mehrfachen Schichten übereinander liegen und je nach ihrer Zusammenziehung die ihnen zukommende Farbe entweder gesättigt und konzentriert oder sehr verwaschen zeigen. Durch das Wechselspiel *r kontraktilen Chromatophoren treten dann einzelne Farbentöne hervor, während andere abblassen, und dei besonders empfindlichen Tieren stellen sich diese Anderungen mit großer Schnelligkeit ein.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 574Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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