Fernrohr oder Teleskop heißt jedes optische Instrument, das entfernte Gegenstände unter einem größern Sehwinkel als mit freiem Auge und daher so zeigt, als ob sie näher gerückt wären. Man unterscheidet zwei Klassen solcher Instrumente, solche, die nur auf der Brechung der Lichtstrahlen im Glase beruhen und daher dioptrische Fernrohre oder Refraktoren, auch schlechthin Fernrohre genannt werden, und solche, die nicht nur auf der Brechung, sondern auch auf der Zurückwerfung (Reflexion oder Spiegelung) der Lichtstrahlen beruhen und daher Spiegelteleskope oder Reflektoren heißen. Ein F. der erstern Art besteht aus einer Röhre, die entweder einfach oder aus mehrern ineinandergeschobenen Röhren zusammengesetzt sein kann und in gehörigen Entfernungen voneinander zwei oder mehrere parallel stehende, nach bestimmten Vorschriften geschliffene Linsengläser enthält. Das größte derselben, welches beim Durchsehen dem Gegenstande zugekehrt ist und die von demselben ausgehenden Lichtstrahlen unmittelbar empfängt, heißt das Objektiv (s. d.), das bei weitem kleinere aber, an welches man beim Gebrauch das Auge legt, das Augenglas oder Okular (s. d.). Das Objektiv hat den Zweck, von einem fernen Gegenstand ein Bild zu geben; der Zweck des Okulars ist, dieses Bild dem Auge vergrößert und deutlich darzustellen. Die Geschichte der ersten Erfindung der F. ist noch immer nicht völlig aufgeklärt; gewiß bleibt, daß sie in Holland um das Ende des 16. oder zu Anfang des 17. Jahrh. gemacht worden ist. Als Urheber derselben wurde bald Jak. Metius, der Sohn des berühmten Mathematikers Adrian Metius, bald Zachar. Jansen, bald Hans Lippershay oder Lippersheim (auch Lipperseim geschrieben) aus Wesel, Brillenmacher in Middelburg, genannt. Für den letztern sprechen die Forschungen van Swindens und anderer. Um 1608 kamen F. aus Holland ins Ausland. Galilei erhielt 1609 zu Venedig Nachricht von der Erfindung, versuchte hierauf selbst und zwar mit gutem Erfolge die Konstruktion eines F. und wurde so gleichsam der zweite Erfinder dieses unschätzbaren Instruments. Die ersten F., holländische oder Galileische genannt, hatten ein doppelt-konvexes Objektiv⸗ und ein konkaves Okularglas und zeigten die Gegenstände aufrecht oder in ihrer natürlichen Stellung. Bei diesem Instrument (s. umstehende Fig. 1) sucht eine konvexe Objektivlinse oo von einem entfernten Gegenstand AB nahezu in ihrer Brennweite (s. d.) wirkliches Bildchen ba zu erzeugen. dieses Bildchen zu Stande kommt, jedem einzelnen Punkte desselben konvergierenden Lichtstrahlen von einer konkaven Okularlinse yvy so gebrochen, daß die Strahlen hinter der letztern divergent austreten. Dies sieht man z. B. an den zu A und a gehörigen Strahlen, welche durch das konkave Okularglas divergent gebrochen werden. Ein Auge, das diese Strahlen empfängt, sieht in dem Punkt a“ ein virtuelles Bild des ursprünglichen Punktes A. In derselben Weise kann man das virtuelle Bild b“ des Punktes B konstruieren. Man hat demnach die Grenzpunkte des aufrecht und vergrößert erscheinenden virtuellen Bildes alb für das Objekt AB. Hierbei muß der Abstand des Okulars von dem Orte, wo das Bild ba entstanden wäre, etwas größer sein als die virtuelle Brennweite des Okulars. So oft die Brennweite des Okulars in jener des Objektivs enthalten ist, so vielmal wird das Bild alb“ vergrößert erscheinen, im Vergleich mit der Wahrnehmung des Gegenstandes mit bloßem Auge. Je größer also die Brennweite des Objektivs und je kleiner jene des Okulars ist, desto stärker vergrößert das Fernrohr. Die Länge dieses Fernrohrs ist gleich der Brennweite des Objektivs, weniger jener des Okulars. Weil das konkave Okular des holländ. F. die Strahlen divergent macht, so muß das Auge dem Okular sehr nahe gebracht werden, weil sonst zu viel Strahlen am Auge vorbeigingen, statt in dasselbe zu treten, wodurch das Gesichtsfeld, d.i. der auf einmal übersehene Raum, noch kleiner würde, als es schon, eben wegen der teilweisen Ablenkung der Strahlen vom Auge, bei diesem F. ist. Da die Vergrößerungskraft eines F. sich nur auf Kosten des Gesichtsfeldes steigern läßt letzteres aber beim holländischen F. ohnedies beschränkt ist, so leuchtet ein, daß die vergrößernde Leistung dieses F. nur eine mäßige sein kann. Hinwegen seiner Kürze als Taschenper-Operngucker (Fig. 2) und eh. stecher (s. d.) sehr beliebt. — Mit dem holländischen F. ö Galilei, Fabricius, Scheiner endlich durch das astronomische F. Kepler, welcher die erste theoretische Erklärung des F. gab, erfand 1611 das astronomische Fernrohr (Fig. 3), aus zwei konvexen Gläsern 0o und vv bestehend, welches die Bilder der Gegenstände zwar verkehrt darstellt und darum für andere als astron. Zwecke nicht anzuwenden ist, aber dennoch vor dem holländ. F. große Vorzüge besitzt, Hamentlis den, daß es ein größeres Gesichtsfeld hat, d. i. mehr auf einmal zu übersehen gestattet, und auch eine größere Helligkeit gewährt. Beim Sternrohr Keplers erzeugt eine konvexe Objektivlinse oo von beträchtlicher Brennweite und weiter Offnung von einem entfernten Gegenstande AB hinter der Linse ein kleines umgekehrtes Bild ba. Dieses liegt innerhalb der kurzen Brennweite einer zweiten konvexen Linse, d. i. einer Lupe Vy, und erscheint dem durch dieses Okular sehenden Auge bei b'a! vergrößert und in Beziehung auf den Gegenstand verkehrt. Die Vergrößerung, welche ein astron. F.bringt, wird wie jene des holländ. F. berechnet; seine Länge beträgt die Summe der Brennweiten des Objektivs und des Okulars, es istalso, bei gleichen Brennweiten der Linsen, länger als das holländ. F. Letzteres läßt sich, weil bei demselben kein wirkliches Bild vom Objekt entsteht, mit einem Fadenkreuz (s. d.) nicht versehen, wohl aber das Keplersche F., welches daher als Visierrohr Anwendung findet. Für Betrachtung irdischer Gegenstände bedient man sich des vom Kapuziner Ant. Mar. de Rheita 1665 erfundenen terrestrischen oder Erdfernrohrs (Fig. 4), welches statt eines einzigen Okularglases gewöhnlich vier in einer Röhre, der sog. Okularröhre, befindliche Okulargläser hat und die Gegenstände aufrecht zeigt, indem durch das Okular, welches hier wie ein schwaches zusammengesetztes Mikroskop (s. d.) wirkt, das im Keplerschen F. umgekehrt erscheinende Bild nochmals umgekehrt wird, also wieder in aufrechter Stellung er⸗ Fig. 3. scheint. Dieses F. ist als Taschenauszug⸗ oder Reisefernrohr allgemein bekannt. Bald nach Erfindung des F. fand man, daß der größern Vollkommenheit der F. diejenigen übel stände und Fehler im Wege standen, welche aus der Farbenzerstreuung der Lichtstrahlen und der Kugel gestalt der Oberflache der Linsengläser hervorgehen achromatischen, d. i., farblosen Linsen führten. (S. Achromatisch.) Damit war in der Verfertigung der F. ein sehr wichtiger Fortschritt gethan, da die mit achromatischen Objektivgläsern versehenen 170 bei weitem mehr leisteten als die frühern nichtachromatischen von weit größerer Länge. Seitdem sind die achromatischen F. noch von Peter Dollond, dem Sohne des Erfinders, von Ramsden und insbesondere von Fraunhofer vervollkommnet worden. Einen Fortschritt in der Verfertigung der F. hat im J. 1832 der Optiker Plößl in Wien gemacht, indem er den Vorschlag Littrows zu dialytischen F. ausführte. Dieselben unterscheiden sich von den gewöhnlichen achromatischen dadurch, daß die das Objektivglas bildenden Linsen verschiedener Glasarten nicht dicht hintereinander, wie bei jenen, sondern in gewisser Entfernung voneinander angebracht sind, sodaß die Flintglaslinse erheblich kleiner sein kann als die Lupe o vergrößert ⁷— Die riesigen katoptrischen F. von Herschel (1789 und Rosse (1843) waren «Front viewo, d. i. so gebaut, daß der Beobachter vorn in das Rohr sah, mithin dem zu beobachtenden Objekte den Rücken zukehrte. iese Anwendung hatte den Vorteil, daß ein zweites, lichtraubendes Spiegelchen (wie sie die obigen Spiegelfernrohre besaßen) entfiel, mithin das Instrument lichtkräftigere Bilder lieferte. Damit jedoch andererseits der Kopf des Beobachters dem Instrument nicht zu viel Lichtstrahlen entiehe, ist jedes derartige Vornschaufernrohr, z. B. as Herschelsche Spiegelfernrohr (Fig. D, derart eingerichtet, daß der 1—2 m weite Hohlspiegel etwas gegen die Rohrachse geneigt aufgestellt wird, wodurch das wirkliche Bildchen a an dem untern Rande des Rohrs mittels der Lupe 0 vergrößert entsteht. Hier kann es wahrgenommen werden, ohne daß der Kopf des Beobachters den einfacher und wirtsamer hielt. Indessen sind bis auf die neueste Zeit mehrseitig so treffliche katoptrische F.verfertigt worden, daß dieselben, besonders in großem Maßstabe, abermals freundliche Aufnahme fanden. Für die verschiedenen Arten von F. gelten folende Bezeichnungen: Ein kleineres F. nennt man Perspektiv, ein mittleres Tubus oder Teleskop; letzterer Ausdruck wird auch für das F. überhaupt ebraucht. Ein großes Linsen⸗ oder dioptrisches F. eißt Refraktor, ein großes Spiegel⸗ oder katoptrisches F. nennt man Reflektor, doch werden beide auch in dem eingangs angegebenen allgemeinern Sinne gebraucht. F. von verhältnismäßig großer Lichtstärke und weitem Gesichtsfelde dienen zum Aufsuchen lichtschwacher Objekte, z. B. der Kometen, und heißen Kometensucher v; sie besitzen große Objektiv⸗ und Okularöffnungen und haben in der Regel nur eine 10— 15malige Vergrößerung, also auch nur eine geringe Länge. Hierher gehören ferner die Marine⸗ oder Seefernrohres, um entfernte Schiffe zu erspähen, die Nachtfernrohre zur Durchmusterung des Himmels u. dgl. m. Auch der Suchero muß hier erwähnt werden, d. i. ein kleines Nachtfernrohr, welches parallel zur Achse eines großen F. liegt und mit diesem verbunden ist. Da jedes im Sucher erscheinende Objekt auch mittels des großen F. wahrgenommen wird, das direkte Suchen mit letzterm aber wegen des kleinen Gesichtsfeldes schwierig ist, so erleichtert der Sucher das Auffinden der Beobachtungsobjekte mittels der großen F. bedeutend. Bei der Prüfung eines F. hat man zu achten auf die Vergrößerung mittels desselben, auf dessen Deutlichkeit, Lichtstärke und Gesichtsfeld. F. von roßer Lichtstärke und bedeutendem Sehfelde lassen sich nur auf Kosten der Vergrößerung erzielen, was z. B. bei den vorhin erwähnten Nachtfernrohren notwendig ist. Die Vergrößerung, welche kleinere F. bieten, läßt sich abschätzen durch das Lesen entfernter Schriften oder durch das Erkennen verschieden feiner Gruppen schwarzer paralleler Grade auf einer entfernten weißen Probetafel. Ein quantitatives Abschätzen der Vergrößerung erhält man, indem man mit einem freien Auge nach einer entfernten Meßlatte (oder nach einer Staketmauer, nach einem Ziegeldache u. dgl. m.) und gleichzeitig mit dem andern Auge nach derselben Meßlatte hinsieht; man erhält dann zwei sich deckende Bilder von verschiedener Größe und zählt, wie viele Abteilungen der Meßlatte mit einer Abteilung des Fernrohrbildes zusammenfallen. Die so erhaltene Zahl letztern sowie der Marsflecken u. dgl. m.; dann auch durch die optische Trennung oder «Auflösungo der sonst nur als einfach wahrgenommenen doppelten oder mehrfachen Fixsterne, ferner durch das Erkennen entfernter Druckschriften, verschieden 4 m. Die Punkte, je anderer Streifengruppen u. dgl. m. Die betreffenden Bilder müssen scharf begrenzt und farblos hervortreten. Die Lichtstärke wird geprüft, indem man mit dem F. im Dunkeln nach entfernten Gegenständen sucht, welche mit freiem Auge nicht mehr wahrgenommen werden können. (S. oben Kometensucher u. s. w.) Bei mächtiger Lichtstärke des F. erblickt man mit demselben Fixsterne, welche dem bloßen Auge unsichtbar bleiben. Die Bilder der Fixsterne erscheinen immer nur als Lichtpunkte, weil hier die Vergrößerung stets verschwindend ist. Die Größe des Gesichtsfeldes wird nach der Zeit bestimmt, die ein bekannter Stern braucht, um den Durchmesser des Sehfeldes zu durchlaufen, oder man vergleicht das Feld mit dem scheinbaren Durchmesser der Sonne oder des Mondes. Das Nähere über die Prüfung und Adiustierung der F. sowie über die Gestelle der großen F., über deren Bewegungsmechanismen und deren Gebrauch findet man in den Handbüchern für praktische Geodäsie und praktische Astronomie.