FeedFischart (Joh.)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Fischart (Joh.), genannt Mentzer, einer der merkwürdigsten deutschen Schriftsteller, unübertroffen in Behandlung der Sprache und als Satiriker, über dessen Leben und litterarische Thätigkeitaber vielfache Ungewißheit herrscht, war zwischen 1545 und 1550 zu Mainz geboren und wurde in Worms von seinem Gevatter Kaspar Scheidt unterrichtet. Im Sommer 1574 wurde er zu Basel Doktor der Rechte, nachdem er vorher Italien, die Niederlande, Frankreich und England besucht zu haben scheint. Von 1576 bis etwa 1580 lebte er in Straßburg mit dem dortigen gelehrten Buchdrucker Bernhard Jobin, seinem Schwager, eng befreundet. Er soll 1581 und 1582 als Advokat am Reichskammergericht zu Speier thätig gewesen sein, und um 1583 wurde er hohenfelsischer Amtmann zu Forbach bei Saarbrücken, wo er im Spätherbst 1589 starb. Von seinen sehr zahlreichen Schriften und Schriftchen, die 1570—90 teils unter seinem wahren, teils unter den verschiedensten erdichteten Namen (3. B. Mentzer, Reznem, Huldrich, Elloposkleros, Jesuwalt Pickhart u. a.) erschienen, sind über 50 als sicher und echt nachgewiesen, aber nicht alle noch jetzt erhalten. In Betreff mehrerer Schriften ist seine Verfasserschaft zweifelhaft. Die Originalausgaben sind fast von allen sehr selten; mehrere haben in jüngster Zeit neue Abdrücke ersch au Seine ausgezeichnetsten Schriften stützen sich auf fremde Originale, sind jedoch keine übersetzungen, sondern durchaus freie Schöpfungen, die von ihren Vorbildern wenig mehr als die erste Anregung und die allgemeinste Anlage entlehnen. Hierher gehören besonders: «Aller Praktik Großmuttere, zuerst 1572, nach Rabelais' Prognosticaheurliche Geschichtklitterung von u. s. w. Gargantoa und Pantagruelo, zuerst 1575, nach Rabelais; „Podagrammisch Trostbüchleino, zuerst 1577; (Binenkorb des Heyl. Römischen Imenschwarmso, zuerst 1579, nach dem Holländischen des Philipp Marnir von St.⸗Aldegonde. Es sind dies sämtlich satirische Schriften, die mit dem ausgelassensten Humor bald das Papsttum, das Mönchswesen und die Jesuiten, bald die astrol. Liebhabereien der Zeit, bald die tote Pedantengelehrsamkeit und die verschiedensten andern Verkehrtheiten des öffentlichen und Privatlebens bekämpfen und verspotten. Ihnen nahe steht die toll-komische Originalarbeit F.s: „Flöhatz, Weibertratzo, zuerst 1573. Wesentlich anders, in schlichtem und einfachem Tone ist Das glückhafft Schiff von Züricho, in metrischer Form, zuerst 1576, worin die Fahrt des bekannten züricher Breitopfs nach Straßburg in patriotisch warmer Weise dargestellt wird. In gleich ernster und würdiger Weise sind die Psalmen und geistliche Liedero in einem straßburger Gesangbuche von 1576. Die zahlreichen übrigen Schriften, teils in Prosa, teils in Versen abgefaßt, sind an Wert ungleich, äußerst mannigfaltig nach Ton und Inhalt, die prosaischen im ganzen vollendeter als die metrischen. F.s Komik und Satire erhält ihren hohen Wert dadurch, daß er für die sittlichen und ewigen Grundlagen alles öffentlichen und Privatlebens, für Religion, Vaterland und Familie ein tiefes, warmes und wahres Gefühl besitzt, welches überall, auch durch die tollsten Fratzen hindurchblickt. Hierzu gesellt sich neben einer merkwürdig umfassenden Bildung eine vielleicht noch reichere Lebenserfahrung, vermöge deren er sich nie in leere Abstraktionen. verliert, sondern unmittelbar Angeschautes ebenso voll und frisch wiedergibt. Ferner sind seine Schriften eine der reichsten Quellen für die Sittengeschichte seiner Zeit. Das Wunderbarste aber ist seine Behandlung der Sprache. Kein deutscher Schriftsteller kommt ihm gleich an geistvoller Fruchtbarkeit und Kühnheit der Wortbildung, an Wortspielen und Witzen, die freilich oft zur unsaubersten Derbheit herabsteigen; wenige besitzen eine solche Kraft im Periodenbau, eine so kunstvolle llber ö und Ausarbeitung aller Gedanken, eine solche Übereinstimmung zwischen Form und Inhalt der Darstellung. Die reichhaltigste Sammlung von Schriften F.s enthält die Meusebachsche Bibliothek, jetzt in der königl. Bibliothek in Berlin. Vgl. Vilmars Artikel Fischarts in Ersch und Grubers Encyklopädier (Sektion 1, Bd. 51) und seine Schrift Zur Litteratur Johann F.so (2. Aufl., Frankf. a. M. 1865); Kurz, «Deutsche Dichter und Prosaisteno (Abt. 1, 5 1863), und dessen Ausgabe von F.s sämtlichen Dichtungend (3 Bde., Lpz. 1866—67); Wackernagel, Johann F. von Straßburg und Basels Anteil an ihm» (Bas. 1870); C. Wendeler, „Fischartstudien des Freiherrn Karl Hartwig Gregor⸗-von Meusebach' (Halle a. S. 1879); L. Ganghofer, «Johann F. und seine Verdeutschung des

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 838Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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