Feedgewölbe oder Strahlengewölbe
BaukunstBau-Lexikon 1881

gewölbe oder Strahlengewölbe, frz. voüte à nervures rayonnantes, engl. fan-vault, fan-tracery-vaulting, kommt bei vierseitigen Räumen oder Pfeilerhallen in Anwendung. Fig. 1616 stellt ein solches Fächergewölbe dar; Fig. 1907 und 1908 verdeutlichen den Unterschied zwischen Kreuzgewölbe (bei A), G. aus unten spitzen Walmstücken und Kappen, fälschlich oft Sterngewölbe genannt, besser noch zu nennen Kreuzgewölbe mit coupirtem Grat (bei B) u. dem Fächergewölbe (O u.D). Die Kappen od. Fächer des letzteren breiten sich von den sie unterstützenden Pfeilern so lange trichterförmig, bei quadratischem Raum in kreisförmigen Schichten aus, bis diese Kreise sich gegenseitig berühren. Bei länglichem Raum würde, wie D Fig. 1908 beweist, die kreisförmige Ausbreitung zu häßlichen Formen mit zweifelhafter Festigkeit führen und tritt an deren Stelle die elliptische O. Zwischen je vier solcher Gewölbkappen bildet sich dann ein offener Raum, welcher durch einen flachen Spiegel oder auch durch einen herabhängenden Zapfen, frz. cul de lampe, engl. pendant, geschlossen wird. — 13. Zellengewölbe ist ein fast nur in Sachsen im Spätmittelalter vorkommendes Fachwerksgewölbe mit trichterförmig gewölbten Schalen zwischen den meist gratförmigen, höchst selten mit Rippen besetzten Reihungen. — 14. Stalaktitengewölbe, eine Art Zellengewölbe, dessen Kappen aber in ihrer äußeren Bekleidung aus einzelnen Theilen von Kreuzgewölben, Nischen etc. bestehen, die in gleichmäßig hohen Schichten mit horizontalen Fugen, dabei aber in den manchfachsten Zusammensetzungen bald aufsteigend, bald niederhängend neben und an einander gefügt sind und so scheinbar ein buntes Durcheinander bilden. Da aber die Grundrisse der einzelnen Theilchen stets ganze oder halbe Quadrate sind, so bilden auch die Grundrisse ihrer Zusammenstellungen regelmäßige Figuren; diese Gewölbform ist namentlich in den islamitischen Stilen gebräuchlich. F. Gewölbarten nach Material u. Herstellungsweise. 1. Plänergewölbe, frz. voüte en mosllon, engl. rag-workvault, aus lagerhaften Bruchsteinen, im romanischen Stil häufig, auch jetzt wieder vielfach angewendet. — 2. Hausteingewölbe, frz. voäte en pierre de taille, engl. cut-stone-vault, free-stone-vault, ital. volta in pietra viva, in spätgothischer Zeit sogar ohne Mörtel ausgeführt. —3.Ziegelgewölbe, frz. voüte en brique, engl. brickvault. — 4. Gußgewölbe, frz. voüte coulée, engl. rubble-vault, cast-vaulting, ital. volta di rottami; die spätrömischen G. bestanden meist aus sehr starken Bögen, deren Zwischenräume mit Gußwerk ausgefüllt wurden, ja es kommen sogar vollständig gegossene G. vor; ums Jahr 1000 verschwinden sie und tauchen dann um 1200 wieder auf (s. d. Art. Gußgewölbe). — 5. Topfgewölbe, frz. voute en poterie, engl. tubular-vaulting, ital. volta de „pignatte, de stoviglie, lat. fornix cum cacabis, schon „von den Römern, z. B. am Grab der Helena, dann von den Ostgothen angewendet. Es sind entweder gewöhnliche Töpfe, d. h. cylindrische oder wenig konische Gefäße, gleich Wölbsteinen neben einander gesetzt, oder Amphoren in einer Spirale, ähnlich dem Geflecht eines Bienenkorbs, derart Kin einander gesteckt, daß der spitze Boden jeder Amphore in den Hals der nächsten gesteckt ist. „II. Räume mit einer gewölbten Decke werden vielfach „selbst G. genannt. In Sachsen nennt man G. jeden, auch nicht gewölbten Verkaufsladen, im Meißnischen auch jede, fselbst nicht gewölbte Speisekammer. Gewölbanfall, Gewölbanfang, m., franz. naissance de nvoute, engl. spring, springing, Ort der Anfangsfuge oder Widerlagsfuge, daher meist, aber nicht immer, identisch mit Widerlagslinie; s. d. Art. Gewölbe, Wölbung und Brücke.

Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 2, S. 452Scan: Universitätsbibliothek Heidelberg · gemeinfrei

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