gothischer Baustil, m., frz. style m. gothique, ogival, polygonal, xyloidique, engl. gothie style, lat. architectura augivalis. I. Name, Begriff und Arsprung. Wohl in Bezug auf keinen Stil hat die Frage nach seiner Entstehung so viele Streitigkeiten herbeigeführt, wie betreffs des gothischen. Fast jedes der großen kulturtragenden Völter Europa's will ihn für sich als national vindiziren und demgemäß benennen, und dennoch gab es eine Zeit, wo sex so allgemein verachtet war, daß kein Name schmachvoll genug schien, um ihn diesem Stil beilegen zu können, so daß es allgemeinen Beifall fand, als der italienische Kunsthistoriograph Giorgio Vasari um 1550 in patriotischer Entrüstung über die von den Gothen bei ihren Einfällen in Italien daselbst angerichteten Verheerungen sagte: „die Kirchen des Mittelalters seien so barbarisch gebaut, als wenn die Gothen, diese Feinde aller Kultur, diese Barbaren etc., ihre Erbauer gewesen seien.“ Schnell verbreitete sich die so als Schimpfname gegebene Benennung golhischer Baustil über die ganze gebildete Erde. glauben nun, daß Vasari der Erste gewesen sei, der Namen einer Bauart beigelegt habe, und daß man allgemein die Gothen für Barbaren in der Baugehalten habe. — Aber schon um 540 spricht der Abdes St. Maximinus von Trier von gothischer manu gothica, und diese Benennung kommt vor, bis um 950, wo Dedo von St. Quintin die von Rouen als manu gothica gebaute bezeichdie elevatio visigothica rühmt. Unter Vasari's Zeitgenossen ist Mariana zu erwähnen, der Bauten aus von 620— 700 in Portugal und Spanien als bezeichnet, ohne gehässigen Zusatz und ohne Va-Aeußerung zu kennen; 1624 schreibt Watton, ebenfalls frei von Vasari's Einfluß, den Gothen u. Langobarden die Erfindung des Spitzbogens zu, u. in der That erscheint der Gothe Stilicho auf einem burgundischen Distichon zu Dijon aus der Zeit von 400—405unter einem Spitzbogen sitzend, was ich aber nicht anführe, um dem Urtheil Wattons beizupflichten, wie dies außer Wilson auch Vasari thut, der außer obigem Ausspruch noch den thut: „Die Gebäude jener von den Gothen erfundenen Manier, in welcher die Bogen in eine Spitze zulaufen.“ Raphael suchte den Ursprung des Spitzbogens in der Astverschlingung der deutschen Wälder. Wiltham 1659 sagt, es stehe fest, daß die Gothen einen eigenen Baustil gehabt hätten. Schon 1702 würdigte Frémin in seinen „Mémoires critiques“ (Didron ann. arch. I.) die Gothik, Mabillon rühmt 1703 die gothische Bauweise als delicatissima; 1740 gab der Engländer Langlay eine Sammlung gothischer Ornamente heraus; um 1760 wies Turgot (Franzose) in einer Rede auf die in der Gothik ruhenden konstruktiven Fortschritte hin; 1773 erschien Goethe's Aufsatz: „Den Manen Erwins von Steinbach“, in Herders „Ueber deutsche Art und Kunst“, u. 1788 sein Aufsatz über Baukunst, worin er den Ursprung aus Spielereien ableiten will. J. Essex (f1784) kam schon auf die richtige Idee, daß das Bestreben, ungleich weite Oeffnungen mit ein. ander nicht zu unähnlichen Bögen überdecken zu können, zu Erfindung des Spitzbogens beigetragen habe. Grandidier 1782 nennt die von ihm gerühmte Architektur des Münsters von Straßburg gothisch; 1790sprachen G. Forsters „Ansichten vom Niederrhein“ Aehnliches aus; 1796 bekehrte sich Stieglitz in Leipzig aus einem Feind zu einem Anhänger der Gothik. Sayers meint 1805, der Spitzbogen sei durch Normannen in England eingeführt worden; Withingsucht nachzuweisen, daß die Gothik in Frankreich aufgetreten sei als in England; W. Wilkins jun. 1811 die Benennung gothisch u. sucht den Ursprung Spitzbogens in dem Kreuzungsbogenfries. Saunders meint, er sei durch Jüten, d. h. Gothen, von Jütland Canterbury gekommen; Brewer 1819 schreibt ihn den Freimaurern zu; Dawson Turner meint 1820, die Gothik Frankreich früher vor als in England; F. Rehm sie sei England zu danken, von wo sie sich in die Normandie, nach Frankreich und Deutschland durch die Freimaurer verbreitet habe.« Sie Alle erkennen die Vor-Stils mehr od. weniger gern an. Als nun durch Vorkämpfer, sowie durch die Schriften Heideloffs, Boisserée's u. Puttrichs, der so lange geschmähte verachtete Stil wieder zu hohen Ehren gelangte, verman die Benennung „gothisch“ abzustreifen und andere, würdigere zu ersetzen, und nun begann erwähnte Kampf der Nationalitäten um die Ehre, iglit / mothes 1882bdꝰ?/0496 den gothischen Stil erzeugt zu haben. Heideloff wollte 18442 haben. Lepsius 1841 brachte, freilich unsichere, chronologische Belege für die Entstehung auf altsächsischem Boden vor. Bentham, Milner u. J. Carter leiteten den Spitzbogen, den sie als charakteristisches Merkmal der Gothik betrachteten, aus der Durchkreuzung von Rundbögen her und behaupteten, dieselben kämen zuerst in England vor, während sie doch an allen normannischen Bauten, auch auf Sizilien etc., auftreten; nach Batissier ist sogar die älteste dieser Durchkreuzungen in der Moschee von Cordova zu finden; auch hat England nie die Gothik in solcher Reinheit gekannt wie Deutschland; s. d. Art. Englischgothisch. Ferner kennt man keinen Namen eines englischen Architekten, der auf dem Kontinent gebaut hätte. Die Italiener haben zwar nie ernste Ansprüche auf die Priorität in dieser Beziehung erhoben, aber Maffei u. Muratori behaupten wenigstens, daß weder Gothen noch Deutsche irgend eine Kunstweise in Italien eingeführt hätten. Troya stellt 1857 folgenden Gang auf: Ost⸗ und Westgothen, Franken, Normannen; lokal aber: Gallia gothica (an den Pyrenäen), England, Spanien, Sizilien, Italien, Deutschland. Wiebeking, Stieglitz, Büsching, Fiorillo, F. v. Raumer, S. Boisserée etc. sehen Deutschland als die Wiege der Gothik an, irren sich aber theilweise in Bezug auf das Alter der Bauten: der Engländer M. Hope stimmt ihnen bei, leugnet aber die Provinzialstile. James Hall, 1813, Bischof Warburton, Chateaubriand und Menzel verfallen auf die Spielerei Raphaels, das Rippensystem aus einer Nachahmung des Geästes nordischer Wälder herzuleiten. Lord Aberdeen, Whittington, Haggitt, Strutt, Payne-Knight, Hittorf, Serra di Falco, Gally-Knight u. Ch. Lenormant halten die orientalischen Stile für die Wurzeln der Gothik; Lepsius, der Uebersetzer des Gally-Knight, widersetzt sich dieser Meinung u. beharrt auf der Behauptung des deutschen Ursprungs; ihm schließt sich Wiegmann in seinem „Ursprung des Spitzbogenstils“ (1842) an, der die Gothik aus den Anforderungen der Gewölbkonstruktion herleitet. Der Verfasser der Etudes sur bPAllemagne“ hatte 1835 zuerst die Vermuthung aufgestellt, daß die Gothikaus Frankreich nach Deutschland eingeführt worden sei. 1845 adoptirte Verneilh diese Meinung (Didron ann. 1845 II.); 1848 schloß sich Kugler in seiner Kunstgeschichte dieser Meinung an, indem er die Gothik in Nordfrankreich und England zeitiger auftreten läßt als in Deutschland, dennoch aber die Benennung „germanisch“ vorschlägt. Viollet le Due in seinem,Dietionnairé raisonnédebArchitecture frangaise“ (vol.I. 1845) giebt eine sehr gut kombinirte Entwickelungsgeschichte der französischen Gothik. Schnaase und seine Nachfolger, indem sie den Entwickelungsgang in Deutschlano nicht mit genügender Ausdauerdurchforschten, kamen durch die Aufstellungen Viollets und einige theils falsch gelesene, theils aus dem Zusammenhang gerissene Stellen in Urkunden, unter denen eine schon 1837 von Dahl erwähnte Urkunde aus Wimpfen im Thal eine besonders hervorragende Rolle spielt, zu der Annahme, daß der gothische Stil nur in Frankreich sich organisch und selbständig aus dem romanischen herausgebildet habe und dann als fertige Thatsache nach Deutschland eingeführt sei. Die Urkunde aus Wimpfen, 1723 schon publizirt, besteht aus einer vor 1300 geschriebenen Chronik, giebt aber nicht, wie gewöhnlich berichtet wird, schlechthin an, die Kirche sei operé francigeno gebaut, sondern mit der näheren Bezeichnung für die französische Konstruktionsweise, nämlich opere francigeno ex sectis lapidibus, wodurch es mindestens fraglich wird, ob nicht gerade auf die Herstellung aus geschnittenen Platten sich die Bezeichnung „französische Konstruktionsweise“ bezieht; auf die künstlerischen Formen deutet das Wort opus viel seltener als auf die technische Ausführungsart. Auch waren ja 1259, wo Dekan HEIDOELBERG O Universitats Richard v. Dietesheim dem aus Paris kommenden Steinmetz die Ausführung des vorher schon begonnenen Baues übertrug, schon viele gothische Bauten in Deutschland in Arbeit. Die Stelle muß also sehr vorsichtig verwendet werden. Noch weniger bewiesen ist die Behauptung, daß Abt Suger in St. Denis 1140 die Gothik „erfunden“ habe; gerade die damals erbauten Theile sind noch nicht gothisch, s. französisch-gothisch u. Fig. 1757. Erfunden durch Einzelne eingeführt könnte überhaupt ein Stil nicht werden. Eingehende Untersuchungen haben den Verfasser zu der Ueberzeugung gebracht, daß in Norddeutschland, im alten Sachsen, eine ganz ähnliche Herausbildung zu derselben Zeit wie in Frankreich (von 1170 etwa bis um 1230) vor sich gegangen sei. Doch ist ein Lexikon nicht der Ort zu Ausfechtung eines schon so lange geführten wissenschaftlichen Streites, aus dem bis jetzt die Benennungen altdeutscher, spitzbogiger, national englischer, französischer Stil u. noch viele andere hervorgegangen sind, von denen, streng genommen, keiner richtig ist. Wir geben daher hier blos einfache Resultate über den Gang der Entwickelung und Verbreitung, und behalten dabei die Benennung jgothisch“ bei, namentlich da wir sie nicht einmal für so entehrend halten, wie Der, der sie zuerst aufbrachte. Gerade der Zweig des gothischen Völkerstammes, den er im Auge hatte, hat unter Theodorich und seinen Nachfolgern in Ravenna u. Umgegend gezeigt (s. darüber O. Mothes, „Geschichte der Baukunst u. Bildhauerei Venedigs“ S. 13 bis21,u.„Die Baukunst des Mittelalters in Italien“,1882, S. 169 ff. sowie d. Art. Ostgothenbauten), daß er nicht nur Sinn für Achitekturschönheit hatte, sondern auch recht wohl tsbibliothek Heidelberg im Stande war, aus byzantinischen und altchristlichen Elementen in inniger Verschmelzung würdige und bildungsfähige Formen zu schaffen, und wäre die Reihe dieser Herrscher eine längere gewesen, so würde sich wahrscheinlich die abendländisch-christliche Baukunst ruhiger haben fortentwickeln können, und hätte vielleicht schneller zu Entstehung eines echt christlichen, vollendeten, occidentalen Baustils geführt. Einen solchen aber haben wir im gothischen vor uns, als solcher ist er herausgewachsen aus den ihm voranschreitenden Stilen, u. zwar infolge strenger Berücksichtigung der technischen Anforderungen von Seiten der Architekten, nicht aber insolge von kleinlichen, eines echten Künstlers unwürdigen Spielereien mit geometrischen Figuren, od. gar aus der noch unwürdigern Nachahmung von Baumverzweigungen. II. Die Entwickelnng geht ungemein allmählich vor sich, und die sub V gegebene Eintheilung beruht nicht auf dem Grund des Hervortretens von scharfen Grenzen, sondern auf dem Bedürfnis nach Uebersichtlichkeit behufs leichten Lesens und Lernens. Den sogenannten Uebertransition, ogivo-roman, engl. romanesqué style, von etwa man ebenso gut dem romanizurechnen. Der allmähliche vorurtheilsfreier Betrachtung chronologischen Reihenfolge, als in nachstehender Weife Bauweise, aus dem Kampf der byzantinischen u. frühromanischen hervorgegangen, war fast über den ganzen christlichen Oceident bverbreitet, zum Theil allerdings in verschiedener Modifikation. Die beiden Länderstrecken, wo damals (nach Mitte des 12. Jahrh.) die meisten und stattlichsten Kirchen gebaut wurden, waren der Norden Frankreichs und die sächsischen Lande an Elbe, Saale und Unstrut. Hier zuerst sehen wir, wahrscheinlich lediglich aus technischen Rücksichten und blos bei weitgespannten Räumen, die Wölblinie den reinen Halbkreis verlassen und anfänglich in eine kaum merkliche, später in eine deutlicher sichtbare Spitze auslaufen, augenscheinlich blos, um den Seitenschub zu vermindern. Demgemüß werden die Mauern etwas schwächer und die Lisenen verändern sich durch größere Ausladung zu noch unausgebildeten Strebepfeilern, die also die Mauer an den vom Druck der WNan Stelle der Tonnengewölbe gekommenen Kreuzgewölbe besond getroffenen Stellen verstärken (augivare). Aehnliche Verstärkung erhalten die Kreuzgewölbe entlang ihren Graten durch die Kreuzrippen (arcus augivalis). Dies kommt wie gesagt zuerst in Sachsen, u. zwar zunächst sporadisch, dann öfter vor, so daß man eine Reihe Kirchen vom Harz durch Thüringen hin bis in die Nähe des Fichtelgebirges, und von da aus den Main stromabwärts verfolgen kann, welche alle in den konstruktiven Theilen bedem gothischen System folgen, Theile noch romanisch sind. man noch lange am Spät-Lothringen. Auch im Norden wodamals die Normannen herrschten, zeigen zwar einen Fortschritt auf dem immer noch ein Hängen an Konstruktionssystem, während an Einzel-Bauhütten durchdringen. Derunter sorglicher Pflege der Kirche und des Mönchthums (s. d. Artikel Bauhütte) herangereifte wissenschaftlich u. logisch gebildete Sinn der deutschen Künstler bemächtigt sich des neuen Erzeugnisses, u. im Herzen Deutschlands entfaltet sich aus demselben ein vollständig organisch durchgebildeter Stil mit fast überraschender Schnelligkeit. In der Hauptsache, d. h. in konstruktiver Beziehung, die theils schon erwähnten, theils noch zu erwähnenden Neuerungen zu einem dem gemeinschaftlichen Ziel, der Erreichung größtmöglicher Wirkung mit möglichst wenig Material etc., Zusammenfassung des Druckes auf einzelne Punkte u.s. w. entsprechenden konsequenten System zusammenfassend, hier u. da aber doch noch schwankend und besond Raumdispositionen, sowie in dem formalen Ar tektonischen Leistung noch am Romanischen ha scheinen die Gebäude dieser Periode noch gebun und einfach, aber die Entwickelung erfolgtunge Während man in dem 1208 geweihten Chor aburger Dom, an der 1213 begonnenen Kirche zi Fig. 1954. Das Innere des Kölner Domes. ders in den kirche zu Trier (1227 begonnen), K usdruck der im Nassauischen (1227), am West mgend, er⸗ Ypern 1230, an d. Martinikirche zu den, streng der Elisabethkirche in Marburg 124 emein rasch. an der Westseite des Doms zu Hall im Magde⸗ kanerkirche zu Koblenz 1239, Obe u Limburg Naumburg 1240, Hallenkirche zu O Universitätsbibliothek Heidelberg ständig durchgeführt, und bereits 1248 entfaltete sie ihren ganzen Formenreichthum in vollständigst systematischem Abschluß am Kölner Dom (s. Fig. 1951—1954 und Titelblatt zum ersten Band). III. Charakteristik. Der solchergestalt entwickelte Stil erscheint nach seinem innern Wesen als zweiter, durchaus selbständiger christlich-mittelalterlicher Baustil, in den konstruktiven Tendenzen an den romanischen anknüpfend u. demselben eine konsequente, aber hoch über ihm stehende Lösung gebend; indem nämlich im romanischen Stil durch den Rundbogen die quadratische oder annähernd quadratische Eintheilung der Planform vorgeschrieben war, konnten mit dem Spitzbogen bei gleicher Höhe verschiedene Weiten überwölbt werden, und dadurch war die Ueberwölbung ungleichseitiger Rüume mit Kreuzgewölben, somit aber eine freiere Anordnung des Grundrisses möglich. Durch die konsequente Anwendung von Kreuz⸗ u. Sterngewölben aber und die dadurch mögliche Konzentrirung des Drucks auf einzelne Punkte war man in den Stand gesetzt, die strenge Mauerumgürtung zu lösen, um statt der in gleicher Stärke fortlaufenden Mauer einzelne Pfeilermassen anzuwenden u. dazwischen in dünneren Zwischenwänden große und weite Fenster anzubringen. Bei der für die Beleuchtung nöthigen Ueberhöhung der Mittelschiffmauern mußte man auch den hier sich anlegenden Gewölben Seitenstützung an den betr. Punkten geben; man schlug deshalb aufsteigende Bogen (fliegende Streben, Schwibbogen, h, s in Fig. 1952) von den Strebepfeilern, und benutzte den Rücken derselben zugleich zu Ableitung des Traufwassers; da aber die Schublinie jedes Gewölbes u. namentlich des Spitzbogens durch Hochbelastung der Widerlager noch mehr der Vertikallinie genähert wird, dann also geringere Widerlagsbreite verlangt, so kam man bald dahin, die Strebepfeiler nach oben zu verlängern, und so entstanden die Fialen auf denselben. Das auf diese Weise aus rein konstruktiven Rücksichten entstandene Hauptgerippe zeigte sich nun sehr geeignet, die Massen aufzulösen, die Einheit des Baues als aus einer Unzahl freier, selbständiger Einzelglieder hervorgehend darzustellen, die Horizontallinien ganz zu durchbrechen und den Vertikalismus vollständig durchzubilden, kurz, die Gesetze der Natur gänzlich dem Verstand des Konstrukteurs zu unterwerfen und ihnen zum Trotz gleichsam alle Materie zu vergeistigen und zum schrankenlosen Hinanstreben zu beleben. In alledem aber spiegeltsich das Wesen des germanischen Geistes, welcher damals, namentlich in Deutschland, einen vorwiegend romantischen Spiritualismus, mit beinahe gänzlicher Hintenansetzung alles Materiellen, zeigte. (Man denke nur an die Kreuzzüge und das Minnesängerwesen.) Was war wohl also natürlicher, als daß dieser Stil hauptsächlich bei allen Völkern, in deren Adern germanisches Blut rollte, Anklang fand, und seine höchste Blüte bei den vorwiegend germanischen Deutschen erreichte! Solange der stets konservative Klerus noch der privilegirte Pfleger nicht nur der Kirchenbauten, sondern der Prachtbauten überhaupt blieb, mußten natürlich, namentlich im Grundriß, noch manche romanische Reminiscenzen sich erhalten. Als aber allmählich auch die jene Tradition nicht so genau kennenden, daher auch weniger von ihnen abhängigen Laien zur Kenntnis und Uebung der Wissenschaft u. Kunst gelangten, erhob sich der germanische Geist, frei von allen fremden Einwirkungen, zum kühnen Ueberbieten aller bisherigen Schöpfungen an Großartigkeit und strenger Uebereinstimmung der vielen, nur scheinbar vereinzelt und selbständig dastehenden Glieder des Baues, und bald zeigte der gothische Kirchenbau den höchsten Triumph der Baukunst in vollständiger Ueberwindung des Materials, in vollständigster Ausscheidung alles Fremdartigen durch monumentale Verkörperung germanisch-christlichen Geistes, und bediente sich dabei der Baukräfte ebenfalls in entschieden germanischer Weise; denn die Bauhütten (s. d.) sind, ihrer ganzen Organisation und Wirkensart nach, rein germanisch, ja gewissermaßen kann man in ihnen dieselben Bildungsgesetze erkennen, die sich in den Kirchenbauformen aussprechen. Baukorporationen hatte es immer und überall gegeben, wo gebaut ward, aber Verbindungen, von zum überwiegenden Theil dem Laienstand angehörenden Bauverständigen und Werkleuten zu Errichtung von Bauten, also eigentlich zu materiellen Zwecken, in einer Weise organisirt, daß der materielle Zweck beinahe in den Hintergrund trat und streng moralische Zucht, asketisch religiöses Aufstreben eine Hauptrolle spielte, konnten nur unter germanischen Völkern entstehen u. sich so allgemeine Achtung verschaffen, daß sie, durch Verleihung eigener Gerichtsbarkeit, zu einem Staat im Staate aufwuchsen und alle anderen Korporationen weit hinter sich ließen. War demnach die Gothik auch nicht ohne außergermanischen Einfluß gekeimt, so hatte sie sich doch auf germanischem Boden erst entwickelt und in Deutschland ihre höchste Blüte erreicht, verzweigte sich aber überallhin, wo irgend nur germanische Elemente im weitesten Sinn des Worts im Volke schlummerten, d.h. nach England, Frankreich, Spanien u. selbst nach Italien, und trieb überall ganz eigenthümliche Blüten. Ueber die abweichenden Formen jener Stilzweige s. d. Art. Englisch⸗