FeedFrankfurt am Main
ErdkundeBrockhaus 1882

Frankfurt am Main, Stadt im Regierungsbezirk Wiesbaden der preuß. Provinz Hessen-Nassau, bis 1866 die erste der vier Freien Städte des Deutschen Bundes und Sitz der Bundesversammlung, durch Handel und Reichtum eine der bedeutendsten Städte Deutschlands, liegt auf breiter Thalsohle am untern Main, 100 müber dem Meere, in einer schönen und äußerst fruchtbaren Gegend mit mildem Klima und großer Sommerwärme, umgeben von einem dichten Kranze von Landhäusern, Gärten, Weingeländen, Weizenfeldern und Obstpflanzungen. Das eigentliche F. breitet sich am rechten, langsam ansteigenden Ufer des Stroms aus und ist mit dem auf der linken südlichen Mainseite liegenden Sachsenhausen durch die 1342 erbaute, 265 m lange, auf 14 Bogen ruhende alte steinerne Brücke und durch die unterhalb der Stadt liegende Flubagerafuger verbunden. Zwischen diesen beiden Flußübergängen ward 1870 noch eine schmiedeeiserne Hängebrücke für Fußgänger errichtet. Zwischen diesem Stege und der Eisenbahnbrucke befindet sich die neue, von Schmick erbaute Brücke; eine fünfte, den obern Mainquai mit Sachsenhausen verbindende Brücke (die Obermainbrücke) wurde nebst den anschließenden Uferbauten im Sommer 1878 fertig gestellt und dem Verkehr überbahnd Hierzu treten noch die beiden neuen Eisenahnbrücken am Gutleuthof, welche zu dem in der Anlage begriffenen großartigen Centralbahnhof führen und 1881, beziehungsweise 1882 gebaut wurden. Die ehemaligen Walle in schs wurden 1806 —12 abgetragen, die Wälle in schöne Straßen, die Gräben in Gärten, das Glacis in eine eschmackvolle öffentliche Anlage umgewandelt. Im alten Stadtteile gibt es viele enge, finstere Straßen und viele alte Häuser. Dagegen sinden sich auch an den Hauptplätzen und in den neuen Straßen, zumal an der Schönen Aussicht (am Main), in der Neuen Mainzerstraße, der Kaiser- und Friedensstraße u. s. w. und auf der Zeil, besonders aber vor den ehemaligen Thoren viele schöne und geschmackvolle Gebäude. Der Hauptverkehr ist auf der Zeil, dem Roßmarkt, Kaiser- und Friedensstraße und nächster Umgebung in einer Weise konzentriert, der an große Weltstädte gemahnt. Die Judengasse, wegen ihrer Dunkelheit und ihres Schmutzes berüchtigt und bis 1806 einziger Wohnort der Juden, ist kaum noch zur Hälfte vorhanden, da die Westseite fast ganz abebrochen ward und der gänzliche Abbruch derelben bevorsteht. Die berühmteste Kirche ist die kath. Domkirche, die Stiftskirche St. Bartholomäi, in welcher seit 1562 die deutschen Kaiser Daursch wurden. Sie soll 874 durch Ludwig den Deutschen gestiftet sein, wurde 1239 Grabmah 1315 —53 erweitert und enthält das Grabmal des Königs Günther von Schwarzburg. Der 1415—1514 erbaute Pfarrturm war bis zu 82 m Höhe gediehen, als man zu bauen aufhörte. In der Nacht vom 14. auf den 15. Aug. 1867 brannte derselbe nieder und wurde nun unter Leitung des Dombaumeisters Denzinger nach dem ursprünglichen Plane ausgebaut, sowie die ganze Kirche in der alten Form vollendet. Andere kath. Kirchen sind die Leonhards- und die Liebfrauenkirche in der Stadt und die Deutschhauskirche in Sachsenhausen. Von den prot. Kirchen ist die Paulskirche am meisten genannt, obgleich erst 1833 nach 47jährigem Bau vollendet. Es ist eine außen etwas kahle und nüchterne, im Innern durch antike Säulen gefällige Rotunde aus Quadern, in welcher 31. März 1848 das Vorparlament seine erste und die Deutsche Reichsversammlung 30. Mai 1849 ihre letzte Sitzung hielt. Die übrien evang. Gotteshäuser sind die got. St. Nikolaiirche aus dem 13. Jahrh., 1843 mit schönem Spitzturm versehen, die St. Katharinenkirche, die Wiege des frankfurter Protestantismus (erste Reformationspredigt 1522), die St. Peterskirche mit dem Friedhofe, wo Goethes Eltern ruhen, die spätgot. Weißfrauenkirche und die Dreikönigskirche in Sachsenhausen, deren Neubau nach einem Plane des Dombaumeisters Denzinger 1881 vollendet wurde. Die Reformierten haben zwei Bethäuser ohne Türme, die Juden drei Synagogen. Das Rathaus, der Römer genannt, welches seit 1405 dieser Bestimmung dient, enthält den Kaisersaal, der seit 1562 bei den Krönungsfesten der deutschen Kaiser als Speisesaal benutzt wurde und seit 1845 mit den Bildnissen sämtlicher deutschen Kaiser von Karl d. Gr. bis Franz II. geschmückt ist. Im Thurn und Taxisschen Palast, ehemals Residenz des Fürsten-Primas, wurden 1816 —66 die Sihungen der Deutschen Bundesversammlung gehalten. Andere merkwürdige öffentliche Gebäude sind der 1428 vollendete Eschenheimer Turm; das Theater, 1783 erbaut, 1827 erweitert, das nach dem Plane des Prof. Lucä in Berlin 1880 vollendete neue Theater (Opernhaus), die Stadtbibliothek, 1820 —25 erbaut, das neue Irrenhaus (1859 —64 erbaut), das Hospital zum Heiligen Geist für Fremde (1839), das Gebäude der israel. Krankenkassen (1829), die alte Börse (1843), welche jetzt durch einen neuen Prachtbau hinter dem alten Theater ersetzt ist, der Main-Neckarbahnhof (1848), die israel. Realschule (1845), die Bethmann-Schule (1857), die Schule der israel. Religionsgesellschaft (Neubau am Tiergarten 1881), die Humboldt⸗ und Adlerflycht-Schule (seit 1876), die Klinger-Schule (seit 1876 im ehemaligen Waisenhause), die Clisabethen-Schule (höhere Töchterschule mit Lehrerinnenseminar, seit 1876), ferner das Gymnasium im neuen Gebäude der frühern Wöhler-Schule (seit 1876), die neue Musterschule (Realgymnasium, seit 1880), die Wöhler-Schule (Realgymnasium, seit 1881) und andere öffentliche Schulen, der Saalbau (1862) u. s. w. Eins der größten Gebäude ist das Deutschordenshaus in Sachsenhausen, vormals der Krone Osterreich gehörig. Unter den Gasthäusern zeichnen sich aus der Frankfurter Hof in der Kaiserstraße, der Russische und Englische Hof, der Römische Kaiser, das Hötel-du-Nord und der neuerdings prächtig ausgebaute Schwan, in welchem 10. Mai 1871 der Friede zwischen Frankreich und Deutschland vom Fürsten Bismarck und Jules Favre unterzeichnet wurde. Unter den wissenschaftlichen Anstalten 29 voran die Stadtbibliothek in dem 1820 — 25 erbauten schönen Hause in griech. Stil, mit über 100 000 Bänden, Manuskripten, einem Münzlabinett und dem Marmorbild Goethes von Marchesi, und die Senckenbergsche Stiftung, bestehend aus einem Bürgerkrankenhaus, eröffnet 1779, nebst der. Pfründnerstiftung des Senators Brönner und einem mediz. Institut, welches ein anatom. Theater, einen botan. Garten mit Lehrstuhl der Botanik und eine reiche naturwissenschaftlich-mediz. Büchersammlung begreift. In derselben Umgrenzung liegt das 1821, 1827 und 1841 erbaute große Museum der 1817 gestifteten Senckenbergschen natursorschenden Gesellschaft, das besonders durch Rüppell seine Vermehrung erhielt, und die Sammlunen nebst dem Laboratorium des 1824 gestifteten 60 sikalischen Vereins. Unter den Kunstanstalten ist das Städelsche Kunstinstitut zuerst zu nennen. Der Bethmannsche Antikensaal mit der Ariadne von Dannecker wurde 1825 eröffnet. Unter den öffentlichen Kunstwerken verdient das Goethe-Denkmal von Schwanthaler, 1844 errichtet, ferner das 18⁵⁷ uns bas Gutenbergs-Denkmal (von Launitz) und das 1863 enthüllte Schiller-Denkmal bu Dielmann) besondere Erwähnung. Die Stadt at außer den oben bereits zum Teil namhaft gemachten Schulen eine Unterrichtsanstalt für Taubstumme und eine für Blinde, außerdem eine Menge Privaterziehungsanstalten. Unter den Vereinen und Anstalten sind außer den oben angeführten noch zu nennen: der Polytechnische Verein (seit 1816), der Kunstverein (seit 1818), der Mitteldeutsche Kunstgewerbeverein mit Schule und Museum (seit 1878), die Musikschule (seit 1860), das Dr. Hochsche Konservatorium für Musik (seit 1878), das städtische Historische Museum im neuen Archivgebäude (1878 vollendet), die Geographische Gesellschaft (seit 1836), der Verein für Geschichte und Altertumskunde, das Deutsche Hochstift, die neue Zoologische Gesellschaft mit dem Zoologischen Garten (seit 1858), die Palmengartengesellschaft (seit 1869), welche den prachtvollen Wintergarten vor dem Bockenheimerthore gestiftet hat, und viele Wohlthätigkeitsvereine. F. ist der Sitz eines Polizeipräsidiums, eines Oberlandes-und Landgerichts, eines Amtsgerichts, eines Hauptsteueramts, einer Oberpostdirektion, eines Konsistoriums, des Kommandos der 21. Division, der 42. Infanteriebrigade und der 21. Kavalleriebrigade und einer Reichsbankhauptstelle. Die Stadt zählte 1880, einschließlich Sachsenhausens und der frühern Landgemeinde Bornheim (letztere 1877 mit der Stadt vereinigt), 136831 ortsanwesende E., einschließlich Militär, worunter über 37000 Katholiken und 14000 Juden. Ihre industrielle Produktion ist wegen hoher Arbeitslöhne nur in einzelnen Zweigen bedeutend, wie in Kupferdruckschwärze (Frankfurter Schwarz), Wachstuch, Gold- und Silberdraht, Tapeten, Rauch- und Schnupftabak, Chinin, Bier u. s. w. Weit mehr wird für frankfurter Rechnung in Hanau, Offenbach u. s. w. fabriziert. Der engl. und franz. Warenhandel im großen hat durch den Zollverein, der Zwischenhandel durch die erleichterten direkten Verbindungen der Landstädte mit den Seeplätzen sich sehr vermindert; auch die beiden Messen (die Ostermesse und die Herbstmesse) haben an Bedeutung sehr abgenommen, und der Buchhandel, für den F. im 17. Jahrh. der Hauptstapelplatz war, hat gegen Leipzig längst seine Bedeutung verloren. Dagegen ist der Handel mit Staatspapieren hier am bedeutendsten in Deutschland, und die günstige Lage der Stadt führt ihr bei der Menge ihrer Verbindungen eine außerordentliche Fremdenzahl zu. F. ist der Ausgangspunkt der Eisenbahnen nach Homburg und (intsmainisch) über Hanau nach Bebra, der Hessischen Ludwigsbahnen (linksmainisch) über Gustavsburg nach Mainz sowie Mannheim und (rechtsmainisch) über Hanau na Aschaffenburg einerseits und Limburg a. d. Lahn andererseits, der Main-Neckarbahn nach Heidelberg und Mannheim, der Main-Weserbahn nach Kassel und der Nassauer Bahn (rechtsmainisch) über Castel nach Wiesbaden-Rüdesheim u. s. w. Von den in F. erscheinenden größern polit. Zeitungen sind zu nennen: das «Frankfurter Journale (seit 1615, jetzt vereinigt mit der Frankfurter Presser) und die Der Kreis Frankfurt a. M. zählt (1880) auf 95,12 àkm 148 955 ortsanwesende E. F. ist ein sehr alter Ort und soll seinen Namen durch Kaiser Karl d. Gr. erhalten haben, der hier der Sage nach mit seinem Heere durch eine Furt ing und die jenseit des Mains lagernden Sachsen schin er hielt hier 794 ein Konzil und führte 804 eine Kolonie beate ee Sachsen hierher. Ludwig der Fromme legte 822 die kaiserl. Pfalz, den Saalhof am Main an, von dessen alten Gebäuden nur noch die Hauskapelle vorhanden ist, während die übrigen Teile desselben 1717 und 1841 umgebaut wurden. Unter den spätern Karolingern hebt sich das Ansehen F.s noch mehr, sodaß es 876 Hauptstadt des Ostfränkischen Reichs genannt wird. Die Selbständigkeit der Stadt begann 1220 mit Beseitigung des kaiserl. Vogts durch Friedrich II., die weitere Grundlage der Reichsfreiheit wurden mehrere aus dem J. 1329 stammende Gunstbriefe Kaiser Ludwigs des Bayern, der ihr im folgenden ahre zu der bereits bestehenden Herbstmesse die stermesse und auch später manche Rechte und Freiheiten verlieh. Nachdem F. schon seit Friedrich dem Rotbart Wahlstadt gewesen war, wurde dies Recht 1356 durch die Goldene Bulle bestätigt, welche noch auf dem Stadtarchiv aufbewahrt wird. Endlich erwarb 1372 die Stadt das kaiserl. Schultheißenamt. Im Schmalkaldischen (1552), Dreißigjährigen (1635), Siebenjährigen (1759 — 62) Kriege, sowie in den franz. Kriegen (1792, 1796, 1799, 1800, 1806) litt die Stadt bedeutend. Die reichsstädtische Verfassung, wie sie infolge der V. Fettmilchschen Unruhen 1612 —16 im wesentlichen geworden war, wurde 1806 von Napoleon I. aufgehoben und Stadt und Gebiet dem Fürsten-Primas des Rheinbundes, Karl von Dalberg, übergeben, zu dessen Nachfolger Eugen Beauharnais bestimmt war. Im J. 1810 vergrößerte Napoleon dasselbe durch Vereinigung F.s mit Hanau, Fulda, Wetzlar und Aschaffenburg zu einem Großherzogtum Frankfurt von 5230 qkm mit 302000 CE. Bei der Neugestaltung Deutschlands (1815) wurde F. zu einer Freien Stadt und 1816 zum Sitze des Deutschen Bundes erklärt; am 18. Okt. desselben Jahres erhielt F. eine auf der ehemaligen reichsstädtischen beruhende neue Verfassung. Am 3. April 1833 erfolgte das sog. Frankfurter Attentat (s. d.) und 1836 der Anschluß an den Deutschen Zollverein. Schon früher angeregte Verbesserungen und Abänderungen der Verfassung wurden seit der Märzbewegung von 1848, welche überhaupt F. zum Mittelpunkte des polit. Lebens in Deutschland machte und hier außer wiederholten Tumulten (wie z. B. in Sachsenhausen am 7. und 8. Juli 1848) auch den Aufstand vom 18. bis 20. Sept. 1848 veranlaßte, lebhafter und nachdrücklicher betrieben, ohne daß jedoch die darauf bezüglichen Bestrebungen und Verhandlungen zu einem entscheidenden Resultat führten. Dagegen hat seit 1859 die Gesetzgebung bedeutende Fortschritte gemacht, besonders durch Einführung der Gewerbefreiheit, Aufhebung aller Unterschiede zwischen den verschiedenen Konfessionen und durch wesentliche Verfassungsänderungen. Da bei Ausbruch des Deutschen Kriegs im Sommer 1866 F. auf seiten der Gegner Preußens stand, ward die Stadt am 16. Juli vom General ogel von Falckenstein mit der Division Goeben besetzt und mit einer werfer steuer von 6 Mill. Fl. belegt. Seit der Einverleibung F.s in das Königreich Preußen laut Patent vom 18. Okt. 1866 bildet die Stadt mit ihrem ehemaligen Gebiete unter Zulegung des vorher großherzogl. hess. Teils des Ortsbezirks Nieder-Ursel, den Kreis F. Am 10. Mai 1871 wurde hier der Frankfurter Friede (s. d.) abgeschlossen. Litteratur. Böhmer, «Urkundenbuch der Reichsstadt F.» (Bd. 1, Frankf. 1836); Kirchner, „Geschichte der Stadt F. » (2 Bde., Frankf. 1807 — 10); Kirchner, „Ansichten von F.» (Frankf. 1818); Fichard, „Die Entstehung der Reichsstadt F.v (Frankf. 1819); Battonn, «Ortliche Beschreibung der Stadt F.» (herausg. von Euler, Frankf. 1861 fg.); derselbe, «Der Kaiserdom zu F. (herausg. von E. Kelchner, Frankf. 1869); Kriegk, «Geschichte von F. (Frankf. 1871); «Archiv für F.s Geschichte und Kunstv (1839 — 84); die » Beiträge zur Statistik der Freien Stadt F. » (seit 1858); die «Mitteilungen und Neujahrsblätter v des Vereins für Geschichte und Altertumskunde F.s; Stricker, „Neuere Geschichte von F.» (Frankf. 1874 fg.); Heyner, „Erinnerung an F. » (6. Aufl., Frankf. 1880); 4F. am Main in seinen hygieinischen Verhältnissen » (Frankf. 1881); Horne und Grotefend, „Geschichte von F.» (Frankf. 1882 fg.); Stricker, 1880. Geschichte von F., 1806 — 66 „ (Frankf. 1881

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 75Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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