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ErdkundeBrockhaus 1882

Heidelberg, Universitäts⸗ und Kreishauptstadt im Großherzogtum Baden, in einer der schönsten Gegenden Deutschlands, am linken Ufer des Neckar, da, wo dieser Fluß aus den Bergen in die Rheinebene tritt, 116 meüber dem Meere, ist Station der Linien Mannheim-H., H.⸗Basel, H.⸗Würzburg und H.⸗Speier der Badischen Staatsbahnen und Frankfurt a. M.⸗H. der Main-Neckarbahn, ferner Sitz eines Kreisamts, eines Bezirksamts, eines Amtsgerichts, eines Hauptsteueramts und einer Reichs-— banknebenstelle und hat eine Handelskammer, eine Gewerbebank, ein Waisenhaus und ein Theater. Die Stadt, zwischen Fluß und Berg eingeengt, hat sich in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich an ihrem westl. Ende, wo die Ebene mehr Raum Tell dervergrößert und verlängert. Der obere östl. Teil derselben ist mit dem jenseitigen Ufer durch eine 1786 —88 vom Kurfürsten Karl Theodor erbaute stei— nerne, 210 melange, 9 m breite Brücke (mit den Bildsäulen Karl Theodors und einer Minerva) verbunden, welche ihrer Bauart und Lage wegen von Goethe als eine der schönsten Brücken der Welt be— zeichnet wird. Im J. 1877 wurde am westl. Ende der Stadt eine zweite feste Brücke eröffnet, welche die Stadt und insbesondere den Hauptbahnhof mit dem am Fuße des Heiligen Berges gelegenen Dorfe Neuenheim (mit zahlreichen Villen) und der dort Aupedten Bergstraße verbindet. uf einem Vorhügel des Königstuhls, dem Jet— tenbühl, 205 m über dem Meere, 89 müber der Stadt, liegt das weltberühmte Schloß, ein Komplex von Gebäuden und Ruinen, deren älteste nach der gewöhnlichen Annahme aus der Zeit des Pfalzgrafen Rudolf I. (1294—1319) herrührt; die prächtigsten Bauten sind der Otto-Heinrichs-Bau, ein Meisterstück der deutschen Frührenaissance, obwohl erst um 1559 erbaut, und der Friedrichs-Bau, von Kurfürst Friedrich IV. erbaut, ein Prachtstück der Spätrenaissance, aus den J. 1601—7, mit 16 Porträtstatuen. In letzterm befindetsich eine interessante kunsthistorische Sammlung, die frühere Graimbergsche, jetzt städtische Sammlung (Katalog von Albert Mays, 1882). Zu erwähnen sind hauptsächlich noch der dicke Turm und der gesprengte Turm mit 6—7m dicken Mauern und in einem Keller das große Faß, welches 375 hl (283200 Flaschen) faßt, ursprünglich 1664 unter Kurfürst Karl Ludwig erbaut, in seiner jetzigen Form von Kurfürst Karl Philipp aus dem J. 1751 stammend. Das Schloß wurde 2. März 1689 (durch Melac) und 22. Mai 1693 von den Franzosen, 24. Juni 1764 durch Blitzschlag zerstört. Seit w1883 hat die bad. Regierung die Frage der Restauration einzelner Teile des Schlosses in die Hand genommen und zunächst umfassende Vorarbeiten angeordnet. Die wichtigsten kunsthistor. Arbeiten über das Schloß sind die von Leger, Führery (5. Aufl., 1860); Metzger, „Beschreibungo (1828, mit Wiederabdruck des Hortus Palatinusvvon Salomon de Caus von 1619); Stark in Sybels KHistor. Zeitschrifth) (1867, der zuerst die 16 symbolischen Statuen am Otto-Heinrichs-Bau richtig deutete); Pfnorr und Ramée, cMonographie du chäteau de Heidelbergo (Par. 1859); Rosenberg, «Quellen zur Geschichte des heidelberger Schlosseso (mit Wiederabdruck von Starks Arbeit, Heidelb. 1882); endlich die Aufsätze von Durm (1884) und Alt in «Lützows Zeitschrifto (1884, Heft 4 u. 5). Oberhalb des Schlosses und doppelt so hoch als dieses über der Stadt (293 m über dem Meere) befindet sich die Anhöhe, auf welcher früher die ältere Burg stand, welche Konrad von Hohenstaufen, Bruder Kaiser Friedrichs I., gegründet haben und wo er 1195 gestorben sein soll. Dieselbe wurde 1537 durch Pulverexplosion zerstört, jetzt befindet sich daselbst eine Wirtschaft, die sog. Molkenkur. Hier wie im 1804 geschaffenen Schloßgarten befinden sich die schönsten Aussichtspunkte. Unter den fünf Kirchen H.s sind zu nennen: die simultane Stifts⸗ oder Heiliggeistkirche auf dem Marktplatze, eine spätgot. Hallenkirche, gegründet von Kaiser Ruprecht um 1400, im Chor mit einem wohlerhaltenen Grabstein, auf welchem der Erbauer und seine Gemahlin Elisabeth von Hohenzollern, Schwester des Kurfürsten Friedrich I. von Brandenburg, dargestellt ist; die evang. St. Peterskirche aus dem J. 1485, 1867 in reichem got. Stil restauriert, mit schön durchbrochener Turmpyramide; die Jesuitenkirche, kath. Pfarrkirche, aus dem J. 1750, mit reicher polychromer Ausschmückung von Mayerhauser in Karlsruhe und einer Marmorkanzel von Steinhäuser. Das bekannte älteste Gebäude der Stadt ist das Gasthaus Zum Ritter, 1592 in reichem Renaissancestil von dem Hugenotten Charles Belier erbaut, fast das einzige Haus, welches 1693 unversehrt blieb. An höhern Lehranstalten hat H. ein Gymnasium, eine Dodere Bürgerschule, eine Gewerbeschule und eine höhere Töchterschule mit Lehrerinnenseminar, außerdem zahlreiche Erziehungsinstitute. Unter den wissenschaftlichen Vereinen nimmt der Naturhistorisch-Medizinische Verein den ersten Rang ein. Der bedeutendste gesellige Verein ist das Museum mit wohleingerichtetem Gebäude am Ludwigsplatz und sehr reichem Lesezimmer. Hier befindet sich auch eine kleine Bildersammlung des Kunstvereins, in welcher namentlich Rottmann, Feuerbach, Fries und andere heidelberger Maler vertreten sind. Auf dem Gebiete der dortigen Industrie sind zu erwähnen: eine großartige Cementfabrik, eine auf das vollendetste eingerichtete Tabaks⸗ und Cigarrenfabrik, die Fabrik von Feuerlösch-und Rettungsapparaten des Organisators vieler Feuerwehren, Karl Metz (gest. 1877), welchem von jenen in der Nähe des Klingenthors 1880 ein Denkmal (Büste) errichtet ist, eine große Kunstwollfabrik, Fabriken von chirurgischen und mathem. Instrumenten, Leder und Brauereien. Die Einwohnerzahl beträgt (1880) 24417, darunter 14175 Protestanten, 9312 Katholiken, wovon etwa 1400 altkatholisch, und 799 Juden. Die Zahl der ständig hier wohnenden Ausländer, hauptsächlich Engländer und Amerikaner, beträgt gegen 800. Der Nahrungsstand der Einwohner 1400 hauptsächlich von der Universität und [dem großen Fremdenverkehr ab. Letzterer findet seinen Ausdruck in zahlreichen guten und eleganten Gasthöfen u. s. w. und in der großen Zahl von Verkaufsläden, welche auf einer Länge von 2 km beide Seiten der Hauptstraße fast in ununterbrochener Reihe einnehmen. Auf den Höhen um H. wachsen Reben, Kastanien, Mandeln und Kirschen, mit welchen letztern ein bedeutender Handel nach Holland und England getrieben wird; in der benachbarten Ebene werden hauptsächlich Handelsgewächse, wie Tabak und Hopfen, gebaut. Das Klima des durch Berge gegen den Nordwind dands r Thals ist eins der mildesten Süddeutschlands (daher Durchschnitt 10,74 C.). Lokale Ostwinde reinigen die Luft, Westwinde bringen aber auch häufige Regen, sodaß die Summe des jährlichen Regenniederschlags allerdings geringer ist als die der meisten bad. Städte, dagegen H. die meisten Regentage (187780), nämlich 188 zählte. Auf dem Boden des jetzigen Bergheimer Stadtviertels bestand bis in das 3. Jahrh. n. Chr. eine Kolonie röm. Bürger, von welcher in neuern Zeiten zahlreiche überbleibsel gefunden wurden. Die Entstehung der jetzigen Stadt, ursprünglich ein Lehn der Bischöfe von Worms, geht wohl nicht über das 12. Jahrh. zurück. Pfalzgraf Otto der Erlauchte (1228—53), aus dem Hause Wittelsbach, verlegte seine Residenz von Stahleck bei Bacharach hierher. H. blieb nun Hauptstadt der Pfalz bis 1720. Im J. 1556 wurde hier die Reformation eingeführt, 1563 erschien der in fast alle Kultursprachen übersetzte Heidelberger Katechismus, als Ausdruck der Calvinischen Glaubensanschauung; 1622 wurde die Stadt von Tilly erobert und geplündert und von den Franzosen unter Melac 1689 teilweise und 1693 völlig zerstört und in eine menschenleere oDde verwandelt. Im J. 1718 verlegte der kath. Kurfürst Karl Philipp seine Residenz wieder nach H. und fing an, das Schloß zu restaurieren, geriet aber mit seinen reformierten Unterthanen in Streit, denen er die Heiliggeistkirche wegnehmen wollte, und zog 1720 nach Mannheim. Im J. 1803 kam H. infolge des Reichsdeputations-Hauptschlusses an Baden. Unter den neuern histor.⸗ topogr. Schriften sind zu erwähnen die von Fickler (Lahr 1863), Oncken (2. Aufl., Heidelb. 1874) und Salzer (über die Zerstörungen von 1689 und 1693; 1881 u. 1889). Die Universität, im Okt. 1386 von Kurfürst Ruprecht J. gegründet, ist die älteste im jetzigen Deutschen Reiche. Rurf erste Glanzperiode Käll in die Regierungszeit Kurfürst Philipps des Aufrichtigen (1476 —1508), dessen Kanzler Johann von Dalberg, Bischof von Worms, Männer wie Rud. Agricola, Konrad Celtes, Jak. Wimpfeling, Tritheim, Reuchlin, Wessel, Okolampadius u. a. teils an den kurfürstl. Hof, teils an die Universität berief und dadurch H. zu einer Stätte des Humanismus machte. In gleichem Geiste wurde die Universität nach Einführung der Reformation unter Kurfürst Otto Heinrich (1556 —59) unter Mitwirkung von Melanchthon vollständig reorganisiert und gelangte unter dem nachfolgenden Kurfürsten Friedrich III. dem Frommen zu höchstem Ansehen als Mittelpunkt des Calvinismus. Im Dreißigjährigen Kriege verlor H., nachdem es 1622 durch Tilly erobert worden war, seine Bibliothek, darunter 3527 Handschriften, welche Maximilian I. von Bayern als Kriegsbeute 1623 dem Papste zum Geschenk machte Bibliotheca Palatina). Nach dem Westfälischen ieden suchte Kurfürst Karl Ludwig (1648 — 80) die Universität wieder zu heben, an die er Spanberie Freinsheim, Pufendorf, Cocceji und Beger erief. Nachdem aber 1685 die kath. Linie Pfalz-Neuburg zur Regierung gekommen und bald darauf H. zerstört worden war, trat eine gänzliche Unterbrechung in der Existenz der Universität ein, welche auch nach ihrer Wiedereröffnung das ganze 18. Jahrh. hindurch infolge des Einflusses der Jesuiten niemals mehr zu einem kräftigen Gedeihen gelangen konnte. Infolge des Friedens von Luneville (1801) verlor sie fast ihre sämtlichen Einkünfte, welche hauptsächlich in Gütern und Gefällen in der linksrhein. Pfalz bestanden, und hätte sich auflösen müssen, wenn ihr nicht der neue Landesherr Kurfürst Karl Friedrich von Baden, welchem die rechtsrhein. Pfalz durch den Reichsdeputationshauptschluß von 1802 zugefallen war, mit einem für damalige Verhältnisse sehr bedeutenden Aufwand zu Hilfe gekommen wäre, weshalb er durch den Namen Ruperto-Carola mit Recht als deren zweiter Stifter bezeichnet wird. Seit jener Zeit ind eine Menge der berühmtesten Gelehrten als rofessoren an der Universität angestellt worden. ie Zahl der Studierenden beträgt gewöhnlich im Winter gegen 700, im Sommer gegen 900 (1882 über 1000), darunter bei weitem der größere Teil Nichtbadener. Von der Bibliotheca Palatina erhielt die Universitätsbibliothek 1816 durch den Pariser Frieden 38 der wertvollsten Handschriften, welche infolge des Friedens von Tolentino (1797) nach Paris gewandert waren, und dann, auf Verwendung von Ssterreich und Preußen, sämtliche altdeutsche Handschriften, 854 an der Zahl, zurück, und zählt gegenwärtig über 320 000 Bände, 100000 Dissertationen und Broschüren, gegen 3000 Handschriften und mehrere tausend Urkunden. Vgl. Wilken, «Geschichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten heidelberger Büchersammlungeno (Seidelb. 1817); Bähr, Entführung der heidelberger Bibliothek (Lpz. 1845). Die jetzigen Gebäude der Hochschule am Ludwigsplatz stammen aus den J. 1712—15. Von sonstigen Universitätsinstituten sind hamenguem die zahlreichen und großartigen Neuauten zu erwähnen, welche in den letzten Jahrzehnten für naturwissenschaftliche und mediz. Zwecke geschaffen worden: 1848 die Anatomie, 1855 das chem. Laboratorium, 1863 das Fridericianum mit dem zoolog. Museum und der bedeutenden Mineraliensammlung, 1875 das physiol. Institut, 1876 das aus 16 getrennten Gebäuden bestehende neue Krankenhaus, 1877 der neue botan. Garten und die Irrenklinik und 1884 die neue Entbindungsanstalt. Das archäol. Institut, nahe der Universität, hat eine Sammlung von Gipsabgüssen und eine Anzahl in der Umgegend gefundener röm. Altertümer. Vgl. Hautz, «Geschichte der Universität H.» (2 Bde., Heidelb. 1863—64). — H. ist Geburtsort des bayr. Feldmarschalls Fürsten Karl von Wrede, dem 1860 auf dem Wrede-Platz ein Bronzestandbild, von Brugger, von König Ludwig I. von Bayern errichtet wurde. Die schönsten Aussichtspunkte bei H. sind außer der bereits erwähnten Molkenkur die Kanzel, das Rondel, der Geisberg (376 m über dem Meere) mit 1876 erbautem Aussichtsturm, und namentlich der Königstuhl, seit dem Besuch des österr. Kaisers Franz I. (1815) auch Kaiserstuhl genannt (569 m über dem Meere), dessen 1832 erbaute 29 mehohe Warte eine weite Rundschau bietet. Alle diese Orte, sowie der Speierer Hof mit Gasthaus, südlich vom Geisberg, ein beliebtes Ziel der Spaziergänger, liegen links vom Neckar; auf dem rechten Ufer des Flusses, in halber Höhe des Heiligenbergs, führt zwischen Weinbergen der Philosophenwbel hin, mit Aussicht auf Stadt, Schloß, Neckarthal und Rheinebene bis zum Hardtgebirge. Nahebei das altbekannte Kommers⸗ und Pauklokal der heidelberger Studenten in der Hirschgasse. — Zur Stadtgemeinde H. gehört auch das Dorf Schlierbach, in schöner Lage links am Neckar, 3 km östlich von H., Station der Linie H.⸗Würzburg der Badischen Staatsbahnen, mit 905 E. und Weinbau. Der Kreis Heibelberg zählt auf 968 qkm (1880) 143386 E., darunter 87 904 Evangelische, 50 471 Katholiken und 4003 Juden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 21Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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