Freiligrath (Hermann Ferd.), hervorragender deutscher Dichter, geb. 17. Juni 1810 zu Detmold, besuchte bis 1825 das dortige Gymnasium und lernte dann bis 1831 zu Soest als Kaufmann, in welcher Stellung er mit Grabbe in Verkehr trat. Nachdem er bis 1836 als Commis in einem Wechselgeschäft zu Amsterdam und 1837 —39 in Barmen konditioniert, entsagte er, veranlaßt durch den Beifall, welchen seine Gedichte fanden, dieser Laufbahn und zog nach Darmstadt. Hier überraschte ihn 1842 ein ihm von dem Könige von Preußen verliehenes Jahrgehalt, welches ihm gestattete, nach St. Goar überzusiedeln. Hatte er hierdurch wie durch sein Gedicht KAus Spanieno die Sympathien der liberalen Partei verloren, die ihn glaubte zu den Ihrigen zählen zu können, so gewann er dieselben in verdoppeltem Maße wieder, als er 1844 jenem Jahrgehalte entsagte und in polit. Gedichten sich der Demokratie anschloß. Er lebte hierauf in der Schweiz und seit 1846, um kaufmännischen Erwerb zu finden, in London. Im Begriff, einer Einladung des Amerikaners Longfellow über den Ocean zu folgen, wurde er durch die Märzbewegung von 1848 nach Deutschland zurückgeführt und trat nun an die Spitze der demokratischen Partei in Düsseldorf. Wegen des Gedichts Die Toten an die Lebenden » angeklagt, wurde er nach kurzer Untersuchungshaft im Okt. 1848 freigesprochen, und ging dann nach Köln, um an der Neuen rhein. Zeitunge teilzunehmen. Erneuerte polit. Anklagen trieben ihn 1851 wieder nach London, wo er, nach mancherlei Kämpfen und Sorgen des Exils, zuletzt in gesicherter bürgerlicher Stellung lebte, bis er dieselbe (1867) durch das Eingehen der von ihm verwalteten Bankagentur plötzlich wieder in Frage gestellt sah. Durch mehrere seiner Freunde wurde hierauf in Deutschland eine Nationalkollekte veranlaßt, durch deren Ergebnisse F. ein sorgenfreies Leben gewährleistet wurde. 5 kehrte hierauf 1868 nach Deutschland zurück und ließ sich in Stuttgart nieder, von wo aus er zu Anfang des Deutsch-Französischen Kriegs mehrere sehr populär gewordene Lieder veröffentlichte. Im Juli 1874 siedelte er nach Cannstatt ber und starb daselbst 18. März 1876. — Schon seine ersten Gedichte, die in kleinen westfäl. Blättern, dem Morgenblatto und dem Deutschen Musenalmanacho (1837) erschienen und von Chamisso gut empfohlen wurden, machten F.s Namen vorteilhaft bekannt. Im J. 1838 erschien die erste Sammlung seiner 4Gedichtex, welche 1875 bereits die 34. Auflage erlebten. Eine Nachlese zu denselben bildet „Zwischen den Garbenv (Stuttg. 1849). Außerdem gab er heraus Rolands Albump (Köln 1840), Rhein. Jahrbuche (mit Simrock und Matzerath, Köln 1840 u. 1841), mit Levin Schücking „Das malerische und romantische Westfaleno, 41842, Gedicht zum Besten des Kölner Doms » (mit Duller, Darmst. 1842), «Karl Immermann, Blätter der Erinnerung an ihno (Stuttg. 1842). Seine polit. Gedichte, welche durch einen poetischen Streit mit Herwegh eröffnet wurden, erschienen zuerst gesammelt im 4(Glaubensbekenntnis v(Mainz 1844). Diesem folgten außer einzeln erschienenen Liedern Ca ira! Sechs Gedichte v GSerisau 1846) und 4Neuere polit. und soziale Gedichter (Heft 1, Köln 1849; Heft 2, Braunschw. 1850). Außerdem erschienen noch Reue Gedichter Stuttg. 1877, 3. Aufl. 1880). Gesamtausgaben von F.s poetischen Werken erschienen in Nordamerika (6 Bde., Neuyork 1858) und in Stuttgart (6 Bde., 1870; 2. Aufl. 1871; neue sehr vermehrte und vervollständigte Aufl. 1877). Eine Auswahl engl. Überungen von F.s Gedichten wurde von seiner älteen Tochter in der Tauchnitzschen «Collection of German authorso (Lpz. 1869; 2. Aufl. 1871) herausgegeben. F.s poetisches Talent bewegt sich im alleinen in einem zwar beschränkten, aber um so shärfer abgegrenzten Kreise und mehr im Gebiete beschreibenden Poesie als in dem der rein lyrischen Empfindung oder des Gedankens. Seine Gedichte, zu denen er die Stoffe gern aus fremden Zonen schöpft, sind zum großen Teil malerische Schilderungen von kühner Zeichnung, kecker Auffassung und farbigem Kolorit. Sie üben einen eigentümlichen exotischen Zauber, der durch eine frische, bilderreiche, mit seltener Virtuosität behandelte Sprache noch unterstützt wird. Wenn dabei auch manches Bizarre oder Manierierte mit unterläuft, bleibt F. doch immer durch die energische Lebendigkeit seiner Phantasie, die Glut und Pracht der Ausführung und die Plastik der Darstellung unter den lyrischen Dichtern Deutschlands eine durchaus eigentümliche Erscheinung. Dieselbe Glut erfüllt auch seine polit. Gedichte, deren ruhelose Leidenschaftlichkeit freilich oft die poetische Schönheit beeinträchtigt. Während er längere Zeit hindurch als Dichter einer polit. Partei den Antipathien der anders Gesinnten ausgesetzt war, hat er sich durch seine patriotischen Kriegslieder im J. 1870 zur Höhe eines allgemein anerkannten nationalen Sängers emporgeschwungen. Vollkommen Herr der Sprache und Meister der rhythmischen Form, ist F. scher. 1 ein vortrefflicher und feinfühlender überankf. 1836) und der „Dämmerungsgesänge ictor Hugos (Stuttg. 1836; 6. Aufl. 1843), welcher überhaupt seiner Dichtweise vielfach zum Vorbilde diente, die übertragungen mehrerer engl. Lyriker, namentlich der Lieder von R. Burns, und von Longfellows „Sang des Hiawathay (Stuttg. 1857), sind Meisterwerke der Übersetzungskunst. Vielen Beifall hat auch seine engl. Anthologie The Rose, Thistle and Shamrocko (5. Aufl., Stuttg. 1874) gefunden. Im J. 1875 gab er ein Illustrated Magazine v (Stuttg.) heraus, mit einer autorisierten Auswahl des Besten, was die engl. Presse jenseit des Kanals und des Oceans veröffentlicht hatte. Aus seinem Nachlaß erschien „Nachgelassenes von Ferdinand F.» (Mazeppav, „Der Eggestersteino, Stuttg. 1883). Vgl. B. Auerbach, «Rede auf F., gehalten am 7. Sept. 1867 zu Darmstadty (Darmst. 1867); Kipnberg, .. F. Zum Verständnis des ters und als Begleitgabe zu seinen Werkeno Epz. 1868); Schmidt-Weißenfels, Ferdinand F. Ein biographisches Denkmal» (Stuttg. 1876); W. Buchner, (Ferdinand F. Ein Dichterleben in Brieseno (2 Bde., Lahr 1881—82).