Frere-Orban (Hubert Jos. Walther), belg. Staatsmann, geb. zu Lüttich 22. April 1812, erhielt seine Bildung in seiner Vaterstadt und später in Paris, wurde 1832 Advokat zu Lüttich und zehn Jahre darauf Gemeinderat. Seine rege Beteiligung an dem in der Presse und den lütticher Wahlvereinen gegen die kath. Ministerien geführten Kampfe, sowie seine ausgezeichneten Geistesgaben verschafften ihm im Juni 1847 einen Sitz in der Zweiten Kammer und zwei Monate darauf (12. Aug.), nach dem Sturze de Theux', das Portefeuille der öffentlichen Arbeiten, welches er 18. Juli 1848 mit dem der Finanzen vertauschte. Sein Hauptakt in dieser Afehte 5 war die mit großer Schwierigkeit durchgesetzte Reform, betreffend die Aufstellung einer Steuergebühr auf Erbschaften in direkter Linie. Drei Monate vor dem Rücktritte dieses Kabinetts (31. Okt. 1852) gab F., der gegen die franz. Tarif-Kriegsdrohungen, im Widerspruch mit seinen Kollegen, sich eifrigst widersetzte, seine Entlassung. Er schrieb sodann sein wichtiges Werk „La mainmorte et la charité (2 Bde., Brüss. 1854—57) und rüstete sich hierdurch zu dem 1857 ausbrechenden Streit über Abänderung der Wohlthätigkeits—⸗ gesetzgebung im Sinne erweiterter Säkularisierung, der im Mai 1857 den Liberalismus (9. Nov.) wieder ans Ruder brachte. Seit jenem Umschwung stand F., mit Ausnahme einiger Monate des J. 1861, abermals an der Spitze der Finanzverwaltung und erzielte die günstigsten Resultate. Ohne die Besteuerung zu schärfen und trotz der fortschreitenden Herabsetzung des Zolltarifs und erheblicher Vermehrung der Staatsausgaben, brachte er schon nach acht Jahren das Boni der Einnahmen auf 78 Mill., sodaß er dadurch die Herstellung großartiger Staatsbauten, vorzüglich die Befestigung Antwerpens, die Ablösung des Scheldezolls an Holland und vor allem die Abschaffung der dem innern Verkehr so nachteiligen städtischen Octrois, seine verdienstvollste Finanzmaßregel, ermöglichte. F. wirkte fort als die leitende Persönlichkeit des liberalen Kabinetts bis zu den Juniwahlen 1870, welche die Ultramontanen ans Ruder brachten, und hatte namentlich bei dem im Febr. 1869 zwischen Belgien und Frankreich ausgebrochenen Eisenbahnkonflikt Gelegenheit, sein ausgezeichnetes staatsmännisches Talent zu erproben. Nach der Niederlage der Katholiken, Juni 1878, erhielt F. das Ministerpräsidium und das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten. Mit unbeugsamer Festigkeit hat er, im Verein mit gleichgesinnten Kollegen und einer hierin ihm völlig ergebenen Majorität, die Hindernisse überwunden, die sich bis dahin der vom Liberalismus als dringend notwendig angestrebten Säkularisation der Volksschule entgegenstellten, und nicht angestanden, als der durch das Schulgesetz von 1879 entzündete Kampf mit dem Episkopat sich immer mehr verschärfte und der Papst das revolutionäre Gebaren des letztern zu zügeln Bedenken trug, die diplomatischen Beziehungen zur röm. Kurie abzubrechen. Obgleich wegen schroffen Wesens in seiner ster doch alhh nicht immer freundlich angesehen, gilt er doch allgemein im Parlament als der einflußreichste und fähigste Vertreter des doktrinären belg. Liberalismus und befindet sich, soweit es gilt den Einfluß des Klerus zu schwächen, im besten Einvernehmen mit dem immer mächtiger werdenden sog. jungen Liberalismus, der jedoch in manchen wichtigen, in der Schwebe befindlichen Fragen, vorzüglich in der Frage betreffend die Ausdehnung des durch die Verfassung beschränkten aktiven Wahlrechts, von ihm abweicht. Von seinen publizistischen Arbeiten ist zu nennen: La question monétaires (Brüss. 1874). reret (Nicolas), franz. Archäolog und Chronolog, geb. zu Paris 15. Febr. 1688, ein Zögling Rollins, wurde schon im 25. Jahre Mitglied der Akademie der Inschriften. Wegen seiner Eintrittsrede: Sur Porigine des Françaisd, die unliebsame Außerungen über die Verhältnisse der 2. zu dem Regenten enthielt, mußte er sechs Monate in der Bastille büßen. Nachdem er seine Freiheit wieder erlangt, übertrug ihm der Marschall von Noailles die Erziehung seiner Kinder. Am eifrigsten beschäftigte er sich mit der Chronologie der alten Völker, und seine Abhandlungen und Streitschriften hierüber machen einen großen Teil der Denkschriften der Akademie jener Zeit aus. Er war einer der ersten, die sich offen zu den Grundsätzen des Atheismus bekannten, den er in der Lettre do Thrasybule à Leucippes und dem Examen eritique des apologistes de la religion chrétiennes (Par. 1767) systematisch auseinandersetzte. Seit 1742 Sekretär der Akademie der Wissenschaften, starb er 8. März 1749. Seine «Oeuyress erschienen in 20 Bänden (Par. 1796—-99).