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ErdkundeBrockhaus 1882

Fulda, Hauptstadt des gleichnamigen Kreises im Regierungsbezirke Kassel der preuß. Provinz Hessen-Nassau, in dem Me Thale rechts der Fulda, 255 müber dem Meere, Station (mit Reparaturwerkstätte) der Linie Frankfurt d. M. Bebra-Niederhone-Göttingen der Preußischen Staatsbahnen und der Linie Gießen-F. der Oberhessischen Bahnen, ist Sitz eines Amtsgerichts, eines Landratamts und anderer Kreisbehörden, sowie des Bischofs und Domkapitels und zählt 1880) 11507 C. (wovon 8370 Katholiken, 2677, rotestanten und 439 Juden). Unter den sieben lätzen der Stadt ist der Domplatz der schönste. nter den Gebäuden zeichnen sich aus: die herrliche, 1704—12 von Quadersteinen erbaute Domürche mit zwei Türmen, einer schönen Kuppel und dem Grabe des heil. Bonifacius, die Michaelislirche, deren erste Anlage (Krypta und Rotunde mit antiken Säulen) durch den Abt Eigil (820 822) noch deutlich erkennbar ist, und die 1770 — 85 erbaute Stadtpfarrkirche mit hohen Türmen. Ferner das vormalige fürstbischöfl. Schloß mit groem Garten, jetzt von der Stadt angekauft, davor ie 1842 aufgerichtete kolossale Erzstatue des heil. Bonifacius (von Henschel); das Gymnasialgebäude und das Gebäude der Landesbibliothek (mit 60000 Bänden). Nordwestlich vor der Stadt auf einem schönen Hügel liegt der Frauenberg mit dem ehemaligen, jetzt der Stadt gehörigen Franziskanerkloster. Zu erwähnen ist noch das seit 1832 von Homberg nach F. übergesiedelte evang. freiadelige Damenstift Wallerstein, das kath. Schullehrerseminar, das kath. Gymnasium, hervorgegangen aus der im 9. Jahrh. vom Abt Hrabanus Maurus lan gestifteten Schule, mithin die älteste Deutschands, das Realprogymnasium, zwei höhere Töchterschulen, die Handwerksschule und das große Hospital. Die gewerbliche Industrie F.s wird durch Sackleinen⸗, Woll⸗ und Baumwollwebereien, große Plüsch⸗ und Lastingfabriken, eine Kammgarnspinnerei, eine berühmte Fabrik für musikalische Instrumente, Vereinigte Schuhstofffabriken, eine große Filztuchfabrik, eine Wachswaren-und drei Seifen-Iunnere eine Thonwarenfabrik und eine Roßhaarpinnerei vertreten. Außerdem π Färbereien und Gerbereien, einige größere Bierbrauereien und Essigfabriken, eine Gasanstalt, ein Vorschußverein, Getreide⸗ und Viehhandel, wöchentliche Schweinemärkte und jährlich neun bedeutende Viehmärkte. ist Sitz eines Landwehrbezirkskommandos (2. ataillon 1. hess. Landwehrregiments Nr. 81) und 910 ein Landkrankenhaus. Von der Stadt 7 Km üdöstlich liegt das vormalige bischöfl. Lustschloß Fasanerie, jetzt Adolfseck genannt, und unweit desselben das Dorf Vronmzell (f. d.). In F. sanden in neuerer Zeit öfters Versammlungen der kath. Bischöfe Deutschlands statt. Vgl. Schneider, (Führer durch die Stadt F. und ihre nächste Umgebungy (Fulda 1881). Das Bistum Fulda entstand aus der 744 durch Bonifacius im Walde Buochunna in der Landschaft Grapfeld gestifteten Abtei, welche 751, von aller bischöfl. Oberaufsicht befreit, unmittelbar dem röm. Stuhle untergeben wurde. Bald darauf erhob sich dieselbe noch mehr teils durch die mit dem Kloster verbundene ausgezeichnete Gelehrtenschule, an welcher der berühmte Hrabanus Maurus eine Zeit lang wirkte, teils dadurch, daß sie 968 den Primat vor allen andern Abteien Deutschlands und Frankreichs erhielt. Auch in der Folge wußten die Abte von F., die seit Kaiser Kari IV. zugleich die Erzkanzlerwürde bei der Kaiserin bekleideten, wennschon sie keine bedeutende Territorialmacht zusammenbrachten, doch durch alle Stürme der Reformation hindurch ihr kirchliches und reichsfürstl. Ansehen zu behaupten, sodaß F. 1752 zu einem Bistum erhoben wurde. Durch den Reichsdeputationshauptschluß wurde dasselbe 1803 säkularisiert und dem Hause Nassau-⸗Oranien als Fürstentum eingeräumt, doch bald wieder dem Fürsten Wilhelm, der gegen Napoleon die Waffen ergriffen hatte, entrissen und zu Berg, 1810 aber zum Großherzogtum Frankfurt geschlagen, mit welchem es bis zu dessen Auflösung (Ende 1813) vereinigt blieb. Im J. 1815 von Preußen besetzt, wurde es bald darauf teils an Bayern (Hammelburg, Brückenau, Hilders, Weyhers), größtenteils aber an Kurhessen abgetreten und mit diesem 1866 von Preußen in Besitz genommen. Die ehemals ebenfalls fuldaischen, jetzt weimarischen Amter Geisa und Dermbach, sämtliche kath. Pfarreien im Großherzogtum Weimar, sowie die im Regierungsbezirk Kassel zerstreuten kath. Parochien bilden das gegenwärtige Bistum F., welches 1829 errichtet wurde und zur Oberrheinischen Kirchenprovinz gehört. Von 1734 bis 1803 bestand zu F. eine Universität. Vgl. Arnd, (Geschichte des Hochstifts F.v (Fulda 1860); Gegenbaur, «Das Kloster F. im Karolinger Zeitalterd (2 Tle., Fulda 1872—74). Der Kreis Fulda umfaßt 614,2 qEm mit (1880) 47901 C. (wovon 43930 Katholiken, 3347 Cvangelische und 602 Juden). Der Fluß Fulda entspringt 26 km im Südosten von F. im Kreise Gersfeld am Fuße der Kleinen Wasserkuppe des Rhöngebirges, von wo er in einem lieblichen Thale durch das Fuldaische und Hersfeldische geht, an Gersfeld (510 m), F. (268 m), Hersfeld und Kassel vorbei, bis er sich bei Hannoverisch-Münden (120 m über dem Meere) mit der Werra zur Weser vereinigt. Er ist nicht schiffbar. Die wichtigsten Zuflüsse sind links: Schlitz und Eder (mit der Schwalm rechts), rechts die Haune. Nach dem Flusse F. war das Departement Fulda des Königreichs Westfalen benannt, das auf 5590 qkm 260000 E. zählte und Kassel zur Hauptstadt hatte. Hülek, Marktflecken im ungar. Komitat Neograd, in reizender menndt „Station der Linie Budapest-Salgö-Tarjän-Ruttek der Ungarischen Staatsbahn, mit 1600 E., hat ein großes Franziskanerkloster, Sauerbrunnen, Steinbrüche und vortrefflichen Obstbau. Der Ort war ehemals ein befestigter Platz und der Wohnsitz zahlreicher Adelsfamilien. Die auf hohem Felsen gelegene Burg bildete namentlich während der Türkenherrschaft in Ungarn (bis 1686) eine wichtige Schutzwehr für die nahe gelegenen Bergstädte. Sie befand sich von 1553 -93 in türk. Gewalt. Noch im J. 1682 hatte sie einen Angriff des aufständischen Emerich Tökölyi (s. d.) und der Türken zu erdulden. Burgkapitän war damals der tapfere Graf Stephan II. Kohary, der die Feste mit unerschütterlichem Mute verteidigte; aber durch die Feigheit der Besatzung fiel das Schloß und der Kommandant dem Feinde in die Hand. Kohäry wurde in Sklavenketten gelegt und mußte als Gefangener dem Türkenheere folgen. Erst im J. 1685 erhielt er seine Freiheit wieder. Heute ist Burg F. schon längst verlassen und verfallen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 402Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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