FeedGalvanischer
TechnikBrockhaus 1882

Galvanischer oder Voltascher Strom heißt der elektrische Strom, welcher bei Schließung eines alvanischen Elements oder einer Galvanischen Batterie (s. d.) entsteht und dann fortdauert, solange die ebengenannten Elektricitätsquellen geschlossen bleiben und noch elektromotorische Kraft besitzen. Der galvanische Strom ist seiner Natur nach identisch mit jedem beliebigen elektrischen Strome, und seine spezielle Bezeichnung deutet nur auf seinen Ursprung hin, nicht aber etwa auf besondere Eigenschaften und eigentümliche Gesetze. Ebenso sind seine Wirkungen dieselben wie die des Elektrischen Stroms (s. d.). Die Stärke des galvanischen Stroms steht im geraden Verhältnisse mit der elektromotorischen Kraft und im umgekehrten mit dem gesamten Leitungswiderstande im Stromkreise (Ohmsches Gesetz, s. d.); sie wird durch Boltameter und Galvanometer gemessen. Das Borhandensein und die Richtung des galvanischen Stroms wird durch Galvanoskope angezeigt; manche derselben (3. B. die Multiplikatoren) können auch zur vorläufigen Schätzung der Stromstärke dienen. Sowohl die Galvanoskope als die Galvanometer beruhen auf einigen Wirkungen des galvanischen Stroms. Diese Wirkungen des letztern gliedern sich in solche, welche im Schließungskreise selbst, und in andere, die in seiner Nähe erolgen. Zu den erstern gehören: 1) Die Wärmewirkungen. Wenn man eine kräftige Kette einen dünnen, kurzen und s t leitenden Metalldraht (Eisen, Platin) ießt, so bringt der elektrische Strom eine solche Hitze hervor, daß der Draht ins Weißglühen und chmelzen kommt. Um die Gesetze der Erwärmung stromdurchflossener Leiter aufzufinden, dienen Calorimeter (s. d.), bei welchen die Flüssigkeit möglichst schlecht leitend sein soll, damit von ihrer Nebenschließung des Stroms abgesehen werden könne; eine solche Flüssigkeit ist in erster Linie der wasserfreie Weingeist oder Alkohol. Man kann daher hier diesen statt des Wassers als calorimetrische Flüssigkeit benutzen und führt dann durch Rechnung das Resultat auf die gewöhnliche Wärmeeinheit (. Wärme) zurück. Bei einer derartigen Wärmeentwickelung durch den galvanischen Strom (Calorimeter s. Fig. 12 der Tafel: Galvanismus) ist der spiralförmige, dünne, zu untersuchende Draht an die beiden Enden des dickern Zuleitungsdrahtes gelötet und befindet sich in einem mit Weingeist gefüllten Glasgefäße. Aus den Angaben des im Weingeist eingesenten Thermometers läßt sich die Erwärmung der Flüssigkeit erkennen und daraus die Warmemenge berechnen, welche der galvanische Strom geliefert hat. Um die Reduktionen vom Weingeist auf Wasser zu ersparen, haben einige Experimentatoren, da letzteres ebenfalls, wenn auch im mindern Grade als Alkohol, den galvanischen Strom schlecht leitet, Wasser statt Weingeist als calorimetrische Flüssigkeit in dem eben besprochenen Apparate angewendet. Mittels solcher Calorimeter und entsprechender Berechnung hat Joule zuerst (1841) und nach ihm auch andere (Lenz 1844, Berquerel 1848) folgendes Gesetz (Joulesches Gesetz) begründet: Die in einem Teile des Schließungsdrahtes auftretende Wärmemenge ist proportional der Stromdauer, ferner dem Quadrate der Stromstärke und dem Widerstande des Drahtes. Später wurde die Gültigkeit dieses Satzes für jeden festen sowie tropfbar flüssigen Schließungsleiter (Joule 1844) und weiter auch für den ganzen Stromkreis erwiesen. Die gesamte Wärmemenge, welche die geschlossene Kette selbst in der Zeiteinheit liefert, ist ausgedrückt durch die Summe der Wärmemengen, welche durch die in der Kette sich ereignenden chem. Prozesse erzeugt und verbraucht wird; sie ist proportional der in der Kette verzehrten (oxydierten oder verbrannten) Zinkmenge. Da sich die Wärmemengen mittels des Wärmeäquivalents in mechan. Arbeit umrechnen lassen, so ist begreiflich, daß sich die von einem galvanischen Strome in einem Leiter erzeugte Wärmemenge auch in Sekundenkilogrammometern umwandeln läßt. Weil in schlechter leitenden Drähten (3. B. Platin) der Leitungswiderstand größer als in besser leitenden 6.B. Silber) ist, so erwärmen sich unter sonst gleichen Umständen die erstern stärker als die letztern. Ist die Stromstärke bedeutend genug, so erfolgt ein Erglühen der eingeschalteten Drähte, besonders wenn dieselben durch ihre Dünnheit und schlechtere Leitfähigkeit (z. B. Eisen, Platin) einen größern Leitungswiderstand bieten. Verbindet man (nach Grove) gleich lange und gleich dünne Drähte von Silberes und Platin p (Fig. 13) kettenförmig miteinander und sendet durch das Ganze einen kräftigen galvanischen Strom, so erglühen die Platindrähte lebhaft, während die besser leitenden Silberdrähte sich nur erwärmen, ohne leuchtend zu werden. 210 den Wärmewirkungen des galvanischen Stroms beruhen viele Erscheinungen und Anwendungen des elektrischen Glühens, der elektrischen Zündungen, der elektrischen Lichterscheinungen, so- wie der elektrischen Beleuchtung u. dgl. m. So wie der galvanische Strom thermische Wirkungen äußert, so können umgekehrt Temperaturdifferenzen unter gewissen Bedingungen elektrische Ströme hervorrufen. (S. Thermoelektricität.) 2) Die mechanischen Wirkungen. Dieselben erfolgen direkt nur als Molekulararbeit, indem die Leitungsdrähte durch den galvanischen Strom spröde und brüchig werden, indirekt aber in vielen Zweigen der Elektrotechnik (Telegraphie, Kraftübertragung u. dgl. m.). 3) Die schemischen Wirkungen. (S. Elektrolyse, Elektrochemie.) Umgekehrt erzeugen chem. Prozesse elektrische Ströme. (S. Galvanismus und Galvanische Batterie.) 4) Die physiologischen Wirkungen. Wenn man ein Stück Zink über, ein Stück Silber unter die Zunge legt und beide Metalle sich vorn berühren läßt, so empfindet man einen eigentümlichen Geschmack. Diese Erfahrung wurde schon von Sulzer 1760, also noch vor Entdeckung des Galvanismus oder Voltaismus gemacht, blieb aber unbeachtet. Leitet man galvanische Ströme durch die geschlossenen Augen, so entstehen durch die Reizung des Sehnerven Lichtempfindungen. Werden Bewegungsnerven von dem elektrischen Strome etroffen, so entstehen Zuckungen. Hat man die Nerven in dem enthäuteten Hinterteile eines eben getöteten Frosches bloßgelegt, so wird durch Anlegen zweier in Berührung befindlicher ungleichartiger Metalle an jene Nerven des Schenkels einerseits und an die zugehörigen Muskeln andererseits das Froschpräparat in Zuckungen gesetzt. Um auch in unserm Körper durch den galvanischen Strom Zuckungen zu erregen, bedarf es eines starken Stroms, der bei dem großen Widerstande, welchen unser Körper darbietet, nur durch Anwendung einer vielelementigen galvanischen Batterie (Kette), deren Elemente hintereinander geschaltet sind (s. Galvanische Batterie, bei Fig. 7 und 8), gewonnen werden kann. Weil jene Zuckungen oder 4Schläges nur beim Schließen oder Offnen der Kette auftreten, so versieht man letztere für die Hervorrufung von Zuckungen mit schnell thätigen Stromunterbrechern (Disjunktoren oder Rheotome), zu welchen auch das Blitzrad (s. d.) gehört. In solcher Weise kann man nicht bloß einer in die Stromleitung eingeschalteten Person, sondern auch einer eingeschalteten Menschenkette galvanische Schließungs- und Offnungsschläge versetzen. Durch derartige galvanische Schläge lassen sich auch Scheintote beleben. Auf der physiol. Wirkung des galvanischen Stroms beruht die Elektrotherapie (. d.). Nicht nur der menschliche, sondern auch jeder tierische Körper läßt sich durch galvanische Schließungs⸗ und Unterbrechungsschläge in Zuckungen versetzen. Konstante gutvanische Ströme bewirken nur, wenn sie sehr stark sind, ein schwaches Brennen in den angenäßten Händen, welche die mit metallenen Handhaben (Konjunktoren) versehenen Pole der galvanischen Batterie halten. Die lebenden tierischen Organismen sind nicht nur durch die Schließungen und Unterbrechungen des galvanischen Stroms, sowie durch seine Schwankungen reizbar, sondern sind auch selbst eine Quelle clektrischer Ströme. Zu den Wirkungen des galvanischen Stroms in seiner Nähe gehören: 5) Die elektromagnetischen Wirkungen. (S. Elektromagnetismus, Galvanoskop, Galvanometer und Elektrodynamik.) 6) Die induzierenden Wirkungen, wobei ein Strom durch sein Entstehen und Vergehen oder durch Ortsveränderung in einem benachbarten Leiter elektrische Ströme erregt. (S. Induktion.) So wie durch den galvanischen Strom Magnete erzeugt werden können, so lassen sich umgekehrt durch bewegte Magnete unter gewissen Bedingungen auch elektrische Ströme erzeugen. (S. Elektrische Maschinen und Dynamoelektrische Maschinen.) Über die Anwendungen des galvanischen Stroms s. Elektrotechnik. Litteratur für die Theorie: Wiedemann, Die Lehre vom Galvanismus » (2. Aufl., 2 Bde., Braunschw. 1872—74); derselbe, «Die Lehre von der Elektricitäte (2 Bde., Braunschw. 1882—-83). Für die Praxis: «Elektrotechnische Bibliotheky (Wien 1882 fg.), «Elektrotechnische Bibliotheko (Braunschw. 1882 fg.) und verschiedene elektrotechnische Zeitschriften.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 503Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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