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TierreichBrockhaus 1882

Ganglien (grch.) oder Nervenknoten ist der anatom. Name für knotenförmige, plattpunktierte rößere oder kleinere Körperchen von blaßgrauroter Jarbe, welche an den verschiedensten Stellen des Rörpers vorkommen, mit Nervenfäden vorzugsweise des sympathischen Nervensystems in Verbindung stehen und aus sehr feinen Nervenfäserchen und Nervenzellen oder Ganglienkugeln zusammengesetzt sind. Die letztern sind kugelförmige, bis zu 5o mm große Gebilde, welche aus einem feinkörnigen weichen Protoplasma und einem großen runden bläschenförmigen Kern bestehen und entweder direkt vermittelst einer wechselnden Anzahl fadenförmiger Fortsätze in die Nervenfasern übergehen oder von diesen nur umsponnen werden. Derartige Anhäufungen von Ganglienzellen in der Form von Nervenknoten finden sich teils in großer Anzahl im sog. vegetativen oder sympathischen Nervensystem, welches deshalb auch geradezu als Gangliensystem C unten) bezeichnet wird, teils an ganz bestimmten tellen der cerebrospinalen, d. h. der aus dem Gebirn und Rückenmark entspringenden Nervenstämme, und zwar überall da, wo eine Verbindung dieser Nerven mit solchen des sympathischen Nervensystems erfolgt. Zu dieser Gruppe gehören die sog. Spinalganglien, welche an allen Rückenmarksnerven bei ihrem Austritt aus dem Wirbelkanal gefunden werden, ferner der Ciliarknoten (ganglion ciliare) in der Dder Fencete der Ohrknoten (ganglion oticum) und der Flügelgaumenknoten (ganglion sphenopalatinum) am Schädelgrund, der Gassersche Knoten (ganglion Gasseri) am Stamme des fünften Hirnnerven und manche andere. Physiologisch betrachtet sind sämtliche Nervenknoten oder richtiger jede einzelne Ganglienzelle als ein kleines Nervencentrum anzusehen, welches für die von ihm abgehenden Nervenfäden dieselbe Bedeutung besitzt, wie sie im großen dem Gehirn und Rückenmart für die von diesen Centralorganen entspringenden Nervenfasern zukommt. Das Gangliensystem, auch organisches oder vegetatives Nervensystem (nvervus sympathicus) genannt, umfaßt alle jene Nerven, welche u den vom Willen unabhängigen Organen des 109. vegetativen Lebens, d. h. zu den Organen des Kreislaufs, der Atmung, der Verdauung, der Harnabsonderung und der sen Gegenat gehen, und steht so in einem gewissen Gegensatz zu dem Cerebrospinal-oder Hirnrückenmarkssystem, welches der willkürlichen Bewegung und Empfindung dient. Seine Unabhängigkeit vom Gehirn und Rückenmark tritt namentlich in jenen Fällen deutlich hervor, wo die beiden letztgenannten Nervencentren von Krankheiten mhahrtl z. B. gelähmt werden; das Gangliensystem fährt während jener Krankheiten fort, seine Funktionen auszuüben, die Blutcirkulation, die Verdauung und alle übrigen vegetativen Verrichtungen gehen ungestört von statten, wenn auch die von den gelähmten Nerven versorgten Organe ihre Thätigkeit teilweise oder gänzlich eingestellt haben. Auf der andern Seite darf man sich bmme das Gangliensystem auch nicht als ein vollkommen in sich geschlossenes System vorstellen, da es nicht nur in anatomischer, sondern auch in physiolog. Hinsicht mit dem Cerebrospinalsystem in vielfacher und inniger Verbindung steht. Seinen Namen hat es davon erhalten, daß es außerordentlich reich an Nervenknoten ist und weil die letztern die eigentlichen Centralorgane dieses Systems darstellen. Die Nervenfasern des Sympathicus sind übrigens dünner und zarter als die des Gehirns und Rückenmarks und bestehen nur aus einer Substanz, welche dem Achsencylinder der gewöhnlichen Rerven entspricht. Eine weitere wesentliche Eigentümlichkeit des Gangliensystems besteht darin, daß seine Bestandteile nicht auf einem engen Raume zusammenliegen, sondern fast durch den ganzen Körper verteilt sind. Der Sympathicus liegt nämlich in zwei Strängen, den beiden sog. Grenzsträngen, symmetrisch zu beiden Seiten der Wirbelsäule in der Brust-und Bauchhöhle und erstreckt sich auch mit drei großen Nervenknoten auf Hals und Kopf. Iu der Mittellinie des Körpers treten Zweige des Sympathicus zu eigentümlichen Netzen oder Rervengeflechten (plexus nervosi) zusammen, während er andererseits mit allen Nerven des Rückenmarks und des Gehirns, mit Ausnahme der Sinnesnerven (Geruch⸗, Seh⸗ und Gehörnerven) in vielfacher Verbindung steht. Das größte Geflecht dieser Art ist das sog. Sonnengeflecht (plexus solaris), welches dicht unter dem Zwerchfell auf der Vorderseite der Aorta gelegen ist und mit sämtlichen Eingeweidenerven innig zusammenhängt. Ebenso sind für das Herz, die Nieren und die Beckenorgane besondere Geflechte vorhanden, die sämtlich viele kleinere und größere Nervenknoten enthalten. Von Krankheiten des sympathischen Nervensystems ist im allgemeinen wenig bekannt; doch weiß man, daß die Basedowsche Krankheit, die fortschreitende Muskelatrophie, die Migräne und einige andere Nervenkrankheiten * Veränderungen der sympathischen Hals⸗ und Brustnerven beruhen. (S. Tafel: Nerven.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 524Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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