Garfield (James Abram), der zwanzigste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, geb. 19. Nov. 1831 zu Orange im County Cuyahoga des Staats Ohio, von puritanischen Eltern, deren Vorfahren schon 1636 aus Chester in England nach Massachusetts eingewandert waren und sich im Städtchen Watertown, in der Nähe von Boston, niedergelassen hatten. Er stammte also nicht, wie oft irrthümlich angegeben wird, von einer deutschen Familie Garfeld, Garfelder oder Gerbefelder aus Hessen. G. verlor bereits im zweiten Jahre seinen Vater, einen armen Farmer, arbeitete, nachdem er den dürftigsten Schulunterricht in einer Distriktsschule genossen hatte, in den verschiedensten Teilen von Ohio als Farmgehülfe (Knecht) und Holzspalter, als Zimmermann und Maultiertreiber, als Bootsmann und Tischler, und fing erst 1848 an, eine ordentliche Schule (die sog. Geauga-Akademie zu Chester im Staate Ohio) zu besuchen. Um die Mittel zu seinem Unterhalt zu gewinnen, wurde er, als er im August 1851 das College zu Hiram in Portege-County in Ohio bezog, Pedell und Glöckner der Anstalt, während er in seinen Freistunden und in den Ferien als Zimmermann thätig war. G. widmete sich seinem Studium mit solchem Erfolge, daß er, nachdem er 1854—56 noch William's College in Massachusetts besucht hatte, 1857 im Hiram Eelectie Institute Professor der alten Sprachen und 1858 dessen Präsident wurde. Neben seiner umfassenden Lehrerthätigkeit gab er sich aber auch noch eifrig juristischen Studien hin, weil er beabsichtigte, später Advokat zu werden. Anfang 1861 erhielt er auch die Advokatur. Beim Ausbruch des Bürgerkriegs war G. einer der ersten, welche als Anhänger der Union in die Armee eintraten, zog als Oberst des 42. Freiwilligenregiments von Ohio im Frühjahr 1861 ins Feld und stieg bald zum General auf. Im J. 1863 wurde er als Stabschef zum General Rosecrans kommandiert und verließ, für seine am 19. Sept. 1863 in der Schlacht bei Chicamauga bewiesene Tapferkeit und Umsicht zum Divisionsgeneral ernannt, im Herbst 1863 das Heer, um wieder Advokat zu werden. G. wurde aber bei seiner Rückkehr sofort in das Repräsentantenhaus des Kongresses gewählt, welchem er als fleißiges und auf den schwierigsten Gebieten bewährtes Mitglied des Hauses und seit 1877 als Führer seiner Parteigenossen ununterbrochen bis zum 8. Nov. 1880 angehörte. Seit 1861 war G. von dem Obergericht des Staates Ohio bereits zur Rechtspraxis zugelassen worden; 1866 erhielt er die Berechtigung auch von dem höchsten Gerichtshofe der Vereinigten Staaten zu Washington, als Advokat zu praktizieren. Eine Reise, die er 1867 unternahm, trug dazu bei, seinen geistigen Blick zu erweitern; er war wohl bewandert in der englischen, deutschen und franz. Litteratur und bekundete seine Vorliebe für das Deutschtum wiederholt in Wort und That. Im J. 1880 stand G. an der Spitze der Delegation von Ohio und vertrat bei der republikanischen Nationalkonvention in Chicago im Juni die Kandidatur seines Landsmanns, des Finanzministers Sherman. Als aber weder Grant noch ein anderer Kandidat eine Majorität erreichen konnte, ward im 35. Wahlgange G. als «the dark horsen (4das schwarze Roßv, wie die Amerikaner einen plötzlich auftauchenden Kandidaten nennen) zur Wahl gestellt, und da ihm im 36. Wahlgange alle bisher gegen Grant abgegebenen Stimmen zufielen, so wurde er am 8. Juni einstimmig als der republikanische Präsidentschaftskandidat nominiert. Da am 2. Nov. die Wahlen 214 republikanische Elektoralstimmen gegen 155 demokratische Elektoralstimmen (welche auf den Gegenkandidaten Winfield S. Hancock fielen) für G. ergaben, so wurde dieser am 1. Dez. von den republikanischen Wahlmännern zum Präsidenten erwählt. Die Gesamtzahl der Volksstimmen war für G. 4449053, für Hancock 4442035 gewesen. Am 4. März 1881 trat G. sein Amt als zwanzigster Präsident der Vereinigten Staaten an, wurde jedoch bereits 2. Juli 1881 auf dem Bahnhofe der Baltimore-Potomac-Eisenbahn zu Washington von einem brotlosen Stellenjäger Namens Guiteau (s. d.) durch einen Revolverschuß schwer verwundet, am 6. Sept. 1881 zur Rekonvalescenz nach Long-Branch im Staate New-Jersey gebracht, starb aber dort 19. Sept. 1881. Die Leiche wurde 22. Sept. nach Washington geschafft, nach einer Leichenfeier im dortigen Kapitol am 23. Sept. nach Cleveland gebracht und daselbst auf dem Lake-View-⸗Kirchhofe beerdigt. G.s Nachfolger im Amte war der seitherige Vizepräsident Chester A. Arthur (s. d.). Durch seine Ermordung wurde G. zum Märtyrer für eine Sache, welcher er, wenn er länger gelebt hätte, gewiß nach den mit seinen persönlichen Gegnern gemachten Erfahrungen treu und erfolgreich gedient haben würde, welcher er aber während der kurzen Zeit seiner Verwaltung gleichgültig, ja abwehrend gegenüberstand. Es war ein großer politischer Fehler G.s, daß er die von seinem Vorgänger Hayes freilich nur schüchtern eingeführte Reform des Civildienstes nicht energisch fortzuführen und durchzusetzen suchte. In dieser seiner schwankenden Stellung zur Reform des Civildienstes liegt des Präsidenten tragisches Verhängnis. So fiel er im Anfang einer vielversprechenden Thätigkeit als ein pflichtgetreuer Mann und edler Charakter, welcher in einem zwanzigjährigen öffentlichen Wirken stets das Beste seines Landes gewollt und keinen Flecken an seinem guten Namen zurückgelassen hat. Vgl. Mason, «The life and public services of James Abram 6G. (Lond. 1881); Doehn, «Die Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten im 1880% (in «Unsere Zeit, 1881, II) und 4Die dministration G.s und der Guiteau-Prozeßo (in Unsere Zeito, 1882, II); Thayer, «James A G.s Lebeno (autorisierte übersetzung aus dem Englischen von Daniel, Gotha 1882).