Geheime Verbindungen zu den verschiedensten Zwecken finden sich zu allen Zeiten und bei den meisten, wenn nicht allen Völkern. Sie dienten teils dazu, um politische oder religiöse Ideen, für deren Erfassung die Menge noch nicht reif war, für günstigere Zeiten aufzubewahren, teils dazu, um dem Volke neue Errungenschaften wieder zu entreißen und der natürlichen Entwickelung des Volksgeistes einen Damm entgegenzusetzen oder gar unhaltbare Zustände zurückzuführen. Von geheimen erbindungen liefert schon die Geschichte der alten Kulturvölker zahlreiche Beispiele in den Berichten von ind., ägypt. und andern Priesterkasten mit esoterischen Lehren und Gebräuchen, in den Mysterien der Griechen, im Pythagoräerbunde, in der jüd. Sekte der Esfäer, in den vom röm. Staate verurteilten Kulten. Das Mittelalter weist die zahlreichen, mit der Kirche in Widerspruch tretenden und von ihr mit dem Banne belegten religiösen Verbrüderungen auf,‚ ferner die Femgerichte und Baugewerken-Verbindungen in Deutschland. Zahlreiche Geheimbünde traten dann im 17. Jahrh. wieder ins Leben, welche teils die Erlangung übernatürlicher Fertigkeiten, wie Geisterbannen, teils die Lösung alchimistischer Probleme zum Zweck hatten. Auch die besonders seit Anfang des 18. Jahrh. aus England nach dem Kontinent verbreitete Famtanrerei vernachlässigte zum Teil ihre humanistische Aufgabe, indem sie sich in Geheimniskrämerei verlor und den Vorschriften unbekannter Obern huldigte. Aber erst die Französische Revolution gab den Ausgangspunkt für eine ununterbrochene Reihe von eigentlich polit. Verbindungen. Als Napoleon I. mit der Anarchie zugleich die Freiheit zu ersticken drohte, entstanden immer häufiger geheime polit. Verbindungen, wie die der Philadelphen (s. d.), welche sich, ungeachtet aller Gegenmaßregeln, bis zum Sturze Napoleons erhielten. Wichtiger und einflußreicher wurden einige Geheimbünde in außerfranz. Ländern, so in Italien die Carbonari (s. d.) und in Deutschland der Tugendbund (s. d.), welcher letztere zwar von vornherein öffentlich auftrat, aber in einigen Zweigen auch als geheime Verbindung bestand. Einen entschieden nationalen Charakter hatten die 1814 zu Wien gegründete Hetärie (s. d.) der Griechen zur Befreiung von der türk. Herrschaft und die seit 1817 unter den Polen gestifteten geheimen Verbindungen unter den Namen des Patriotischen Vereins, des Bundes der Sensenträger, der Strahlenden, der Philareten und der Templer. Die teilweise Entdeckung der letztern führte zu ihrer Verschmelzung in dem Patriotischen Vereine, welcher sich mit dem über Rußland, besonders in den Perkend Provinzen, verzweigten Geheimbunde in Verkehr setzte. Der mißglückte Ausbruch der Verschwörung in Petersburg nach Alexanders I. Tode hatte auch die Auflösung des poln. Patriotischen Vereins zur Folge, an dessen Stelle 1828 eine geheime Verbindung zunächst in der warschauer Militärschule entstand, die, zu einem Jünglingsbunde erweitert, den Anstoß zur poln. Insurrektion 1830 gab. Auch nach der Unterdrückung dieses Aufstandes dauerten die zum Teil von der Emigration in Frankreich geleiteten Versuche zur Gründung revolutionärer Gesellschaften fort, ungeachtet zahlreicher Entdeckungen und harter Bestrafungen der Beteiligten, und führten zu den Bewegungen von 1846, 1848 und 1863. Im Westen und Süden Europas war das Ziel der geheimen Verbindungen seit der Restauration von 1815 und der damit verbundenen Reaktion auf die Einführung wirklich verfassungsmäßiger Zustände gerichtet. So hatten in Italien die Carbonari, in Spanien die sog. Freimaurer und Communeros eine entschieden liberale, zum Teil demokratische Färbung. In Frankreich bildeten sich solche Verbindungen zunächst im Interesse der Napoleonischen Dynastie, dann aber zur Vertreibung der Bourbonen unter verschiedenen Namen, wie Verein der schwarzen Nadel, der Patrioten von 1816, der Geier Bonapartes, der Sonnenritter, der europ.⸗reform. Patrioten, der allgemeinen Regeneration. Diese verschmolzen später unter beh und mit den Carbonari, sodaß Paris Hauptsitz der Charbonnerie wurde. Bald nach dem Frieden entstand auch in Deutschland, namentlich in den Rheingegenden, eine vom frühern Tugendbunde manches entlehnende geheime Verbindung, die aber bald einging. Später ging aus der allgemeinen deutschen Burschenschaft (s. d.) ein Jugendbund hervor, zum Teil als Opposition gegen die sog. Adelskette und gegen jesuitische Umtriebe. Eine neue Phase in der Geschichte der geheimen Verbindungen beginnt mit der franz. Julirevolution 1830. In Frankreich gingen aus der karlistischen Partei Gesellschaften wie die der Chevaliers de la légitimité hervor. Die republikanische Partei erzeugte eine neue Charbonnerie démocratique, und als Bestandteil der zahlreichen Gesellschaft der Menschenrechte bildete sich eine besondere Section d'action. Nachdem sodann in Italien erneuerte revolutionäre Versuche gescheitert waren, stifteten mehrere Flüchtlinge, z. B. Mazzini (s. d.), in Opposition mit der franz. Charbonnerie, das Junge Italien, nach dessen Vorbild ein Junges Deutschland, Junges Polen, Junges Frankreich und eine Junge Schweiz entstanden, die als Junges Europa in gegenseitigen Verkehr zu treten suchten. Zum Teil aus den Trümmern früherer Vereine, zum Teil aus der Carbonaria und dem Jungen Europa bildete sich in Spanien seit Ferdinands VII. Tode eine Menge geheimer Gesellschaften, wie die der Isabellinos, der hohen Templer, der Menschenrechte, der unregelmäßigen Freimaurer und das zu Barcelona gegründete Junge Spanien. Diese Vereine bezweckten entweder nur eine Abwehr des karlistischen Despotismus und der Priesterherrschaft, oder sie gingen auf Herstellung der Konstitution von 1812 oder der Republik aus. Ihnen gegenüber traten mehrere karlistische Vereine auf, wie die Sonnenritter, während der gemäßigte Liberalismus zur Gesellschaft der Jovellanisten hielt. In ähnlicher Weise tauchten in Portugal Verbindungen der Septembristen, Chartisten und Miguelisten auf, um zeitweise zu verschwinden und unter neuen Namen und Formen wieder zum Vorschein zu kommen. In Deutschland nahm ein Teil der Burschenschaft schon vor dem Frankfurter Attentat als Germania die Gestalt einer geheimen Verbindung an. Nicht lange nach jenem Attentat bildete sich in Frankfurt und Umgegend ein in Sektionen gegliederter, meist aus Handwerkern bestehender Männerbund mit demokratischer Tendenz. In England traten die schon lange gegründeten toryistischen Orangelogen bestimmter hervor; ebenso entstanden in Irland geheime Verbindungen unter abenteuerlichen Namen, wie 1760 der Bund der Weißen Burschen, 1786 der Bund der Rechtsburschen, oder wie Kapitän Rocg, Terry Alt, welche irische Geheimbünde alle zum Zweck eine agrarische Umwälzung und die polit. Selbständigkeit Irlands hatten. Neben den öffentlichen Vereinen der Arbeiter in Großbritannien und Irland und dem Chartismus (s. d.) bildeten sich auch geheime Associationen, die aber mehr auf Erlangung höherer Lohnsätze ausgingen. überhaupt konnten im brit. Volke polit. Geheimbünde schon deshalb keine tiefern Wurzeln schlagen, weil das Associations- und Versammlungsrecht bereits gesetzlich anerkannt war und weil alle Parteien daselbst bald an das Licht der Sffentlichkeit gedrängt werden. Frankreich blieb Hauptherd der geheimen Verbindungen. Nachdem daselbst die republikanische Partei in dem Aufstande 1834 eine schwere Niederlage erlitten hatte und durch die Ausbreitung der demokratischen Lehren in den Hintergrund gedrängt war, erstanden die zahlreichen Vereine, welche die Verwirklichung des Sozialismus (s. d.) und Kommunismus (s. d. zum Zwecke hatten. Dahin gehörten die Verbindungen der Familien, der Jahreszeiten, der Handwerke, der Egalitaires u. s. w. Auch in einigen deutschen Staaten entdeckte man seit 1840 geheime, meist von Handwerkern gestiftete Vereine, die ähnliche Tendenzen zu hegen schienen. Diese Bestrebungen waren teilweise von der Schweiz aus hereingetragen, wo eine 1843 zu Zürich eröffnete Uuteriuchung kommunistische Verbände bloßlegte. Die polit. Bewegungen von 1848 und 1849, die sich in allen davon betroffenen Ländern mit voller Offentlichkeit entwickelten, vernichteten insofern das geheime Vereinswesen, als jede Partei ihre Pläne laut vertreten durfte. Erst mit Herstellung der alten Gewalten und des frühern Drucks. traten auch wieder geheime Gesellschaften in Thätigkeit, so in Italien die Verschworenen gegen die Maria und österr. Herrschaft, in Frankreich die arianne. In Italien, Deutschland und Osterreich ist infolge der freisinnigen polit. und nationalen Umgestaltungen seit 1859, 1866 und 1871, und namentlich infolge der Entwickelung der Associationsfreiheit, den geheimen Verbindungen der Boden wesentlich entzogen worden. Jenseit des Oceans hatte die südl. Aristokratie in den Vereinigten Staaten zur Erhaltung und Ausbreitung des übergewichts der Sklavenbesitzer die Ritter vom goldenen Zirkel gegründet, denen auch Booth, der Mörder des Präsidenten Lincoln, angehört haben soll. Als Glied in der Kette der großen geheimen Verbindungen sind die irländ.⸗amerik. Fenier (s. d.) zu nennen, welche mit den zuerst geduldeten, dann aufgelösten und im geheimen fortbestehenden Verbindungen der irischen Landliga und Frauenliga in engem Zusammenhange stehen und zum Teil die abscheulichste Mord- und Dynamitpolitik befolgen. Der 6. Mai 1882 an zwei hohen n Diblin Aiug von verübte Mord im Phönixpark in ublin ging von einem fenischen Geheimbunde aus, in welchem diejenigen, welche die Mordpläne zu entwerfen und auszuführen hatten, den «innern Cirkelo oder die besondere Brüderschaft der irischen «Unbesieglichen bildeten und unter dem Kommando und den Weisungen eines geheimnisvollen Chefs, welcher (Numero Einso genannt wurde, Hatie, In Deutschland zog sich die Sozialdemokratie, als ihr durch das Sozialistengesetz von 1878 und 1880 die offene Agitation erschwert worden war, in das Dunkel einer im Verborgenen operierenden Verbindung zusammen, die 1880 in Wyden (im Kanton ürich), 1883 in Kopenhagen geheime Zusammenünfte hielt und mit der alle diese Geheimbünde beherrschenden londoner Internationalen intime Beziehungen hatte. Das größte Aufsehen erregte in neuerer Zeit die Entstehung und Thätigkeit der Nihilisten (s. d.) in Rußland, welche den Umsturz des Absolutismus, die Einrichtung parlamentarischer Einrichtungen und die Auflösung der bisherigen sozialen Verhältnisse erstreben. Seit 1874 trat in Rußland ein «sozial-revolutionärero Bund auf; aus diesem bildete sich 1876 die Volksparteiv, welche die eben angeführten Ziele der Nihilisten verfolgte; 1878 schied aus der Volkspartei eine neue Gruppe aus, welche sich den Bund der (Terroristeno nannte und gewaltsame, blutige Mittel angewandt wissen wollte. Von diesem Bunde, in welchem ein Exekutivkomitee die Befehle erteilte, gingen die seit 1878 an hochgestellten Beamten verübten Mordthaten und die Attentate gegen das Leben des Kaisers Alexander II. aus, welche nach mehrmaligem Mißlingen 13. März 1881 mit der Ermordung des Kaisers endigten.