FeedAnästhesie (grch.)
HeilkundeBrockhaus 1882

Anästhesie (grch.), d. i. Unempfindlichkeit, nennt man in der Medizin denjenigen Zustand der Empfindungsnerven, bei welchem dieselben im ganzen oder in einzelnen Teilen unvermögend sind, äußere Eindrücke (sog. Reize, wie z.B. Wärme, Druck, Licht, Schall u. s. w.) zur Empfindung zu bringen. Ein solcher Zustand kann zunächst dadurch bedingt sein, daß die äußern Endapparate der Empfindungsnerven, welche sonst den Reiz zunächst aufnehmen, zerstört oder mehr oder weniger unbrauchbar geworden, daß also z. B. die Netzhaut des Auges, oder die sog. Tastkörperchen der Haut fehlen oder krankhaft verändert sind; oder zweitens dadurch, daß die Fasern der Empfindungsnerven nicht mehr im Stande sind, die in ihren äußern Endapparaten von außen her erweckten Erregungen bis zum Gehirn fortzuleiten, sei es, daß sie durch Subtam Ernährung oder Einwirkung giftiger Substanz in ihrem ganzen Verlauf leitungsunfähig geworden, oder sei es, daß nur an einer Stelle durch Druck auf die Faser oder Trennung derselben die Leitung unterbrochen ist; oder endlich wird die A. dadurch bedingt, daß die Hirnteile, in welchen die von den Empfindungsfasern zugeleitete Erregung zum Bewußtsein gebracht, d. h. in eine wirkliche Empfindung der äußern Reize umgesetzt wird, zerstört oder derart verändert sind, daß sie keine Empfindungen mehr N erzeugen vermögen. Je nachdem die A. in den erven und deren äußern Endapparaten, oder im Gehirn, beziehentlich im Rückenmark ihren Grund hat, nennt man sie ersternfalls eine peripherische, letzternfalls eine centrale, je nachdem sie sämtliche Empfindungsnerven oder nur einzelne derselben betrifft, eine allgemeine oder eine lokale, je nachdem das Empfindungsvermögen nur geschwächt oder ganz aufgehoben ist, eine unvollkommene oder vollkommene. Ein Beispiel einer normalerweise vorkommenden allgemeinen, aber unvollkommenen A. ist der Schlaf, und zwar ist dieselbe hier eine centrale, in einem veränderten Zustande des Gehirns begründete. Eine allgemeine und vollkommene A. begleitet jede tiefe OIhnmacht und andere Zustände völliger Bewußtlosigkeit, K B. die verschiedenen künstlich hervorgerufenen Narkosen, und zwar ebenfalls aus centraler Ursache. Beispiele unvollkommener, peripherischer A. sind die Unempfindlichkeit der Haut nach Einwirkung starker Kältegrade, nach starkem Schlage oder Drucke oder nach einer Quetschung der Haut; ebenso die Unempfindlichkeit der Haut beim sog. Einschlafen der Glieder (s. d.). An diese Beispiele alltäglicher und nicht eigentlich krankhaft zu nennender A. reihen sich nun zahlreiche, auf wirklichen Krankheiten beruhende. Verschiedene Gehirn- und Rückenmarkskrankheiten können mehr oder weniger ausgebreitete A. der Hautnerven, des Augennerven (Blindheit), des Hörnerven (Taubheit) u. s. w. veranlassen. Peripherische A. kommen vor infolge von Geschwülsten, welche auf Nervenstämme drücken, sowie nach Durchschneidungen der Nervenstämme bei Verwundungen. Dabei können in dem vollkommen anästhetischen Teile gleichzeitig die heftigsten Schmerzen wüten, wenn weiter aufwärts (näher dem Gehirn) von dem die A. erzeugenden Punkte den Nerven ein Reiz trifft, weil jede schmerzerregende Einwirkung auf einen sensiblen Nerven in dessen periphere Ausbreitung verlegt wird. A. kommt ferner vor bei Entzündungen der Nerven und infolge teilweise noch unbekannter Einflüsse (rheumatische Lähmungen) sowie endlich bei einzelnen Vergiftungen z. B. mit Blei, Opium und 1. Alkaloiden, Stickstoffoxydul). Diese Vergiftungen wirken teils peripherisch, teils central. Blei verursacht z. B. bisweilen beschränkte, peripherisch begründete Unempfindlichkeit der Haut; Opium wirkt nur central und ebenso im wesentlichen Schwefeläther und Chloroform. Diese Eigenschaft benutzt man zur künstlichen Herstellung von A., um Operationen schmerzlos auszuführen. (S. Anästhesieren.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 607Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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