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GeschichteBrockhaus 1882

Genus (Mehrzahlgenera, sprachlich) oder grammatisches Geschlecht bezeichnet gewisse Kategorien, in welche verschiedene Sprachen ihre Substantiva, und im Zusammenhange mit diesen auch Adjektiva und Pronomina, zerlegen. Da man diese Einteilung mit dem Geschlechtsunterschied (sexus) organtscher Wesen verglich, so wählte man für die Bezeichnung des G. auch die Ausdrücke männlicho (Maskulinum) und aweiblichv (Femininum); so unterscheidet z. B. der semit. Sprachstamm (Hebräisch, Arabisch u. s. w.) nur zwei Genera, die man eben als Maskulinum und Femininum bezeichnet. Aber die indo-german. Sprachen scheiden drei Genera, das dritte Neutrum (d. h. keins von beiden, weder Maskulinum noch Femininum) genannt. Gewöhnlich wird die Entstehung der Genera so gedacht, daß man anfangs diesen grammatischen Unterschied nur da machte, wo von einem natürlichen Geschlechtsunterschied die Rede sein kann, also bei männlichen und weiblichen organischen Wesen, daß davon aus durch eine poetische übertragung auch den unorganischen Dingen und abstrakten Begriffen Geschlecht zugeschrieben wurde, sie demnach auch in männliche und weibliche zerfielen, und daß endlich das Neutrum der indogerman. Sprachen, welches diese allein besitzen, das Geschlecht unbezeichnet läßt, keine bestimmte Endung dafür hat (wie z. B. lateinisch nomen, cor, genus), oder einen Casus, den Accusativ, als Ausdruck des Subjektverhältnisses der betreffenden Worte benutzt (wie lat. bellum, welches ganz dieselbe Hie 5 ist, wie der Aecusativ Servum von servus). Die Richtigkeit dieser Theorie „aber ist äußerst zweifelhaft. Die allermeisten Sprachen der Erde kennen gar keinen Genusunterschied, er fehlt z. B. den sonst reich entwickelten türk. und finn. Sprachen, und selbst wo Grenzen unterschieden werden, ist die formelle Unterscheidung, d. h. die Verwendung bestimmter Endungen zur Bezeichnung des G. meistens eine sehr unvollkommene, z. B. die lat. Worte avis (Vogel) und ignis (Feuer) sind gleich gebildet und werden gleich dekliniert, und es fehlt jedes äußere Kennzeichen, um zu bestimmen, daß ersteres Femininum, letzteres Maskulinum ist, und so ist es in jeder ältern indogerman. Sprache. Am genauesten und vollkommensten ist der formelle Genusunterschied im indogerman. Sprachstamm durchgeführt bei den sog. a-Stämmen (-o und —d-Stämmen), d. h. denen, die ursprünglich auf —4 (—o, —à) enden; hier hat das Maskulinum kurzes ä (6) und als Nominativendung —5, z. B. sanskritisch acväcs (männliches Pferd) — lat. equu—s, griech. hippo—s, das Femininum langes à und keine Nominativendung, sanskrit. acνi (Stute), lat. equa, das Neutrum kurzes 4 (5) und die Accusativform auf —m als Nominativ, z. B. sanskritisch zuga-m (Joch), griech. 2ygo-n, lat. jugu-m. In der spätern Entwickelung der indogerman. Sprachen, wenn die Endungen abgeschliffen werden, geht der Genusunterschied oft zum Teil oder ganz wieder verloren. So unterscheidet das Englische (außer beim Pronomen) die Genera so gut wie gar nicht mehr, während das Angelsächsische alle drei hat; die roman. Sprachen haben das Neutrum verloren, ebenso das Litauische mit dem Lettischen; die modernen nordischen Sprachen haben Maskulinum und Femininum zu einem G. zusammenfallen lassen, das dem Neutrum gegenübersteht. Unter G. des Verbums versteht man die Unterscheidung von Aktivum, Passivum und Medium; die Genera Aktivum und Medium sind ursprünglich indogermanisch und einst allen Sprachen dieses Stammes angehörig; das Passivum gehört der besondern Entwickelung der Einzelsprachen an.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 789Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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