FeedMischsprache. Wie es
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Mischsprache. Wie es, so weit unsere Kunde reicht, kein absolut unvermischtes Volk gegeben hat, ebenso hat es nie eine Sprache gegeben, welche absolut rein und von den Sprachen der Nachbarn unbeeinflußt geblieben wäre; wie man beinahe jedes Volk in gewissem Sinne als gemischt bezeichnen kann, darf man auch jeder Sprache das Prädikat einer M. beilegen. Man wendet jedoch diese Namen mit einer gewissen Einschränkung an, indem man dort, wo der Organismus das aufgenommene fremde Element sich assimiliert, d. h. dem einheimischen Element homogen umgestaltet hat, den Terminus fallen läßt und ihn bloß dort anwendet, wo beide Elemente mehr oder weniger unvermittelt nebeneinander vorkommen und das Einfließen des fremden Elements keinen Abschluß zeigt. So ist „B. das Deutsche, trotz der Aufnahme zahlreicher Vörter aus dem Lateinischen in den ersten christlichen Jahrhunderten, keine M., da diese Wörter durch die ihnen gegebene echt germanische Lautgestaltung dem deutschen Sprachschatz assimiliert werden und eine gewisse Begrenzung zeigen, insofern sie nur deswegen aufgenommen wurden, weil das entsprechende deutsche Wort ganz fehlt. Man kann auch in diesem Sinne das Französische, das Englische, ja auch das Magyarische nicht als M. bezeichnen. Dagegen ist das Osmanisch-Türkische eine M., da der aus dem Arabischen und Persischen aufgenommene Wortschatz hier nicht heimisch geworden ist und auch nicht abgeschlossen vorliegt. Ebenso war das mit franz. Wörtern reichlich versetzte Kauderwelsch, dessen die gebildeten Deutschen des 18. Jahrh. sich bedienten, eine M. Im Altertum war eine solche M. das sog. Pehlewi, ein pers. Dialekt, dessen Wortschatz von aramäischen Formen wimmelte. Auch das Idiom der heutigen Zigeuner ist eine M. Trotz der Mischungen mit fremden Elementen, welche oft 80 Proz., ja noch mehr erreichen können, bleibt in der Regel das grammatische Gebäude einer Sprache unangetastet, und dieses bildet den eigentlichen Charakter einer Sprache, nach welchem sie beurteilt und klassifiziert werden muß. Wenn man auch das Osmanisch-Türkische derart sprechen und schreiben kann, daß kein einziges türkisches Wort vorkommt, sondern bloß persische und arabische, und nur die Flexionsendungen und die Konstruktion allein an das Türkische erinnern, so bleibt das Osmanisch-Türkische doch stets ein türkischer Dialekt und wird dadurch nicht Arabisch oder Persisch. Eine M. mit zwei verschiedenen grammatischen Systemen hat es nie gegeben; dieselbe ist gerade so wie die Abstammung eines Individuums von zwei Vätern absolut unmöglich.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 762Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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