FeedGeruch (olfactus)
TierreichBrockhaus 1882

Geruch (olfactus) heißt das Vermögen, mittels des Riechnerven eine spezifische Empfindung zu erhalten, welche nicht weiter beschrieben werden kann. Der Geruchssinn ist einer der niedern Sinne, indem seine Funktion sich auf die Fortleitung gewisser Empfindungen, die nur durch materielle Eindrücke hervorgebracht werden, beschränkt, und die Menschen, denen er, was nicht so selten ist, gänzlich fehlt, nur geringe Genüsse entbehren, während ihre geistige Ausbildung dadurch nicht im mindesten gehemmt wird. Von größerer Bedeutung hingegen ist der Geruchssinn für die materiellen Lebensverrichtungen, was man namentlich durch die Beobachtung vieler Tiere erkennt, denen derselbe zu ihrer Ernährung und zur Fortpflanzung ihres Geschlechts unentbehrlich ist. Das Organ des Geruchssinns ist die Nase (s. d.), in der sich der Riechnerv (nervus olfactorius), der in den vordern Lappen des Großhirns entspringt, verbreitet und in seinen peripherischen Endorganen, den sog. Riechzellen, mit hindurchströmenden Luft die Eindrücke emp tiech für deren Aufnahme er bestimmt ist. Diese Riechellen befinden sich zwischen den Epithelzellen der 109. Rie schleimhant d. i. desjenigen Teils der Nasenschleimhaut, welcher den obern Teil der Nasenscheidewand und die beiden obern Nasenmuscheln überkleidet, und stellen lan uttund schmale Zellen von spindelförmiger Gestalt und zwei ausläuferartigen Fortsätzen dar, deren einer etwas dickerer mit einem abgestutzten Ende frei an der Oberfläche der Epithelschicht endigt und bei Vögeln und Amphibien mit langen zarten Wimpern, den sog. Riechhärchen, besetzt ist, wogegen der andere dünnere Fortsatz nach abwärts in die Schleimhaut geht und mit den Riechnervenfasern zusammenhängt. Was den Vorgang des Riechens anlangt, so sind es höchst 10 W chem. Einwirkungen, durch welche die Riechstoffe die Geruchsnerven erregen, und zwar ist es durchaus erforderlich, daß die betreffenden chem. Agentien eine gasförmige Form besitzen, denn flüssige, stark riechende Substanzen, wie Kölnisches afser, in der Rückenlage bei herabhängendem Kopf in die Nase gebracht, bewirken durchaus keine Geruchsempfindung. Weiterhin ist Feuchtigkeit der in der Nase befindlichen Schleimhaut und das Vorbeistreichen der Luft an dieser notwendige Bedingung der Geruchsempfindung. Je schneller dieser Luftstrom durch das Geruchsorgan geführt wird, um so deutlicher ist die Geruchsempfindung; aus diesem Grunde ueßen wir, wenn wir einen guten Geruch besser genießen wollen, die Luft bei erweiterten Nasenlöchern und wahelenen unde kräftiger in die Nasenhöhle ur hmmdurch Cb.1 hinauf und schneller durch die ase hindurch (d. i. das sog. Schnopern oder Schnüffeln), und aus dem nämlichen Grunde hört beim Anhalten des Atems oder beim Atmen durch den Mund jedwede Geruchsempfindung auf. Die Verwandtschaft zwischen G. und Geschmack ist so eng, daß bei vielen Empfindungen zwischen beiden sich keine bestimmte Grenze feststellen läßt. Krankheiten des G. bestehen entweder in einer Simun desselben oder in einer besondern timmung desselben, in welcher Geruchsempfindungen si 27 die andere gesunde Menschen nicht haben. Bei den krankhaften Veränderungen liegen oft Krankheiten des Geruchsorgans (chronische Katarrhe, Eiterungen, Geschwülste u. dgl.) oder allgemeine Nervenkrankheiten, z. B. Hypochondrie und Hysterie, zu Grunde. Vgl. Bernstein, 6 Bie fünf Sinne des Menschenv (Bd. 12 der „Internationalen wissenschaftlichen Bibliotheko, Lpz. 1875). Unter den Tieren sind unzweifelhaft schon sehr niedere Klassen mit dem Geruchssinn begabt. Unter den Wirbellosen werden bei den Würmern seichte oder flaschenförmige, mit Flimmerzellen ausgekleidete Gruben, zu denen Nerven aus den obern Schlundganglien treten, als Riechorgane gedeutet. Bei den Gliedertieren liegen die Geruchsorgane an den Fühlern (Antennen) und bilden bei den Iunelten feine Anhänge Riechstäbchen), bei den Insekten kürzere Papillen oder feine Leisten. Bei den Mollusken werden mit Wimpern überkleidete und von eigenen Nerven versorgte Körperstellen, bei den Kopffüßlern dicht hinter den Augen liegende, mit Wimpern besetzte Grübchen oder flache Wärzchen als Riechorgane angefprochen. Bei den Wirbeltieren besitzen die Fische geschlossene, mit einer wimpernden Schleimhaut überkleidete und von dem Gehirnnervenpaar versorgte Riechgruben dicht über der Schnauze, eine Einrichtung, welche bei den höhern Wirbeltieren nur im embryonalen Zustand vorkommt. Bei den Reptilien treten zuerst deutliche Muschelbildungen und damit eine beträchtliche IBöel bengen ichon des Riechorgans auf. Die Vögel besitzen schon drei Nasenmuscheln, von denen die mittlere gewunden ist; die äußern Nasenöffnungen befinden sich an verchiedenen Stellen des Schnabels. Bei den ecben 8e sind die beiden Nas drei Nu wie beim Menschen getrennt; jede besitzt drei Muscheln und dun mit Höhlen benachbarter Knochen in Verbinung. Man kann die Säugetiere + tlich ihres Geruchssinns in solche, die spüren (Raub⸗ und Nagetiere, mit engen +1 Muscheln und sehr beweglicher äußerer nh und in solche, die wittern (Wiederkäuer, Einhufer, Dickhäuter, mit gro⸗ . aufgerollten Muscheln „welche den Luftstrom eicht hindurchlassen), einteilen. Das Spüren besteht in einem willkürlichen Einziehen der Luft und wirkt mehr in der Nähe, während das Wittern durch das Einatmen der mit dem Winde fortgetragenen Riechstoffe zu Stande kommt und auf größere Entfernungen wirkt. „Geruch ist fust noch die Bezeichnung für die riechbaren Ausflüsse der Körper selbst, welche zuweilen von solcher Wob sie u sind, daß man lange Zeit Zweifel hegte, ob sie Gerch Teile jener Körper seien, von denen die Gerüche ausgehen, namentlich da bei manchen Substanzen, wie z. B. bei Brom N. und ähnlichen, auch die empfindlichste Wage einen seine Zerteilung der nach der Annahme, daß eine feine Zerteilung oder Ausdünstung den G. hervorbringt, notwendig stattfinden müßte, nachweist.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 859Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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