FeedGesta Romanorum
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Gesta Romanorum, auch Historiae moralisatae, ist der Titel des ältesten Märchen- und Legendenbuchs des christl. Mittelalters. Die Erzählungen sind lateinisch abgefaßt, meist aus der Geschichte der röm. Kaiser entnommen oder wenigstens an diese Zeit 4.½½ daher der erste Name; später wurden ihnen Moralisationen oder moralische Auslegungen beigegeben, daher der zweite Name. Das Werk gehört in die zahlreiche Klasse derjenigen Arbeiten, welche den Mönchen eine unterhaltende und belehrende Privatlektüre gewähren sollten und zum Vorlesen in den Refek torien bestimmt waren. Die Erzählungen sind kurz ohne allen rednerischen Prunk, keine weitläufiger Natur⸗ und Menschenschilderungen, keine Dialoge und entbehren aller tragischen Scenerie. Das An ziehende in ihnen liegt in dem Zauber ihrer Naivetät und Kindlichkeit und in ihrer frommen Einfalt, die zuweilen in Mystik übergeht. Sie waren bis ins 16. Jahrh. herab eins der gelesensten Bücher, wie die zahlreichen Handschriften und vielen Drucke (lat. zuerst Köln 1472) bald nach der Erfindung der Buchdruckerkunst beweisen. Sie wurden frühzeitig ins Französische, Englische, Deutsche und Niederländische übersetzt, auch in diesen Sprachen gedruckt (deutsch zuerst Augsb. 1498) und von ältern und spätern Fabeldichtern und Novellisten, wie Hans Sachs, Burkard Waldis u. a., als reiche Fundgrube benutzt. Allein bald nach der Reformation wurden sie gänzlich in den Hintergrund gedrängt. Erst die neuere Zeit gewann ihrem tiefsinnigen und schmucklosen Inhalt wieder Geschmack ab und suchte die sehr selten gewordenen Exemplare aus dem Staube hervor, die gleich den Handschriften in Hinsicht der Zahl der Erzählungen sehr voneinander abweichen. Was die Zeit der Abfassung des Buchs und dessen Verfasser anlangt, so wurde dasselbe früher dem Petrus Berchorius oder Bercheur aus Poitou, der 1362 als Prior der Benediktinerabtei St.⸗Eloi in Paris starb, beigelegt, von dem aber wahrscheinlich nur die Moralisationen herrühren. Dann hat Gräße im Anhang seiner deutschen Übersetzung des Werks (2 Bde., Dresd. u. Lpz. 1842) einen gewissen Elinandus als Verfasser oder Kompilator desselben nachzuweisen versucht, der unstreitig ein Mönch und entweder ein Deutscher oder Engländer war, auch vielleicht mit Helinand eine Person ist, der 1227 starb. Nach den neuesten Forschungen von Oesterley, der auch die erste kritische Ausgabe und Untersuchung der Handschriften (Berl. 1872) lieferte, entstand das Werk in England am Ende des 13. oder am Anfang des 14. Jahrh. Eine Ausgabe des Originaltextes besorgte auch Keller (Bd. 1, Stuttg. u. Tüb. 1842), der in der Tctuns d der gesamten deutschen Nationallitteraturo (Bd. 23, Quedlinb. 1841) aus einem münchener Codex auch eine deutsche Übersetzung des 14. Jahrh. abdrucken ließ.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 915Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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