Gesundheit (sanitas) nennt man denjenigen Zustand eines organischen Körpers, in welchem alle Teile desselben in einem richtigen Verhältnis zueinander stehen und alle Verrichtungen, die zur Erhaltung dieses Verhältnisses nötig sind, ihren normalen Gang gehen. In diesem Sinne ist auch die Pflanze gesund. Das höher organisierte, aber immer noch nicht bis zum Selbstbewußtsein sich + Tier, welches sogleich mit an der Seele erkrankt, wenn die Funktionen seines Körpers auf schmerzhafte Weise gestört werden, ist sich nie seiner G., sondern höchstens seiner Krankheit bewußt. Nur der Mensch genießt die G. des Körpers auch mit dem bewußten Gefühl des Wohlbefindens, der Leichtigkeit und der Kraft; nur er vermag sich trotz der innigen Verbindung zwischen Seele und Leib doch noch im kranken Körper (vorausgesetzt, daß das körperliche Seelenorgan, das Gehirn, nicht direkt mit ergriffen ist) die G. der Seele zu bewahren und im entgegengesetzten Falle bei Krankheit der Seele am Körper gesund zu sein. Die Pflanze und das Tier können also nur objektiv, der Mensch aber 9 wuß objektiv und subjektiv gesund sein. Freilich muß sich der Mensch auch mit letzterm Taile d. lassen, denn ein Körper, in welchem alle eile den ihnen zukommenden Grad von Größe und Stärke, die normale Form und Struktur haben, in welchem alle Verrichtungen vollkommen regelmäßig verlaufen, verbunden mit einem Geist, in dem alle Anlagen gleich vorhanden und gleich ausgebildet sind, wird nie gefunden. Eine solche absolute Gesundheit könnte mit der Verschiedenheit der körperlichen und Pedhern Anlagen nicht zusammen bestehen. Wohl aber gibt es einen Zustand, der von diesem nicht allzu weit entfernt ist, der Zustand, in welchem zwar der eine Teil des Körpers oder des Geistes stärker ist als der andere, in welchem man aber die Schwäche des schwächern nicht empfindet, also nur das Wohlsein fühlt, ohne das Unwohlsein zu spüren. Dieser Zustand ist die sog. relative Gesundheit, welche viele Menschen genießen. Demnach macht das bewußte Gefühl der G. beim Menschen das hauptsächlichste Merkmal derselben aus. Von dem höchsten Grade der relativen G. hinab bis zur Krankheit, bei welcher sich das Gefühl des Wohlseins verliert, gibt es eine sehr bedeutende Menge Abstufungen. Eine Mißgestältung, die keins der edeln Organe in seiner Funktion beeinträchtigt, eine unbedeutende Wunde, ein nicht schmerzendes Geschwür, der Mangel eines Sinnes können mit der relativen G. bestehen, denn der Mensch kann sich dabei wohl und kräftig fühlen. Erst mit dem Gefühl des Unwohlseins hurt also diese Art G. auf, vorausgesetzt, daß nicht objektive Zeichen einer solchen Krankheit da sind, welche zuweilen den Kranken selbst der Fähigkeit, sich unwohl zu fühlen, beraubt. Aber auch die relative G. darf nicht zu oft, selbst durch geringe Krankheiten, unterbrochen werden, wenn man einen Menschen gesund nennen will, denn die häufigen Unterbrechungen zeigen deutlich, daß die Funktionen eines seiner Organe oder das Verhältnis mehrerer zueinander gestört, und daß ihm nur auf kurze Zwischenräume diese Störung nicht fühlbar sei. In einem solchen Zwischenraume zwischen zwei Krankheitsanfällen, wo der Mensch sich nicht krank fühlt, nennt man ihn kränklich. Es ist demnach ein Komplex vieler Zeichen nötig, bevor man jemand G. zuschreiben kann, und zwar solcher Len dot die uns darüber belehren, daß die zum Leben notwendigen Verrichtungen, der Blutumlauf, der Atmungsprozeß, die Muskel- und die Nerventhätigkeit, die Ernährun und der gesamte Stoffwechsel, ungestört vor si gehen, und daß die geistigen Vermögen dabei in ihren verschiedenen Wirkungskreisen nicht gehemmt sind. Ist eine solche Verrichtung aber gestört, was durch sehr bestimmte Anzeichen dargethan wird, so nennt man den Menschen nicht gesund. (S. Krankheit.) Von dem richtigen Verhältnis zwischen der Außenwelt und dem lebenden Organismus, vom jeweiligen Verhalten dieser beiden Hauptreihen von Einflüssen unter⸗ und miteinander hängt wesentlich die Erhaltung des Menschen, seine G. und sein Wohlbefinden ab. Sie alle zusammen stellen insofern l Gesundheitsbedingungen dar. Der menschliche Organismus aber mit allen seinen Apparaten und dem bunten Spiel seiner Thätigkeiten ist in seiner Entwickelung immer wieder ein sich verändernder. Deshalb sind auch G. und ihre Bedingungen fast für jeden wieder anders, für ein Kind, ein Weib anders als für den Mann oder Greis, und für den Gelehrten, den Künstler wieder anders als für den Landmann, Handwerker u. s. w. Andererseits wirken vielfach äußere Momente, wie Jahreszeit, Klima, Himmelsgegend, Wohnort u. dgl. bestimmend und mannigfach modifizierend auf die G. ein. Die Zahl der Dinge, welche die G. zerstören können, ist unendlich groß; sie kommen teils von außen, teils von innen und wirken oft lange im geheimen, ehe der, dessen G. sie töten, ihren verderblichen Einfluß gewahr wird. Schon die Ausbildung des Geistes, sobald sie auf einem unrichtigen Wege gewonnen wird, ist ein Hauptfeind der G., wenn man auch die falsche Kultur und den Luxus, die sich in ihrem Gefolge finden, nicht mit in Rechnung bringt. Die geistigen Anstrengungen, sowie die geistigen Genüsse werden der G. schädlich sobald sie das rechte Maß überschreiten, und dieses ist nicht so leicht innezuhalten. Wie verderblich außerdem Gemütsbewegungen für die G. des Körpers und der Seele sind, davon gibt die tägliche Erfahrung hinlänglich Zeugnis, und ebenso wenig kann an dem destruierenden Einfluß eines übermaßes in körperlichen Genüssen oder Entbehrungen gezweifelt werden. Viele andere Schädlichkeiten drohen der G. von seiten der Natur selbst, durch außerordentliche Naturbegebenheiten, besonders durch eine dem Charakter und den Erfordernissen der Jahreszeit nicht entsprechende Witterung. Dahingegen stehen dem Menschen eine große Menge von Verteidigungsmitteln zu Gebote, durch welche er sich vor den äußern und innern schädlichen Potenzen schützen kann, und sein Verstand befähigt ihn, von diesen Mitteln den rechten Gebrauch zu machen. über die Anwendung derselben zur Erhaltung und Förderung der G. belehrt uns die Gesundheitslehre oder Hyiene (s. d.), ein wichtiger Teil der Heilkunde, der schon von den ältesten Zeiten an auf verschiedene Art kultiviert und bearbeitet wurde. Man teilt sie gewöhnlich ein in die private Hygiene, welche sich auf die G. des einzelnen Individuums bezieht und im wesentlichen mit der Diätetik (s. Diät) zusammenfällt, und in die öffentliche Hygiene, deren Objekt die G. ganzer Bevölkerungsgruppen ist. (S. Gesundheitspflege, öffentliche.)