FeedGewebespannung
HeilkundeBrockhaus 1882

Gewebespannung nennt man in der Pflanzenphysiologie diejenigen Spannungserscheinungen, welche eintreten, wenn die in den Organen der höhern Pflanzen miteinander verbundenen, nach Bau und Funktion verschiedenen Zellgruppen ein verschiedenartiges Ausdehnungsbestreben zeigen. Dieses Ausdehnungsbestreben kann veranlaßt werden durch äußere mechanische Eingriffe oder durch innere Ursachen, die in Bau und Wachstumserscheinungen sowohl der Zellwände als des Zellinhalts begründet sind. Die Spannungserscheinungen können zweierlei Art sein, entweder Zug- oder Druckspannungen; die erstern, die darin bestehen, daß eine Gruppe von Zellen passiv von einer stärker sich ausdehnenden benachbarten Gruppe gezogen wird, nennt man auch positive Spannungen, die letztern dagegen, die infolge einer Hemmung des Ausdehnungsbestrebens eintreten, bezeichnet man als negative Spannungen. Beide Arten von Spannungserscheinungen müssen naturgemäß stets nebeneinander auftreten, wenn überhaupt Spannungsdifferenzen in den einzelnen ein Pflanzenorgan zusammensetzenden Zellgruppen vorhanden sind. Da nun ein spannungsloser Zustand in der lebenden Pflanze nie eintritt, andererseits mit dem Auftreten von Spannungserscheinungen überhaupt auch stets Spannungsdifferenzen verbunden sein müssen, wegen der mannigfaltigen Verschiedenheiten der einzelnen Zellgruppen, so wird auch stets G. vorhanden sein. Schon durch das Eigengewicht der einzelnen Pflanzenteile werden Zug⸗ und Druckspannungen in denjenigen Partien hervorgerufen, die dieses Gewicht unterstützen müssen, so hat ein mächtiger Baumstamm ganz bedeutende Lasten zu tragen, ein Fruchtstiel einer Kürbis⸗ oder einer andern großfrüchtigen Pflanze hat ebenfalls beträchtliche Zugspannungen auszuhalten. Diese Spannungen werden noch verstärkt durch die Wirkungen der Windströmungen oder durch andere äußere Einflüsse. Viel mannigfaltiger noch sind die Arten der G., die durch innere Ursachen veranlaßt werden. Man kann sie in drei Gruppen einteilen: 1) solche, die durch Turgordifferenzen entstehen, wobei also nur der Unterschied in der Größe des bydrostatischen Drucks, welcher in zwei benachbarten Zellgruppen besteht, Spannungserscheinungen hervorruft; 2) solche, die bei ungleichem Wachstum zweier benachbarter Zellgruppen entstehen; und 3) solche, bei denen die Ursache der Spannungen nur in der verschiedenen Imbibitionsfähigkeit der einzelnen Zellwände zu suchen ist. In die erste Kategorie gehören unter andern diejenigen Spannungserscheinungen, welche in den jungen nochwachsenden Internodien der meisten höhern Pflanzen auftreten. Diejenigen Zellen, welche die nötige Festigkeit dieser jungen Pflanzenteile bewirlen, sind in der Regel langgestreckt und in ihrem Innern ist kein bedeutender hydrostatischer Druck vorhanden, die übrigen Zellen dagegen hauptsächlich die Ende Heithen 190 Elemente des Markes und der Rinde besitzen, wenn genügend Wasserzufuhr vorhanden ist, einen hohen Turgor, der oft bis zu 10—12 Atmosphären Druck in der einzelnen Zelle steigen kann. Durch die hieraus resultierende G. zwischen dem Parenchym und jenen den Festigungsapparat oder gewissermaßen das Skelett bildenden Zellen wird bewirkt, daß die Internodien straff aufwärts gerichtet sinb und nicht herabhängen; ähnlich wie ein Gummischlauch, in welchen unter hohem Druck Wasser hineingepreßt wird, sich aufrichtet und eine größere Biegungsfähigkeit erlangt, als er im ungespannten Zustande besitzt. Das Herabhängen der jungen Internodien tritt erst dann ein, wenn die Bedingungen für die Herstellung einer starken Turgeszenz in den Parenchymzellen nicht gegeben sind; wenn also z. B. das nötige Wasser mangelt, wodurch die bekannte Erscheinung des Welkens der jungen Pflanzenteile hervorgerufen wird. Zu denjenigen Spannungserscheinungen, welche durch Wachstum hervorgerufen werden, gehört unter anderm die sog. Rindenspannung. Bei allen denjenigen Pflanzen, deren Stammachsen in die Dicke wachsen, muß bei der allmählich erfolgenden Zunahme der Querschnittsfläche selbstverständlich auch die Peripherie der Stämme größer werden; da nun die Rinde bei vielen solcher Pflanzen längere Zeit erhalten bleibt, in ihren äußern Partien jedoch nicht mehr wachstumsfähig ist oder doch wenigstens nur langsam die durch das Dickenwachstum hervorgerufenen tangentialen Zugkräfte mittels selbständigen Wachstums ausgleichen kann, so werden zwischen dem Holzkörper und der Rinde mannigfaltige Spannungserscheinungen auftreten müssen. Die negativ gespannte Rinde bewirkt einen Druck in radialer Richtung auf den Holzkörper, da jedoch der Holzkörper sowohl als auch die Rinde aus sehr verschiedenartigen und auch verschieden funktionierenden Zellgruppen zusammengesetzt sind, be müssen auch durch diesen Umstand, ganz abgesehen von andern Erscheinungen, die G. komplizierter werden. (Näheres hierüber s. unter Rindenspannung.) Die dritte Art von G., also diejenigen, welche infolge verschiedener Imbibitionsfähigkeit der Zellwände eintreten, finden sich ebenfalls ziemlich häufig. Hauptsächlich treten solche Spannungen an Früchten auf, die mit sog. Verbreitungseinrichtungen versehen sind (s. Aus saat), so z. B. an den Hülsen vieler Papilionaceen, an den Grannen mancher Grasarten und denen der Teilfrüchtchen von Erodium und Geranium (s. d.), außerdem bei der Keimung vieler Samen, indem durch starke Quellung der innern Gewebepartien die Samenschalen schließlich gesprengt werden. (Näheres hierüber s. unter Imbibition.) Die G. spielen, wie aus den wenigen angeführten Beispielen hervorgeht, eine äußerst wichtige Rolle in allen Entwickelungsstadien der Pflanzen: bei allen heliotropischen und geotropischen Krümmungen, bei allen Zuwachsbewegungen, beim Keimen der Samen, bei den sog. Reizbewegungen, wie z. B. bei den Bewegungen der reizbaren Blätter von Mimosa (s. d.) und vieler andern Leguminosen treten G. und zwar oft in ganz beträchtlicher Stärke auf. Die G. ermöglichen ferner das Vordringen der Wurzeln im Boden, ja selbst das Auseinandersprengen von festen Gesteinsmassen infolge des Dickenwachstums der in kleine Risse derselben eingedrungenen Wurzeln. Die Untersuchungen über Ursachen, Wirkungen und Stärke der G. und vor allem über ihre Beziehungen zu den gesamten Lebenserscheinungen der Pflanze bilden deshalb ein wichtiges Kapitel der Pflanzenphysiologie. Diejenigen Spannungen, welche beim Wachstum der einzelnen Zellmembranen oder bei dem der Stärkekörner auftreten und die Schichtung dieser Gebilde bewirken, gehören nicht hierher, da von einer G. bei einer einzelnen Zellmembran oder bei Wachstumserscheinungen eines Stärkekorns nicht die Rede sein kann. (S. hierüber Intussuszeption und Wachstum.) [tomisch).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 939Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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