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ErdkundeBau-Lexikon 1881

Hochwasser, n., frz. grande crue, f., engl. high-water. Unter „Hochwasser“ versteht man alle durch Schneeschmelze oder starke atmosphärische Niederschläge etc. entstandenen Wassermengen, welche ein Bach, Fluß oder Strom nicht innerhalb der Ufer fortzuführen vermag und welche daher die anliegenden Ländereien überschwemmen (inundiren). Je nach der Größe der H. unterscheidet man gewöhnlich: kleinere, mittlere, große H.; je nach der besonderen Ursache: natürliche H. oder die alljährlich im Frühjahr u. Herbst (bei Flüssen, welche von den Gletschern mit gespeist werden, auch im Sommer) infolge großen Wasserreichthums der Jahreszeit gewöhnlich auftretenden; und vorzeitige H. oder solche Wassermengen, welche lediglich infolge mangelhaften Zustandes eines Flusses (Sohlerhöhung, starke und zahlreiche Krümmungen, Verengungen re. s. d. Art. Fluß) oder von Stauungen über die Ufer geworfen werden und überfluten. Die Kenntnis des Ouantums eines natürlichen H.s ist namentlich in dem Fall nothwendig, wenn es sich um Regulirung eines Flusses etc. handelt, welcher so groß gemacht werden soll, daß er auch die H. innerhalb seines — gewöhnlich durch Dämme begrenzten (s. d. Art. Flußregulirung) — Querprofils abzuleiten vermag. Die Hö he des H.s, der Hochwasserstand, ist zu wissen nöthig bei Uferbauten, Brücken⸗ und Biaduktenanlagen, landwirthschaftlichen Meliorationsarbeiten, Häuserbauten etc. Die Hochwassermenge ist in den seltensten Fällen durch direkte Messung und auch da meist nur durch die Bestimmung der Oberflächengeschwindigkeit (s. d. Art. Geschwindigkeit) mittels Schwimmer zu erfahren möglich, aus welcher man die mittlere Geschwindigkeit durch Rechnung bestimmt. Angenähert findet man sie aus dem Sammelgebiet (s. d.) des betreffenden Flusses und der jährlichen Menge atmosphärischer Niederschläge. Diese letztere ist überall verschieden. So beträgt die jährliche Regenmenge (Höhe) für Bei starken Regengüssen kann an Wasser binnen 24 Stunden: 0,2 —0,35 m. niederfallen. Von diesem niedergeschlagenen Wasser wird der größere Theil theils vom Boden festgehalten, theils verdunstet, so daß nur ½¼½ bis höchstens ½ der Wassermenge in den Thalrinnen oder Flußthälern als Hochwasser zum Abfluß zu gelangen haben. Je nach Beschaffenheit des Bodens (ob Acker, Erde, Wald, Gestein etc.) verändert sich jenes Verhältnis. In Gebirgsgegenden, deren steinige Bergabhänge wenig oder nicht mit Wald bestanden sind, wird das Hochwasserquantum verhältnismäßig größer sein, als in erdigen, flacheren Niederungen. Hat man nun durch eigene Beobachtungen an Regenmessern (s. d.) oder aus meteorologischen Stationen die jährliche Regenmenge erfahren und die Fläche E. des Sammelgebietes bis zu der fraglichen Stelle des Inundationsgebietes aus einer guten Spezialkarte berechnet, so multiplizirt man E qm. mit dem dritten (od. etwas größeren) Theil der jährlichen Regenmenge und dividirt durch 365.24.360 = 31 536 000, woraus sich die ungeführe Hochwassermenge pro Sekunde ergiebt. — Hochwasser-Rinnen oder auch Flutrinnen sind wasserlaufsähnliche Vertiefungen in einer Thalebene, welche a) entweder das H. selbst gebildet hat oder welche b) künstlich angelegt wurden (I. d. Art. Flußregulirung). Den Fall sud a trifft man häufig an solchen Stellen, wo das im Thal befindliche Flußbett sehr verwildert, verengt oder verschlämmt ist, mithin unfähig zu Ableitung größerer, ihm zugehöriger Wassermengen. Für den Wiesenfutterbau haben die natürlichen alljährlich wiederkehrenden H., welche in flacheren Gegenden meist erdige Sinkstoffe enthalten, große Bedeutung. Sie führen den Wiesen erneute mineralische Nährbestandtheile für die Pflanzen zu, und nicht immer — am wenigsten in sandigen Gegenden — ist es gerathen, diese H. in ein eng begrenztes Bett einzuzwängen. In solchen Fällen genügt es oft, durch flache Flutrinnen (J. d.) u. dgl. für reguläres und baldiges Ablaufen der H. zu sorgen. Ebenso können die H. die Bestimmung haben, sogenannte Altwässer (s. d.) auszufüllen; s. d. Art. Verlandung. v. W. — 2. frz. grande marée, engl. high-water, der Augenblick und Stand der größten Fluthöhe im Meer.

Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 3, S. 46Scan: Universitätsbibliothek Heidelberg · gemeinfrei

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