FeedGlasarbeiten
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Glasarbeiten dieser Art fabrizierten die Agypter und dann die Griechen und Römer. Doch hatte das antike G. daneben noch mannigfache Spezialitäten. Ungefärbt in verschieden geformten Schalen und Flaschen, zum Teil mit vierseitig eingedrückter Wandung, stand es in der röm. Kaiserzeit vielfach im häuslichen Gebrauch, wie die reiche Sammlung des Nationalmuseums in Neapel lehrt. Farbig einfach oder in mehrfach gefärbten Schichten übereinander (Uberfang) wurde es zur Imitation von Edelsteinen benutzt und diente als Material für Kameen. Es wurden aber auch Gefäße in dieser „Weise hergestellt, indem ein dunkler Grund weiß überfangen war, und der weiße Uberfang nach gewisser Zeichnung hinweggeschliffen wurde sodaß Ornamente, Pflanzen, Nauren im Relief stehen blieben. Von dieser Art ist die berühmte Portlandvase in London, die im Museum in Neapel ein Seitenstück besitzt. Auch wurden aus dem überfang Buchstaben hohl herausgeschliffen (Vas diatritum), daß sie nur mit Kopf und Fuß am Grunde festsaßen, eine bloß mühsame, unkünstlerische Arbeit. Eine besondere Art, der röm. Kaiserzeit angehörig, haben die Katakomben ans Licht gebracht, Schalen von grünlichem G. mit christl. Darstellungen, mit Emblemen, Figuren und Köpfen aus Gold, welches sich eingeschmolzen inmitten der Glasmasse befindet. Alle diese und andere Arten des antiken G. haben heute die venetianischen Fabrikanten auf der Insel Murano wieder zu beleben versucht zugleich mit ihren eigenen Kunstweisen aus dem 15., 16. und 17. Jahrh. Offenbar ruht diese spezifische venetianische Glasfabrikation auf antiker Grundlage. Die Fabriken der Insel Murano sind früh im Mittelalter bekannt, aber erst mit der Renaissance scheinen sie ihren eigentümlichen Kunststil gefunden zu haben. Das Wenige, was sich von venetianischem G. aus dem 15. Jahrh. erhalten hat (Früheres ist kaum nachweisbar), ist noch wie suchend nach der rechten Weise. Es sind Trinkgefäße mit tonnenförmiger, eckiger Gestaltung auf hehem Fuße (Fig. 2), meist von grünem oder blauem G. und mit allerlei Scenerie oder Medaillons in bunten, eingebrannten Emailfarben verziert. Diese bemalten Glasgefäße, die Vorbilder der deutschen bemalten Gläser des 16. und 17. Jahrh., sind ihrerseits ohne Frage durch orient. Gefäße des Mittelalters mit emaillierten Farben angeregt worden (Fig. 3). In Venedig verschwand aber dieses Genre des bemalten G. mit dem 16. Jahrh., und nun wurde, ganz dem Geiste der Renaissance entsprechend, aller künstlerische Wert auf die äußerste Zierlichkeit und Schönheit der Form gelegt, sowie auf die papierene Leichtigkeit und Dünnheit des Materials, das in der Regel seine ihm eigene Färbung behielt, also, anders gesagt, keine Farbe erhielt. Die Form, bloß durch Gebläse, Eisen und Anschmelzung hergestellt, ohne nachträglichen Schliff, erforderte von seiten des Arbeiters eine geschickte Hand und volles Verständnis der Form, die noch heute auch in unsern den Reiz dieser Glasgefäße bildet (Fig. 4). Im Besitz dieser Virtuosität gingen aber die venetianischen Glasfabrikanten weiter. Sie setzten an die Stengel der Gläser die sog. Flügel an (Fig. 5), legten in das G. spiralig, nach Art der Alten, weiße Fäden ein, ließen diese im Netz sich durchkreuzen (Fig. 6), wechselten darin mit den Farben, ahmten Edelsteine nach, wie den Aventurin, Chalcedon, Jaspis, Opal, und übten auch wie die Alten das Genre der Millefiori. In allen diesen Künsten blieben sie die Meister im 16. Jahrh., ungeachtet der Nachahmungen in den Niederlanden und in Frankreich. Die Deutschen hatten daneben (mit dem Hauptsitz im Fichtelgebirge) ihre Humpen von weißlichem und grünichem G., bemalt mit Kaiser und Kurfürsten und Reichs-und Landeswappen, mit Emblemen, Sprüchen und Genrebildern (Fig. 7); aber es war eine derbe Art, die sich an künstlerischer Bedeutung in keiner Weise mit den gleichzeitigen venetianischen Fabrikaten messen kann; ebenso wenig die sog. Römergläser, eine originelle Form, deren Ursprung (wie z. B. der gleichgeformte Thassilokelch in Kremsmünster zeigt) sich im Grau des Altertums verliert. Das 17. Jahrh. brachte eine Anderung; das venetianische G. sank in den Vorzügen seiner Art, und Böhmen mit seinem Krystallglasev lief ihm den Rang ab und begann damit die neue dritte Cpoche. In Prag hatte Kaiser Rudolf II. Krystallschleifer angesiedelt, deren Arbeiten heute noch die kaiserl. Schatzkammer füllen. Als mit dem Dreißigjährigen Kriege dieser kostbare Erwerbszweig aufhörte, warfen sich die Arbeiter auf das billige Material des Glases, das nun gereinigt, entfärbt und an Klarheit und Helligkeit dem Krystall ähnlich gemacht wurde. Darauf wurde die Manier der Krystallschleifer übertragen. Obwohl die Formen der Gefäße nicht ohne die Pfeife des Glasbläsers entstanden, erhielten sie doch später Weiterbildung, Verfeinerung und Vollendung durch Schliff und Gravierung. Die Formen waren anfangs mehr rund, später mehr facettiert und die Ornamente mit dem Rädchen tief eingraviert (Fig. 8). Auch so haben diese Gefäße, obwohl an Feinheit, Eleganz, Leichtigkeit hinter den venetianischen weit zurückstehend, doch eine tüchtige, dem Material entsprechende Gestaltung. Art und 9. und adoptierten die Engländer im 18. Jahrh. und gaben ihrerseits dem Genre eine Erweiterung. Ihr schweres Flintglas hat die Eigenschaft, bei prismatischer Schleifung in den Regenbogenfarben gleich den Diamanten zu strahlen, eine Eigenschaft, welche dem echten Krystall wie dem böhm. Krystallglase abgeht. Mit Hilfe dieser Eigenschaft, welche sie formell kunstgemäß ausbildeten, trugen die Engländer über das böhmische G. den Sieg davon. Die Böhmen, sich neu den Markt wieder zu erobern, färbten nun ihr G. oder überfingen es mit anders gefärbtem G., aus welchem sie Ornamente herausschliffen. Dies war wiederum mehr eine Erweiterung des Krystallglases (nach der farbigen Richtung) als die Begründung eines neuen Glasstils oder einer neuen Epoche. Material und Formen blieben dieselben, nur daß die letztern mit dem Übergange in das 19. Jahrh. mit jedem Jahrzehnt plumper, schwerfälliger, unschöner wurden. Das Rnasz Genre des gefärbten Krystallglases, wie es damals bis über die Mitte des 19. Jahrh. betrieben wurde, hat etwas durchaus Unedles, um nicht zu sagen Ordinäres. Dazu kam nun noch die naturalistische Blumenornamentation, wie sie gleichzeitig in allen Zweigen der Kunstindustrie betrieben wurde. Um sie auf G., wo sie gar nicht paßte, anwendbar zu machen, wurde das G. möglichst opak gehalten, weiß gefärbt und dem Porzellan ähnlich gemacht, mit dem dieses bunt bemalte G. konkurrieren sollte. Den Blumen folgten Tiere, Porträts, Landschaften, Genrebilder und andere Gebiete der Malerei. Dies wäre ein neuer Kunststil des G. geworden, wenn es nicht eben eine reine und vollständige Verirrung gewesen wäre. Das G. ist eben kein Untergrund für Malerei und wird es nicht dadurch, daß man es ein anderes Material nachahmen läßt. So war um die Mitte des 19. Jahrh. die Glasfabrikation künstlich in jeder Beziehung gesunken, im Stil, in der Form, in der farbigen Dekoration. Umkehr nach richtigem Verständnis that dringend not. Sie erfolgte, wie es bei der ganzen Reform des modernen Kunstgewerbes der Fall ist, auf Grundlage der alten Muster. Die Venetianer, unter Führung Salviatis, waren die ersten. Sie riefen alle ihre feinen und edlen Formen des 16. Jahrh. mit der Leichtigkeit des geblasenen Materials wieder in das Leben und vereinigten damit die verschiedenen farbigen Dekorationsweisen des antiken G. Sie übten und üben sie alle mit gleicher Vollkomnenheit, wenn auch mit weniger Originalität; die Hlashütten von Murano blühen wieder wie zu Ende des 16. Jahrh. Ihnen konnten die Engländer nit ihrem schweren Material nicht folgen, obwohl sie Versuche machten. Sie hielten sich an die krydellante Reinheit ihres Flintglases und an seine rillante Il eutsprehend, Während sie, der erstern Eigenschaft entsprechend, die Gefäße in feinen Formen zu gestalten suchten und dieselben mit geschliffenen und geätzten Ornamenten verzierten, überzogen sie, um der andern Eigenschaft willen, die Flächen mit ausgeschliffenen Brillanten in ganz raffinierter Weise, sodaß sie mit diesen Gefaßen allerdings eine außerordentliche Licht- und Farbenwirkung erzielten. n dieser Art konnte das böhmische G. nicht nachfolgen, obwohl es (namentlich mit Hilfe von Pressung) den Versuch machte. Unter dem intelligenten und energischen Vorgange von Ludwig Lobmeyr (Firma J. u. L. Lobmeyr), dem das moderne böhmische G. seine künstlerische Richtung, seine Höhe und seine Erfolge verdankt, wurde die andere Eigenschaft, die krystallene Helligkeit, Klarheit und Reinheit in den Vordergrund gestellt, und nach dem Muster der Kunstarbeiten in Bergkrystall aus dem 16. Jahrh. die größte Schönheit der Formen in Verbindung mit gravierten Ornamenten angestrebt. (Fig. 9—15, Lobmeyrsche Gläser.) Auf diesem Wege sind Schalen mit unterwärts vertieft eingegrabenen Figuren und Ornamenten, welche den Effekt machen, als lägen sie erhaben auf der Oberfläche, wohl das Schönste und Beste, was die moderne Fabrikation hervorgebracht hat. Aber Lobmeyrs Streben ging weiter. Er wollte ebenso, wie er dem Krystallglas den Weg gezeigt, auch dem farbigen G. eine edlere Richtung in Form und Verzierung geben, und auch dies gelang ihm in vielfacher Weise, insbesondere mit Gefäßen und Dekorationen nach altorient. Art. Diese vielseitigen Versuche, die sich zu wahren Erfolgen gestalteten, gaben nach allen Seiten hin Anregung, nicht bloß in Osterreich, sondern auch in Deutschland (wo man auch dem deutschen G. des 16. Jahrh. Aufmerksamkeit schenkte) und selbst in Frankreich. Letzteres machte mit seinen großartigen abg zwar ebenfalls Anstrengungen, zumal in rystallglas, aber bis jetzt hat es nichts vorgebracht, was originell und bedeutungsvoll zugleich erscheint. Künstlerisch stehen an der Spitze des modernen G. noch immer einerseits Venedig-Murano, andererseits England (Fig. 16—30) und Psterreich. Litteratur. Catalogue of the collection of glas formed by Felix Sladen (Lond. 1871); Fröhner, La verrerie antique. Description de la collection Charveto (1879); Lobmeyr, Die Glasindustrie, ihre Geschichte u. s. w. » (Stuttg. 1874). Vgl. auch 4Katalog der Bibliothek des Osterreichischen Museums », S. 322 fg.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 83Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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