FeedGortschakow (Alexander Michailowitsch)
GeschichteBrockhaus 1882

Gortschakow (Alexander Michailowitsch), russischer Staatsmann, ein Vetter Michail G.s, geb. 16. Juli 1798, war Zögling des Lyceums in Zarskoje-Selo und dort Studiengenosse des Dichters Puschkin. Er betrat später die diplomatische Laufbahn, wohnte als Attaché des Grafen Nesselrode den Kongressen von Laibach und Verona bei, wurde 1824 Legationssekretär in London, 1829 Geschäftsträger in Florenz, 1832 Botschaftsrat in Wien und 1841 Gesandter in Stuttgart, wo er die Vermählung der Großfürstin Olga mit dem Kronprinzen Karl von Württemberg einleitete. Im J. 1850 wurde er mit Beibehaltung seines bisherigen Postens zum russ. Bevollmächtigten am Deutschen Bundestag in Frankfurt ernannt, wo er in nähere Berührung mit Bismarck kam. In Wien wirkte er als Gesandter 1854—56 während des oriental. Kriegs mit solcher Geschicklichkeit und Energie, daß Kaiser Alexander II., nach dem Abgang Nesselrodes, im April 1856 ihn zum Minister der auswärtigen Angelegenheiten erhob. Sein Haß gegen Psterreich und seine Neigung zu einer Aussöhnung mit Frankreich entsprachen den in den gebildeten Kreisen Rußlands herrschenden Gefühlen. Mit seiner Außerung: „Ssterreich ist kein Staat, das ist nur ein Gouvernement!ly empfahl er sich bei der Nationalpartei als der Mann ihres Herzens. Doch war er nicht ein Mann der Abenteuer, sondern der Vorsicht. Sein berühmtes Wort: «Rußland grollt nicht, es sammelt siche (ELa Russie ne boudé pas, elle se recueillen), bildete die Grundlage seines polit. Programms für die nächsten Jahre. Die Durchführung desselben in den J. 1856 — 76 hat Rußland wieder zu einem mächtigen Staate erstarken lassen. Um eine Annäherung an Frankreich herbeizuführen, veranstaltete er die Zusammenkunft Alexanders II. mit Napoleon III. in Stuttgart im Sept. 1857 und zeigte sich in den ital. Angelegenheiten, besonders im Kriege von 1859, möglichst feindselig gegen die österr. Politik. Seine Note an den Deutschen Bundestag, welchen er, um ihn von der militärischen Unterstützung Ssterreichs in diesem Kriege abzuhalten, über den ausschließlich defensiven Charakter des Deutschen Bundes belehren zu müssen glaubte, erhielt von dem sächs. Minister Beust die richtige Antwort. Aber der poln. Aufstand von 1863 nötigte ihn zu einer Frontveränderung. Es entsprach ganz den Anschauungen Katkows, des Führers der nationalen Partei, deren Wahlspruch war: La Russie pour les Russése, wenn er die diplomatische Einmischung der österr., franz. und engl. Regierungen in die poln. Frage vom rein nationalen Standpunkt aus beantwortete und ihnen zugleich den Rat gab, zuerst die Mißstände in ihren eigenen Ländern zu beseitigen. Infolge dessen wurde Rußland der Verbündete Preußens, das, unter Bismarcks Leitung, 8. Febr. 1863 mit Rußland einen geheimen Vertrag zur Unterdrückung des poln. Aufstandes geschlossen hatte. Daß der 1862 zum Reichs-Vizekanzler erhobene G. die preuß. Politik auch im J. 1866 und den folgenden Jahren unterstützte, war zwar nicht nach Conversations-Lexikon. 13. Aufl. VIII. dem Geschmack der nationalen Heißsporne, da diese ihre Hoffnungen auf die Allianz mit Frankreich gesetzt hatten, aber seine Popularität erhielt dadurch keine Schwächung, zumal da er im Herbst 1870 die Niederwerfung Frankreichs und die Isolierung Englands geschickt dazu benutzte, um in einem Rundschreiben vom 31. Okt. die Erklärung abzugeben, daß Rußland sich an die auf die Neutralität des Schwarzen Meeres bezüglichen Bestimmungen des Pariser Vertrags nicht mehr binden werde. Da Bismarck seine volle Autorität für die Forderungen seines Verbündeten einsetzte, so wurde in dem Vertrag vom 13. März 1871 von der Pontuskonferenz in London den Wünschen Rußlands entsprochen. Zur Belohnung für diesen Erfolg wurde das bisher Lerlauchtes Haus des Fürsten G. zu einem edurchlauchtigstens erhoben, womit er die höchste Stufe der russ. Adelshierarchie erklommen hatte. In der Voraussicht, daß nach Erledigung der deutschen Frage die orient. Frage werde auf die Taesordnung der europ. Politik gesetzt werden, versöhnte er sich mit sterreich, das bei einer Aktion an der untern Donau nicht Rußlands Feind sein durfte, und half in Berlin das Dreikaiserbündnis stiften. Seine Eitelkeit veranlaßte ihn, bei der 1875 zwischen Deutschland und Frankreich eingetretenen pannung, zum Mißvergnügen Bismarcks, als unerbetener Friedensstifter auftreten zu wollen. Seine einseitige Behandlung der orient. Frage warf das Dreikaiserbündnis über den Haufen. Während der ganzen orient. Krisis, von 1875 bis 1878 entwickelte G. große diplomatische Thätigkeit, besonders England gegenüber. (S. Russisch-Türkischer Krieg.) Er verweilte vom Beginn des Kriegs an im Hauptquartier des Kaisers und kehrte mit demselben 22. Dez. 1877 nach Petersburg zurück. Nur ungern willigte er, da Rußland keinen neuen Krieg unternehmen konnte, in die Berufung des Berliner Kongresses, der die Präliminarien von San-Stefano mit den Interessen Europas in Einklang bringen sollte. G. nahm zwar persönlich an dem Kongreß teil, spielte aber auf demselben eine wenig hervortretende Rolle und suchte die Verantwortung für die von Rußland zu bewilligenden Zugeständnisse möglichst von sich abzuwälzen. Infolge der Bestimmungen des Berliner Vertrags war 1879 die russ. Presse, selbst die offiziöse, voll von heftigen Ausfällen gegen Deutschland und hauptsächlich gegen die Person des Reichskanzlers Bismarck, obwohl derselbe in Wahrheit für sämtliche auf dem Berliner Kongreß von Rußland erhobenen Forderunen eingetreten war. Die Ideen und Pläne des Panslawismus wurden offen ausgesprochen und in Paris insgeheim Unterhandlungen angeknüpft, um eine russ.⸗franz. Allianz, zum Zweck eines gemeinsamen Angriffs auf Deutschland, anzuhahnen. G. selbst sagte zu einem franz. Puhlizisten, er habe sich die Feindschaft des Fürsten Bismarck zugezogen, weil er ossen die Ansicht vertrete, daß Frankreich stark sein und die ihm gebührende Stellung unter den europ. Mächten einnehmen müsse, und weil er aus seiner Vorliebe für Frankreich kein Hehl gemacht habe. Die Antwort Bismarcks auf diese diplomatischen Feindseligkeiten war die deutsch-österr. Defensivallianz. G. war übrigens bei seinem hohen Alter nicht mehr der Mann, um große Unternehmungen durchzuführen. Schon längst hatte er an dem Geheimrat und Senator von Giers (. d.) einen Adjunkten, der in der Leitung der auswärtigen Geschäfte seine Stelle vertrat. Diese Ver-Lamtel wurde immer mehr zur Notwendigkeit, da G. kränkelte und den größten Teil des Jahres im Auslande sich aufhielt. Auf sein 1 wurde er 3. April 1882 von der Leitung des Ministeriums des Auswärtigen entbunden und dieses dem Geheimrat Giers übertragen. Am 11. März 1883 starb er in Baden-Baden; seine Leiche wurde nach Petersburg gebracht. G. war seit 1838 vermählt mit der Fürstin Maria Urussoff, der Witwe des Grafen Johann Mussin-Puschtin, welche 1853 starb. Aus dieser Ehe stammen zwei Söhne: Prinz Michael G., geb. 5. Sept. (24. Aug.) 1839, Gesandter in Bern, Dresden und 1879—83 in Madrid; Prinz Konstantin G., geb. 17. (5.) Dez. 1841, Hofstallmeister in Petersburg, seit 1868 mit einer Tochter des moldauischen Fürsten Michael Sturdza vermählt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 209Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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