FeedGiers (Nikolai Karlowitsch von)
GeschichteBrockhaus 1882

Giers (Nikolai Karlowitsch von), russ. Minister, geb. 9. Mai 1820, entstammt einer in Finland angesessenen schwed. Familie. Er absolvierte das kaiserl. Lyceum in Zarskoje-Selo und wurde nach seinem Eintritt in das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten (1838) dem Departement für asiat. Angelegenheiten zugeteilt. Während des ungar. Feldzugs (1848—49) war G. dem russ. Hauptquartier des Generals Lüders als diplomatischer Funktionär attachiert. Bald nach Abschluß der ungar. Campagne zum ersten Botschaftsrat in Konstantinopel ernannt, befand er sich während des Krimkriegs als Kanzleichef des Generalkommissars in der Moldau-Walachei, 1857 in Bessarabien. Im J. 1858 ging G. als Generalkonsul nach Agypten, Ende 1859 als Generalkonsul und diplomatischer Agent in die Donaufürstentümer und 1863 in der Eigenschaft als außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister nach Teheran, wo es ihm gelang, den bis dahin mächtig gewefenen engl. Einfluß vollständig zu überflügeln. Nach sechsjährigem Aufenthalte am Hofe des Schah ging G. als Gesandter nach der Schweiz, 1872 in gleicher Eigenschaft nach Stockholm, und wurde 1875 nach Petersburg berufen, wo er in der Eigenschaft als Gehilfe des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten zunächst die schwierige Aufgabe erhielt, das russ. Konsularwesen neu zu gestalten. Später übernahm G. auch den Verkehr mit den Gesandtschaften. Die diplomatischen Streitigkeiten Rußlands wegen einiger Gebiete in Mittelasien wurden vorzugsweise von G. geführt. Im J. 1878 verhandelte er mit England wegen Afghanistan und 1881 wegen des Vorrückens gegen Merw; zugleich erledigte er nach mehrjährigen Unterhandlungen den wegen des Kuldschagebietes entstandenen Konflikt mit China durch Abschluß des Vertrags vom 23. Febr. 1881. Nach der Thronbesteigung Alexanders III. richtete G. im Auftrage desselben, 16. März 1881, ein Rundschreiben an die Vertreter Rußlands bei den auswärtigen Regierungen, worin er die Politik des neuen Kaisers als eine vollkommen friedliche, der innern Entwickelung des Staates hauptsächlich gewidmete bezeichnete. Bei der Zusammenkunft, welche Kaiser Alexander III. mit Kaiser Wilhelm 9. Sept. 1881 in Danzig hatte, war G. anwesend und konferierte mit dem Fürsten Bismarck über die polit. und soziale Lage. Als der 84jährige Fürst Gortschakow von der Leitung des Ministeriums des Auswärtigen entbunden wurde, entstand die Frage, ob der intriguante, panslawistische Graf Ignatjew, Minister des Innern, oder der friedfertige G. dessen Nachfolger werden solle. Der Kaiser übertrug 9. April 1882 das Ministerium des Auswärtigen G., worin die öffentliche Meinung, namentlich des Auslandes, eine entschiedene Demonstration für den Frieden und gegen alle panslawistischen Kriegsgelüste erkannte. In diesem Sinne wirkte G. bei seinem Besuch bei dem Fürsten Bismarck in Varzin 17. Nov. 1882, bei seinem unmittelbar darauf folgenden Aufenthalt in Rom, wo es sich um Veranstaltung eines Ausgleichs in der Frage der Besetzung der poln. Bischofssitze und anderer kirchenpolit. Dinge handelte, und bei seinem Besuch in Wien 24. Jan. 1883. In einem Rundschreiben vom 9. Juni 1883 sprach G. den kaiserl. Dank für die bei dem Krönungsfest kundgegebenen Sympathien des Auslandes aus, dieselben als ein neues Band der Eintracht und des Friedens bezeichnend. Auf einer Reise, welche G. im Nov. 1883 zum Besuche einer kranken Tochter nach Montreux unternahm, hatte er von neuem eine Zusammenkunft mit dem Fürsten Bismarck in Friedrichsruh; den Rückweg nahm G. im Jan. 1884 auf Wunsch des Kaisers Franz Joseph über Wien.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 28Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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