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Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Grammatik ist die Darstellung des vorhandenen Materials der Sprache, ihres Baues und der Gesetze ihrer Entwickelung und Veränderung. Die frühere philos. oder allgemeine G. suchte diese Gesetze zu konstruieren, ohne im Besitze eines hinlänglichen Materials von Beobachtungen der vorhandenen verschiedenen Sprachtypen zu sein, verfiel daher in vorzeitige Verallgemeinerungen, indem sie Sätze, die aus einem beschränkten Kreise von beobachteten Thatsachen gezogen waren, als allgemein gültige faßte. Eine ausreichende materielle Grundlage läßt sich nur dadurch gewinnen, daß die verschiedenen wirklich vorhandenen Sprachen in den Kreis der Untersuchung gezogen und nach ihrem gegenseitigen Verhältnis zueinander erforscht werden. So entsteht die vergleichende Grammatik. Da aber die Sprachen ein Gewordenes und ein Werdendes, also ein fortschreitend Veränderliches sind und nur im vollen 2.. ihrer Entwickelung genügend begriffen werden können, ergibt sich als weiteres notwendiges Glied die historische Grammatik. Diesen umfassendern Gestaltungen steht wiederum gegenüber die besondere Grammatik, welche die einzelne Sprache beschreibt und ihre Gesetze darstellt. In neuerer Zeit zerfällt die wissenschaftliche G. einer Sprache gewöhnlich in folgende Teile: 1) Lautlehre, Darstellung des Lautsystems der Sprache, des Verhältnisses der einzelnen Laute zueinander, der gesetzmäßigen Veränderungen derselben, bei verleichender Behandlung auch des Verhältnisses derselben zu den Lauten der verwandten Sprachen oder der Ursprache des betreffenden Sprachstammes; 2) Stammbildungslehre(Wortbildungslehre), behandelt die Wurzeln und die aus ihnen durch beimmte Suffixe gebildeten Stämme; 3) Wortbilungs⸗(Flexions⸗, Formen⸗) Lehre, behandelt die Deklination und Konsugation; 4) Syntax, behandelt die Bildung und die Formen des Satzes. Die Anfänge sprachlicher Untersuchung im Abendlande gingen aus von den griech. Philosophen, doch sind ihre Forschungen nicht eigentlich grammatisch, sondern beschäftigen sich wesentlich mit der Frage nach dem Verhältnis des Denkens — Sprechen, auch 9,%1 nach der Entstehung der prache; so bei Plato, Aristoteles, den Stoikern. Dabei machte man allerdings Beobachtungen und stellte Kategorien auf, die später in die eigentliche G., deren Anfang in Alexandria ins 2. Jahrh. v. Chr. fällt, aufgenommen wurden. Vgl. Lersch, „Die Sprachphilosophie der Alten » (3 Bde. Bonn 1838—41); Steinthal, 4Geschichte der Sprachwissenschaft bei den Griechen und Römernv (Berl. 1863). Bei den Alexandrinern trat die G. in den Dienst der Philologie (s. d.) und ward besonders nach der praktischen Seite mit Fleiß und Einsicht gefördert. Ihnen folgten die Römer die sich darauf beschränkten, auf zwei Sprachen, die lateinische und die griechische, das überkommene Verfahren anzuwenden, ohne einen we entlichen Fortschritt der G. zu bewirken. Das Mittelalter begnügte sich mit den Elementarbüchern spätlat. Grammatiker. Selbst nach dem Wiederaufleben der Wissenschaften im 15. Jahrh. ward die G. nur zu raktischem Zwecke betrieben; doch erweiterte sch infolge der Reformation wenigstens au erlich der Gesichtskreis, indem man für die Erklärung der Bibel nun auch Kenntnis der hebräischen und einehendere der griech. Sprache bedurfte. Im 17. Fahrh. endlich beginn man mit einem zunächst mehr noch ahnungsvollen als bewußten Verfahren, die Sprache um ihrer selbst willen zu betrachten, von der im Dienste der Philologie stehenden G. der besondern Sprachen oder der G. im engern Sinne * Linguistik den der allas und es zeigten sich jetzt ie ersten Spuren der allgemeinen und sogar schon der vergleichenden G. Philosophische G. erschienen hunen a — seit der Mitte des 18. Jahrh., itten aber fast durchgehends und bis in die neueste Zeit an dem doppelten Gebrechen, daß sie einerseits das Verhältnis der Logik zur G. teils übersahen, teils nicht hinreichend erkannten, und andererseits sich fast nur auf das Gebiet der indogermanischen oder gar der deutschen oder einer andern Einzelsprache beschränkten. Unter den ältern Werken dieser Art sind zu nennen die Schriften August Ferdinand Bernhardis, Karl Friedrich Beckers, Schmitthenners u. a. Das einzige bedeutende Werk über die Philosophie der Sprache ist W. von Humboldts epochemachendes Rrach «liber die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaueso als Einleitung zu seinem Werke über die Kawisprache (besonderer Abdruck, Berl. 1836; neu herausg. und erläutert von Pott, 2. Aufl., 2 Bde., Berl. 1880; herausg. und kommentiert von Steinthal: «Die sprachphilos. Werke W. von Humboldts o, Berl. 1884). Seine Bestrebungen wurden fortgesetzt von Heyse in „System der Sprachwissenschaft» (Berl. 1856) und von Steinthal in „Charakteristik der hauptsächlichsten Typen des Sprachbauesp (2. Aufl., Berl. 1860) und «Abriß der Sprachwissenschaft» (2. Aufl., Bd. 1, Berl. 1881). Ihre wissenschaftliche Begründung erhielt die vergleichende wie die Demahn G. in Deutschland, nachdem durch die Bemühungen der Engländer Wilkins, W. Jones, Colebrooke, Wilson u. a. die Sprache und Litteratur des Sanskrit erschlossen und zugänglich gemacht worden war. Die durch Bopp eschaffene vergleichende G. ist zu datieren von dessen leiner Schrift Das Konjugationssystem der Sanskritsprache, verglichen mit jenem der griech., lat., ers. und german. Sprachend (Berl. 1816). Hier ist zuerst der leitende Grundsatz aufgestellt und durchgeführt, die Verwandtschaft der Sprachen aus ihrem Bau zu erforschen. Die historische G. hebt an mit Jak. Grimms durchaus auf selbständigen Forschungen beruhender Deutscher G.v», deren erster Teil 1819 erschien. In gleichem Geiste behandelten Diez die romanischen und Miklosich die slaw. Sprachen. An Bopp aber schloß sich, durch umfängliche Forschung ausgezeichnet, Pott. Weiter ward die vergleichende Sprachforschung, gewöhnlich in Verbindung mit der historischen, gefördert durch Aufrecht, Benary, Benfey, Lassen, G. Curtius, Diefenbach, Höfer, Kuhn, Miklosich, Mar Müller, Schleier, Ebel, Joh. Schmidt, Brugman u. a.; 3185 wecken dienten oder dienen jetzt in Deutschland folgende Zeitschriften: Kuhns «Zeitschrift hür vergleichende Sprachforschunge (Berl. 1852 fg.) Kuhn und Schleicher, Beiträge zur vergleichenden Sprachforschungo (8 Bde., Berl. 1858 — 76); Benfey, „Orient und Occidento (Gött. 1862—65); Bezzenberger, „Beiträge zur Kunde der indogerman. Sprachen » (Gött. 1876 fg.). In diesen ist nur die Forschung über die indogermanischen Sprachen vertreten; die vergleichende G. der übrigen Sprachstämme liegt noch in den Anfängen. (S. auch und Wörtersammlungen aller Sprachen der Erde⸗ (2. Aufl. von Jülg, Berl. 1847); Trübner, «Catalogue of dictionaries and grammars of the principal languages and dialects of the worldo . Aufl., Lond. 1882). Grammatiker hießen bei den Griechen und Römern diejenigen, die sich mit der Wort⸗ und Sacherklärung der Werke der Litteratur beschäftigten. Von dem G. unterschied sich der Elementarlehrer Elementarunterricht, zunächst den im Lesen und Schreiben (der voanueren im engern oder niedern Sinne, die als solche auch voaunανννιν hieß) erteilte. Die Wissenschaft der G. gehörte neben der der Rhetoren und Philosophen zu den höhern Lehrgegenständen, wenn auch die Grammatik unter diesen die unterste Stelle einnahm. Schon En. alter Zeit hatte der Umstand, daß in den Schulen das Lesen an den Werken der Dichter, namentlich der Homerischen Gedichte, geübt wurde, dazu geführt, mit dem Lesen die Erklärung derselben zu verbinden. Außerdem veranlaßte der Zustand der überlieferung der Homerischen Gedichte eine Art kritischer Behandlung der überlieferten Texte. Endlich veranlaßte der philos. Sinn der Griechen sie frühzeitig (so schon Plato) auch zu spekulativen Betrachtungen über die Sprache und einzelne Wörter. Aus solchen Anfängen entwickelte sich dann, nachdem noch zuletzt Aristoteles auch auf diesem Gebiete das bisherige Wissen in sich vereinigt und vertieft hatte, in dem Alexandrinischen Zeitalter (s. d.) der griech. Litteratur die Grammatik als eine eigene selbständige Wissenschaft. Jetzt wurden auf Grund der vorhandenen Handschriften in streng methodischer Weise die Texte der Schriftsteller, vor allem wieder der Homerischen Gedichte, von den eingeschlichenen Entstellungen, Fehlern und Zusätzen gereinigt, sowie die in einzelnen Texten vorhandenen Lücken soviel als möglich ergänzt und Ausgaben hergestellt mit kritischen Zeichen und Anmerkungen. Damit verbanden sich Untersuchungen über den Sprachgebrauch, wie über den Inhalt der Autoren und litteraturgeschichtliche Arbeiten. Diese griechischen G. waren also keineswegs bloße Sprachgelehrte, ihr Wissen umfaßte vielmehr alles, was den Inhalt der Litteratur bildete und was zur sachlichen Erklärung der poetischen und prosaischen Litteraturdenkmäler erforderlich war, sodaß ihre Thätigkeit ungefähr dem entsprach, was man jetzt unter Philologie (s. d.) begreift. Die Hauptbegründer der griech. Grammatik in Alexandria waren Zenodotos (s. d.) und nach ihm Aristophanes (s. d.) von Byzanz; der größte von allen griechischen G. aber war Aristarch (s. d.). Manche alexandrinische G., wie Philetas, Aratos, Apollonios, Kallimachos u. a., zeichneten sich auch als Dichter aus, während Eratosthenes (s. d.) noch höhern Ruhm durch seine Forschungen in den sog. exakten Wissenschaften erwarb. Der zweite Hauptsitz der grammatikalischen Thätigkeit der Griechen war in Kleinasien in Pergamum (s. d.), wo die im 3. Jahrh. v. Chr. rasch zu größerer Bedeutung gelangenden Könige auch in der Pflege der Wissenschaften und Künste sich auszeichneten. Hier gründete Krates, der übrigens den Begriff der Grammatik beschränkter faßte und sich Kritiker nannte, im Gegensatze zu den Alexandrinern, welche durchaus empirisch verfuhren, aber auf Grund des kritisch festgestellten Sprachgebrauchs nach dem Gesetze der Analogie strenge sprachliche Anschn aufstellten, eine eigene Schule, welche im Anschluß an die Stoiker von einem vermeintlich höhern physischen Standpunkte aus die Sprache betrachtete und von diesem aus auch stärkere Unregelmäßigkeiten und Abweichungen von der Regel begreifen und erklären zu können glaubte und so der Anomalie einen großen Spielraum einräumte. Weit bedeutender für die Fortbildung der grammatischen Disciplinen war die Schule Aristarchs, der Aristarcheer. Unter den unmittelbaren Schülern desselben ragt Apollodor, unter den spätern der am Schlusse dieses und dem Beginne des folgenden Zeitraums wirkende Didymos hervor, der in seiner gelehrten Thätigkeit das im Laufe der Jahrhunderte aufgehäufte Material in seinen Schriften zusammenstellte und verarbeitete, so daß aus ihm hernach die Spätern vorzugsweise schöpften. In der röm. Kaiserzeit, an deren Beginn noch Didymos lebte und wirkte, konzentrierten die G. Hihre Studien bald auf die grammatischen Disciplinen im heutigen engern Sinne, Sprachlehre, Lexikographie, Metrik, welche teils durch Monographien über einzelne Punkte, Zeiten, Schriftsteller und Schriftstellergruppen, Dialekte u. dgl., teils in zusammenfassenden Werken bearbeitet wurden. Aristonikos allerdings war noch mehr als Erklärer und Kritiker thätig und der ruhmredige Apion arbeitete in den meisten Disciplinen der alexandrinischen Philologie. Schon Pamphilos aber erwarb sich seine Bedeutung durch ein großes lexikographisches Werk aüber Glossenv, Nikanor durch spezifisch grammatische Arbeiten über die Interpunktion. Namentlich aber waren es die bedeutendsten Grammatiker der röm. Kaiserzeit, Apollonios Dyskolos (s. d.) und Herodian (s. d.), welche durch ihre Thätigkeit als G. im engern Sinne des Worts großen 7½ und bleibende Bedeutung erlangten, der eine als Begründer der systematischen Grammatik in ausführlicher Darstellung, der andere durch seine umfassenden Arbeiten über die Formenlehre, namentlich sein großes Hauptwerk &Ileet wooοοαιε, über den Aecent, in welchem er alles, was die Aussprache der Wörter in ihren verschiedenen Formen und Verwendungen betrifft, zusammenfaßte. Die spätern griechischen G. zeigen sich von ihren Vorgängern durchaus abhängig, deren Werke sie excerpierten, und aus denen sie Lehr⸗ und Hilfsbücher zusammenstellten. So fertigte schon der Zeitgenosse Herodians, Diogenian, aus dem Werke des Pamphilos einen Auszug, der dann den Grundstock des erhaltenen Werks des Hesychios bildete. Eine Art Aufschwung, namentlich für das Studium der Attiker, brachte die sog. zweite Sophistik mit sich, da die Schriftsteller dieser Richtung bemüht waren, in reiner attischer Sprache zu schreiben. Die römische Grammatik ist wie die gesamte kunstmäßige Litteratur der Römer abhängig von der griechischen. Grammatische Studien gelehrter Art wurden bei den Römern insbesondere durch den Pergamener Krates angeregt, der 159 v. Chr. als Gesandter nach Rom kam. Sie wurden hier zuerst einerseits von den Männern aufgenommen, welche wie Accius (s. d.) und Lucilius (J. d.) als Dichter thätig und bemüht waren, die roöm. Sprache und Litteratur kunstmäßig auszubilden, andererseits von Juristen und Politikern, welche sich mit den alten Rechtsquellen beschäftigten. So blieb längere Zeit grammatische und juristische wie staatsrechtliche Schriftstellerei eng verbunden. Der erste röm. Philolog im vollen Wortsinne war Lucius Alius Präconinus Stilo, der eigentliche Begründer der lat. Sprach⸗ und Altertumsforschung. Auf ihn folgt dann eine größere 8 Gat, römischer G., wie Aurelius Opilius, Plotius Gallus, der auch Rhetorik lehrte, Servius Clodius, der Grammatiker Ennius. Der bedeutendste rö-t mische G., der das gesamte Gebiet der sprachlichen und sachlichen Disciplinen verarbeitet hat, war Marcus Terentius Varro (s. d.). Neben und nach ihm wirkte der sehr gelehrte, aber phantastische NRigidius Figulus, Ateius Prätexatus, der sich den Beinamen Philologus gab, Santra, Gavius Bassus u. a. Auch Cäsar hat ein grammatisches. Werk (De analogiap) verfaßt. In der ersten und Der lehrten und schrieben ulius Hyginus und Verrius Flaccus, hernach ulius Modestus, Remmius Palämon, Aulus Cornelius Celsus, Asconius Pedianus, Valerius Probus, im 2. Jahrh. n. Chr. Velius Longus, Caper, der durch die erhaltenen Kaiserbiographien allgemein bekannte Suetonius, Terentius Scaurus, Gellius, am Ausgang des 2. und Anfang des 3. Julus lero, im 3. Porphyrio, Testus, Censorinus, ulius Solinus, Nonius Marcellus. In der spädern röm. Kaiserzeit begnügten sich auch die römischen G., aus dem von den Vorgängern Gelieferten Lehrbücher der Grammatik, artes grammaticae, „Grammatikeno, zusammenzustellen (so Alius Donatus, Charisius, Diomedes u. a.), oder auch Kommentare, so Tiberius Claudius Donatus, Servius, und in dialogischer Form Macrobius. Sammlungen der (GErammatici Latinid gaben Gothofredus (Genf 1595, 1622), Putsche (Hannov. 1605), Lindemann (Lpz. 1831 — 40, unvollständig) und besonders Keil (7 Bde., Lpz. 1876—79) heraus.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 274Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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