FeedGesellschaftswissenschaft
Recht & StaatBrockhaus 1882

Gesellschaftswissenschaft ist ein Wort von mehrfacher Bedeutung. Einmal entspricht es dem in Frankreich und England gebräuchlichen Ausdruck Sociologie und bezeichnet dann die Lehre von den typischen Erscheinungen und den Entwickelungsgesetzen der Menschheit im ganzen. In dieser Auffassung deckt sich die G. so ziemlich mit der Kulturgeschichte und noch mehr mit der s sophie der Geschichte. Während die eigentliche Geschichte wesentlich das Individuelle in den menschlichen Dingen darstellt und namentlich das Handeln der einzelnen bedeutenden und leitenden Individualitäten verfolgt, sucht die G. die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten zu entdecken, die das Dauernde in dem Wechsel der Einzelerscheinungen bilden, und die Ziele zu erforschen, auf welche die erkannten oder vermuteten Entwickelungen gerichtet sind. Derartige Versuche sind, nachdem die theol. Weltanschauung ihren vorherrs enden Einfluß verloren, schon mehrfach und von verschiedenen Gesichtspunkten aus unternommen worden, so von Vico, Lessing, Herder, Condorcet, Hegel. Auch die Lehre Saint-Simons war wesentlich G. oder Geschichtsphilosophie, begründet auf der Idee der Entwickelung oder des Fortschritts, die auch die Grundlage des Systems des von Saint-Simon ausgegangenen Buchs bildete. Besondern Einfluß aber übte A. Comte, ursprünglich ebenfalls Saint-Simonist, auf die neuere Gestaltung der G. aus. Für ihn bildete die Sociologie die höchste Stufe in der von ihm aufgestellten Skala der Wissenschaften, und ihre Aufgabe soll sein, die Erscheinungen des vernünftigen Menschenlebens ebenso positiv wissenschaftlich zu beherrschen, wie der Astronom die Planetenbewegung überschaut. Nur die Erfahrung und Beobachtung, frei von aller theol. und metaphysischen Beeinflussung, soll den Weg zu den gesuchten Gesetzen öffnen. Von der Aufstellung solcher Forderungen bis zu ihrer Erfüllung ist freilich noch ein sehr weiter Weg. Einen immerhin beachtenswerten, wenn auch unzulänglichen Versuch, Gesetze aus dem empirischen geschichtlichen Material abzuleiten, hat Buckle in seiner Geschichte der Civilisation unternommen. Unter den neuesten Arbeiten auf dem Gebiete der Sociologie sind besonders die Schriften von Herbert Spencer zu nennen, der allerdings vielfach in Widerspruch mit Comte tritt, aber die positiv-exakte Methode streng befolgt, indem er zuerst die sociologischen Thatsachen mit großem Fleiße sammelt und von ihnen aus durch Induktion zu Verallgemeinerungen und Gesetzen zu gelangen sucht. Auf andere Weise, nämlich mittels Ausführung der Analogien, die zwischen den gesellschaftlichen und den Naturerscheinungen, namentlich dem Sein und Leben der Or-Liltenseld bestehen, haben Carey, Schäffle, P. von ilienfeld die G. zu behandeln gesucht. Eine andere Auffassung der G. ist die in Deutschland namentlich von L. Stein begründete. Hier handelt es sich lediglich um die wissenschaftliche Darstellung der besondern Zusammenhänge und Lone hegtunn die, namentlich durch die Besitverteilung begründet, abgesehen von der staatlichen Organisation, wenn auch nicht völlig unabhängig von derselben, zwischen den Individuen bestehen. (S. Gesellschaft.) Das gesellschaftliche Leben mit seinen besondern Ordnungen und Klassenunterschieden wird hier als ein eigentümlicher Kreis von Erscheinungen behandelt, dessen Theorie sich zwischen der Lehre von den wirtschaftlichen Gütern und der Staatslehre einschiebt. Endlich wird die G. von manchen auch als gleichbedeutend mit der Soziallehre oder der Sozialökonomie betrachtet, nämlich mit derjenigen Auffassung der Volkswirtschaftslehre, die nicht von der individualistischen Wissenschaft, sondern von den Bedürfnissen der Gesamtheit ausgeht, und demnach die wissenschaftlichen Resultate nicht nur nach der Quantität der Produktion, sondern auch nach der Art beurteilt, wie die Produkte zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse verteilt werden. In einseitiger, von den gegebenen Grundlagen der Gesellschaft abstrahierender Ausbildun Khe diese G. in sozialistische und kommunistische Theorien über. Litteratur: Spencer, Einleitung in das Studium der Sociologiep (Bd. 14 u. 15 der Internat. wissenschaftl. Bibliotheko, Lpz.1875); derselbe, Die Prinzipien der Sociologie (deutsch von Vetter, Bd. 1, Stuttg. 1877); Schäffle, „Bau und Leben des sozialen Körperso (4 Bde., neue Ausg., Tüb. 1881); Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaftend (Lpz. 1883); L. Stein, «Der Begriff der

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 903Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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