FeedGramont
ReligionBrockhaus 1882

Gramont, ein altes franz. Adelsgeschlecht, welches von einem Städtchen G. in Navarra (Depart. Niederpyrenäen) seinen Namen führt. Im J. 1525 kam diese Herrschaft an einen Nebenzweig, die G.s d'Aure, durch die Verheiratung der Erbtochter Claire von G. mit Menaud von Aure, Vicomte von Aster; beide starben 1534. — Ihr Sohn, Antoine von Aure, genannt Antoine I. von G., ward Stammvater der Herren von G., die seitdem in der franz. Geschichte eine Rolle spielen und noch gegenwärtig fortbestehen. Die bekanntesten Sprößlinge aus diesem zweiten Hause G. sind folgende: Gabriel von G., Prälat, Diplomat, Sohn von Roger von G., wurde als Bischof von Tarbes zur Zeit der Gefangenschaft Franz' I. nach Spanien, sodann zu Heinrich VIII. von England als Unterhändler in dessen Ehehandel geschickt und bei seiner Rückkehr in Frankreich zum Erzbischof von Bordeaux ernannt, verzichtete jedoch auf diese Prälatur zu Gunsten seines Bruders und begab sich als Gesandter nach Rom, wo Clemens VII. ihm die Kardinalswürde verlieh (1530). Hier leitete er die Verhandlungen wegen der Vermählung des Dauphin (Heinrich II.) mit der Nichte des Papstes, Katharina von Medici, und wurde dann Erzbischof von Toulouse. Er starb 26. März 1534 auf dem benachbarten Schlosse Balma. — Philibert von G., Graf von Guiche, Sohn Antoines I., vermählte sich 1567 mit der 4Schönen Corisande», Diana von Audouins (gest. 1620), der berühmten Jugendgeliebten Heinrichs IV. Philibert starb 1580 infolge einer vor La Fere erhaltenen Verwundung. — Sein Sohn, Antoine II., Graf von G., war Vater von zwei Söhnen, die zu den namhaftesten seines Geschlechts gehören. Der eine, Antoine III., Herzog von G., Marschall von Frankreich, geb. 1604, hieß anfangs Graf von Guiche und heiratete 1634 eine Nichte des Kardinals Richelieu. Die glänzende militärische Tapferkeit und Tüchtigkeit, die er während der Feldzüge in Flandern und Holland bewies, verschafften ihm 1641 den Generallieutenantsgrad und Marschallsstab. Seit dem Tode seines Vaters (1644) Graf von G., Fürst von Bidache, Statthalter von Navarra und Bearn, wurde er 1648 zum Herzog und Pair erhoben. Er starb 12. Juli 1678 zu Bayonne. Der Marschall hinterließ Memoiren, die von seinem Sohne herausgegeben wurden und in diplomatischer wie in militärischer Hinsicht nicht uninteressant sind: Mémoires du maréchal de G.v 2 Bde., Par. 1716), wieder abgedruckt in den Sammlungen von Petitot (1820—29), von Michaud und Poujoulat (1835—39). — Philibert, Chevalier, nachher Graf von G., Bruder des vorigen, geb. 1621, diente als Freiwilliger unter Condé und Turenne, bewies mehrfach große Tapferkeit und erkühnte sich, Ludwig XIV. das Herz eines Hoffräuleins der Königin-Mutter, der Mlle. de Lamothe-Houdancour, streitig zu machen, weshalb er verbannt wurde. Er begab sich 1662 nach England, wohin er schon unter Cromwells Protektorat eine Reise gemacht hatte. Von stattlicher Persönlichkeit, ein Freund des Spiels und der Frauen, fand er eine gute Aufnahme an dem Hofe Karls II., der mit dem Beispiel leichtfertiger Sitten voranging. Während seines Aufenthalts in England heiratete er Miß Hamilton, die ihn nach Frankreich begleitete, als ihm die Rückkehr gestattet ward. Lady G wurde Hofdame der Königin Maria The⸗ (Antoine Alfred Agénor, Herzog von) resia. G. starb 1707. Er war 80 J. alt, als sein Schwager, Ant. Hamilton, um ihn zu zerstreuen, unter dem Titel Mémoires du cheralier de G.y die Abenteuer seiner Jugend beschrieb. Der hochbetagte Greis hatte nicht allein nichts einzuwenden gegen die Veröffentlichung dieses Werks, welches seine Liebesstreiche und Spielbetrügereien erzählt, sondern beklagte sich auch noch bei dem Kanzler darüber, daß die hinsichtlich seiner Ehre weit empfindlichere Censur den Druck verbiete. Diese Memoiren erschienen in verschiedenen Ausgaben (Lond. 1713; Par. 1857 u. 1859). Armand von G., Graf von Guiche, General, der jüngste Sohn des Herzogs Antoine III. von G., geb. 1638, mußte zweimal infolge von Hofintriguen in die Verbannung, kämpfte hier gegen die Türken und 1666 unter Ruyter gegen die Engländer, begleitete nach der Heimkehr 1672 Ludwig XIV. im holländ. Feldzuge, wo er unter den ersten den Rhein bei dem Tolhuis überschritt, erlitt Nov. 1673 durch Montecuculi eine Niederlage und starb 29. Nov. 1693 zu Kreuznach. Er hinterließ Mémoires concernant les Provinces-Unies“ (Lond. 1714). — Antoine V., Herzog von G., Marschall von Frankreich, geb. 1672, Enkel des gleichbenannten Marschalls und wie dieser zuerst bekannt unter dem Namen Graf von Guiche. Seit 1688 machte er bis zum Frieden von Ryswijk (1697) fast alle Feldzüge mit, sowie er auch in den ersten Campagnen des Spanischen Erbfolgekriegs mit Auszeichnung diente. Im J. 1705 zum Gesandten in Spanien ernannt, wurde er bei seiner Zurückkunft nach Frankreich 1712 Statthalter von Navarra und Bearn, folgte 1720 seinem Vater im Herzogtume, erhielt 1724 den Marschallsstab und starb 1725. — Seine zwei Söhne und Nachfolger waren Antoine Louis Armand, Herzog von G., geb. 20. März 1688, seit 1734 Generallieutenant, gest. 16. Mai 1741, und Louis, Herzog von G., Pair von Frankreich, geb. 29. Mai 1689, von einer Kanonenkugel getötet bei Fontenoy 11. Mai 1745. — Antoine Antonin, Herzog von G., geb. 17. April 1722, vermählte sich in zweiter Che mit Beatrix von Choiseul-Stainville, die 17. April 1794 auf dem Schafott starb. Sie war die einzige Schwester des Herzogs von Choiseul, unter dessen Ministerium sie großen Einfluß übte. Ihr Gemahl starb 1801. — Antoine Louis Marie, Herzog von G., General, geb. 17. Aug. 1755, Leibgardenkapitän vor der Revolution, wanderte aus, kehrte 1814 mit den Bourbons zurück, wurde Pair von Frankreich und starb 28. Aug. 1836 zu Paris. — Antoine Genevieve Hraclius Agénor, Herzog von G., General, geb. 7. Juni 1789 in Versailles, Sohn des vorigen, der ihn bei seiner Auswanderung mitnahm, wurde bei seiner Rückkehr nach Frankreich 1814 Adjutant des Herzogs von Angouléme, mit welchem er 1823 am Feldzuge in Spanien teilnahm. Er begleitete 1830 die königl. Familie nach Cherbourg, kam bald wieder zu ihr nach Schottland, kehrte 1833 nach Frankreich zurück und starb März 1855.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 278Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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