FeedGraz oder Gratz
ErdkundeBrockhaus 1882

Graz oder Gratz, früher auch Grätz geschrieben, die Hauptstadt Steiermarks, liegt in einem weiten, fruchtbaren und mit Naturschönheiten reich ausgestatteten Thale an der Mur, 356 müber dem Meere, an der Wien-Triester, der G.Köflacher und der Ungarischen Westbahn. Die Stadt ist der Sitz des Statthalters für das Kronland, des Oberlandesgerichts für Steiermark, Kärnten und Krain, des Landesgerichts und anderer Behörden, sowie des Fürstbischofs von Seckau mit seinem Kapitel und Seminar und zählt (1880) 97791 CE., darunter an 2172 Evangelische und 1200 Juden. Die eigentliche Stadt liegt auf dem linken Ufer des Flusses, über welchen sieben Brücken, darunter eine Kettenbrücke und eine Eisenbahnbrücke (Verbindungsbahn des West⸗ mit dem Südbahnhofe) führen, rings um den bis 1809 stark befestigten Schloßberg, der in neuerer Zeit durch die Bemühungen des Feldzeugmeisters Baron Welden (gest. 1853) in schöne Parkanlagen mit entzückender Rundschau umgewandelt worden ist. Vor dem sog. S erhebt sich seit 1859 Weldens ehernes Standbild, modelliert von Hans Gasser. An den Schloßberg reihen sich die Anlagen des Stadtparks mit einem schönen Brunnen und einer Marmorbüste Schillers von Gasser. Auf dem Hauptplatze der innern Stadt befindet sich das schöne Denkmal des Erzherzogs Johann, Statue in Erzguß na Pönninger, umgeben von den Nymphen der vier Hauptflüsse der Steiermark, Enns, Mur, Drau und Save, ebenfalls in Erzguß, enthüllt 8. Sept. 1878, mit Inschriften von Anastasius Grün. Die alten, die tadt einengenden Bastionen sind fast durchgängig gefallen und haben modernen Bauten (Burg⸗ und Karl-Ludwigs-Ring) Platz gemacht. G. besitzt 23 kath., 1 evang. Kirche und seit 1865 auch 1 Synagoge, außerdem noch 10 Klöster. Darunter verdient besondere Ausezeichnung der von Kaiser Friedrich III. 1446 erbaute got. Dom mit guten Altarblättern, neuen Glasmalereien, zwei merkwürdigen Reliquienschreinen und einem Freskobilde aus dem Ponich an der südl. Außenseite. Das daneben befindliche Mausoleum des Kaisers Ferdinand II. (mit dem Sarkophage des Erzherzogs Karls II. und seiner Gemahlin, der Eltern Ferdinands) imponiert durch 15. Jahrh., 1876 im Innern stilgerecht (gotisch) restauriert, besitzt ein Altarblatt von Tintoretto. Die got. Marienkirche wurde 1865 vollendet; die kleine got. Lechkirche stammt aus dem 13. Jahrh. Andere merkwürdige Gebäude sind: das Landhaus, in welchem nach der Verfassung vom 26. Febr. 1861 der steiermärk. Landtag alljährlich tagt; das daneben befindliche wegen seines außerordentlichen Reichtums an Waffen des 15. bis 17. Jahrh. einzig dastehende, 1664 erbaute Landeszeughaus; die kaiserl. Burg, das 1807 erbaute Rathaus, das Palais des Erzherzogs Johann (seit dessen Tode im Besitze seines Sohnes, des Grafen von Meran), das Landestheater am Franzensplatz (seit 1841 mit dem von Marchesi entworfenen ehernen Standbild des Kaisers Franz J.) und das Stadttheater auf dem Karl-Ludwigs-⸗Ring. An der Spitze der wissenschaftlichen Anstalten in G. stehen die 1827 restaurierte und im Nov. 1863 mit einer vierten (mediz.) Fakultät vervollständigte Karl-Franzens-Universität (mit einem anatomischphysiologischen, einem physikalischen und einem chem. Institut), welche besonders von Studierenden ital. Nationalität aus Friaul, dem Küstenlande und Dalmatien besucht wird, und die k. k. technische Hochschule; an diese reiht sich das Joanneum, von Erzherzog Johann 1811 gegründet, welches ein Landesmuseum mit einer reichen und vortrefflich geordneten Mineraliensammlung, ansehnlicher Bibliothek (100000 Bände), botan. Garten (hier Büste von Mohs, gest. 1839), Münz⸗ und Antikenkabinett, Archiv u. s. w. ist. Außerdem bestehen von höhern Unterrichtsanstalten zwei Gymnasien, eine Handelsakademie, eine Landes⸗ und eine Staatsoberrealschule, eine Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalt, ein Mädchenlyceum, eine Staatsgewerbeschule, eine Landeszeichnungsakademie. Die Landesgemäldegalerie ist von keiner großen Bedeutung. Die Humanitätsanstalten (Kranken⸗, Siechen-⸗, Gebär⸗ und Waisenhäuser, Irrenanstalt, Taubstummeninstitut u. s. w.) sind wohl dotiert. Unter zahlreichen Vereinen sind zu nennen: die Landwirtschaftsgesellschaft und der Gewerbeverein, der Historische Verein, der Kunstverein, der Kunstindustrieverein, der Naturwissenschaftliche Verein, der Musikverein, die Männergesang⸗ und Turnvereine. Handel und Industrie sind im Aufschwung beban Seit Fröffnung der G.⸗Köflacher Kohlenahn nimmt die Anzahl der Fabrikanlagen rasch zu. Die besuchtesten Punkte der schönen Umgebung sind: der Hilmerteich, Maria-Grün, Maria-Trost, ein Wallfahrtsort, das Kaltbad Radegund, Eggenberg, mit Schloß und Kaltwasserheilanstalt, Thal, das Brünnel bei St. Martin, Tobelbad, die Platte mit prächtiger Aussicht, der Rainerkogl Meierei) mit schönstem Blick auf G., der 656 m hohe Buchkogl mit IUm hohem eisernen Rundschauturm etc. Vgl. Schreiner, «Histor.⸗statist.-topogr. Gemälde der Stadt G. und ihrer Umgebung» (Graz 1843); Weidmann, «Illustrierter Fremdenführer durch G.v (Graz 1856); Ilwof und Peters, 4G., Geschichte und Topographie der Stadt und ihrer Umgebungs (Graz 1876); (G. und seine Umgebung»(Graz 1880).¶

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 319Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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