FeedGrazien (lat. Gratiae)
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Grazien (lat. Gratiae), die röm. Bezeichnung der von den Griechen Charites (in der Einzahl Charis) genannten göttlichen Wesen, welche als Personifikation der Anmut, Heiterkeit und Lieblichkeit in der Natur wie im Menschenleben zu betrachten sind. Die Homerische Poesie hat sie noch in unbestimmter Mehrzahl aufgefaßt (eine der «jüngern Chariteno wird in der Ilias Pasithea genannt), bei Hesiod aber ist (wahrscheinlich nach der Kultsage von Orchomenos in Böotien, wo sie einen sehr alten Tempel hatten und unter dem Bilde roher, angeblich vom Himmel gefallener Steine verehrt wurden) ihre Zahl auf drei fixirt: Aglaia (d. h. Glanz), Gucc, Töcht (Frohsinn) und Thalia (blühendes Glüch), Töchter des Zeus und der Eurynome. Diese Zahl und Benennung dann die allgemein übliche in der Poesie und der bi denden Kunst geworden, welche letztere sie in älterer Zeit bekleidet, später ganz nackt in jungfräulich schlanken Formen, meist mit verschlungenen Armen zu einer Gruppe vereinigt, darstellte. Nach Pausanias wurden in einigen Gegenden Griechenlands, abweichend von der gewöhnlichen Tradition, nur zwei Chariten verehrt; so in Sparta, wo sie Kleta und Phaenna, und in Athen, wo sie Auxo und Hegemone genannt wurden. Doch ist diese Angabe wahrscheinlich irrig. Wie es scheint, wurden die G. auch in Attika in der Dreizahl verehrt, und führten dort Namen, welche auch den drei Horen beigelegt wurden: Thallo, Auxo und Karpo, d. h. die Göttin der Blüte, des Wachstums und der Früchte, während Hegemone ein Name der Hekate war, welche mit den Grazien zusammen verehrt wurde. Vgl. Robert, De Gratiis Atticiso in den «Commentationes in honorem Mommseni o (Berl. 1877). — In Rom sind die G. niemals Gegenstand religiöser Verehrung gewesen, sondern nur nach griech. Vorbildern von Dichtern und Künstlern gefeiert worden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 320Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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