Greifswald, Universitäts⸗, Handels⸗ und Kreisstadt im Regierungsbezirk Stralsund der preuß. rovinz Pommern, an der Linie Angermünde-Stralsund der Preußischen Staatsbahnen und am schiffbaren Flusse Ryck (früher Hilda), der 5 km unterhalb in den Greifswalder Bodden, einen Busen der Ostsee, mündet, ist Sitz eines Land⸗, Schwur⸗ und Amtsgerichts, eines Landratsamts, sowie einer Reichsbanknebenstelle und zählt (1880) 19 924 E. (worunter 597 Katholiken und 167 Juden). Die Stadt ist im ganzen regelmäßig gebaut. Unter den drei evang. Kirchen, zu denen 1871 eine katholische hinzugekommen ist, ist die Hauptkirche zu St. Nikolai mit einem 100 m hohen Turme, einigen Gemälden und wertvoller Bibliothek hervorzuheben. Am Markt stehen das Rathaus mit inhaltreichem Archiv und noch zwei schöne got. Giebelhäuser aus dem 14. Jahrh. Die Universität ward 1456 beson-HBunger durch die Thätigkeit des greifswaldischen ürgermeisters, Heinr. Rubenow, vom Herzog Wartislaw IX. von Pommern gestiftet und zu diesem Zwecke an der Nikolaikirche ein Domkapitel errichtet, bei welchem die Stellen durch Professoren besetzt wurden. Während des Eindringens der luth. Lehre in Pommern geriet die Universität in Verfall, ward aber 1539 durch Herzog Philipp I. von Pommern als protetantische wiederhergestellt. Herzog Ernst Ludwig erbaute 1591 ein neues Universitätsgebäude für se, und Herzog Bogislaw XIV. schenkte ihr 1634 einen großen Teil der Eldenaischen Klostergüter, aus deren Einkünften sie noch jetzt ihren Unterhalt größtenteils bezieht. Das Ernestinische Universitätsgebäude wurde 1747 abgebrochen und 1750 das noch jetzt stehende aufgeführt, das aber in den nächsten Jahren, nachdem die Bibliothek aus demselben in ein eigenes Gebäude verlegt ist, durch ein anstoßendes Kollegiengebäude vergrößert und im Innern umgebaut werden soll. Unter der preuß. Herrschaft errichtete man 1834 auf dem Universitätsgute Eldena (s. d.) eine mit der Universität verbundene Akademie der Staatswirtschaft und Landwirtschaft, an deren Stelle 1877 eine landwirtschaftliche Mittelschule trat. Seit der 400jährigen Jubelfeier (1856) wurden Gebäude für die Anatomie, die Klinik, das chem. Laboratorium, sodann für pathol. Anatomie und für die sowie Klinik, fämtlich im geschmackvollen Rohbau, owie auf dem Rubenowplatze vor der Universität unter Stülers Leitung ein Denkmal mit dem Brustbilde Rubenows und acht Statuen errichtet, welche vier für die * der Universität wichtige Regenten und als Vertreter der vier Fakultäten den Reformator Pommerns, Bugenhagen, und aus der Zahl berühmter Professoren G.s den Juristen Mevius, den Mediziner Berndt und E. M. Arndt, der freilich mit größern Unterbrechungen) 1800 —12 zu G. lehrte, darstellen. Im Sommer 1883 betrug die Zahl der Professoren und Docenten 64, die der Studierenden 741, wovon nahezu die Hälfte der mediz. Fakultät angehörte. Die Universitätsbibliothek ist in neuester Zeit sehr vermehrt worden und zählt etwa 135000 Bände. Vgl. Kosegarten, 1850 Uu der Universität G.v (2 Tle., Greifsw. 1856). Auch besitzt G. ein Gymnasium nebst Realgymnasium; ferner ein Waisenhaus, eine ständische Irrenanstalt und drei Hospitäler, neuerdings auch ein Siechenhaus, sowie seit 1881 ein Sol⸗ und Moorbad inmitten der Anlagen, welche sich um die innere Stadt herumziehen. Stadt wie Universität Denimn einen sehr bedeutenden Grundbesitz. Die Farikindustrie liefert Maschinen und kleinere Dampfschiffe; auch bestehen zu G. nicht unbeträchtliche Anstalten zum Einsalzen und Räuchern von Heringen u. s. w. Eine weitere Erwerbsquelle der Bewohner bilden Handel und Schiffahrt. Die Stadt besitzt 46 Seeschiffe zu 10608 t. Der neugebaute und beträchtlich vergrößerte Hafen befindet sich am Ausdente des Ryck in den Bodden zu Wiek, einem Pfarrorfe mit gegen 900 E. Letzterm gegenüber liegen das erwähnte Universitätsgut Eldeng mit gegen 700 E. und die Trümmer des im Dreißigjährigen Kriege zerstörten Klosters Hilda, später Eldena genannt. G. wurde als Marktflecken 1241 vom Kloster Eldena angelegt und mit Handwerkern und Kaufleuten aus Niedersachsen und vom Niederrhein (wo auch ein Dorf Gripswald bei Düsseldorf liegt) bevölkert, dann aber schon 1249 an den Herzog Wartislaw III. von Pommern abgetreten. (Vgl. yl, KGeschichte des Cistercienserklosters Eldenav, reifsw. 1880 — 82.) Dieselbe erhielt 1250 vom Herzog Wartislaw die lübische Stadtverfassung und das lübische Recht, wurde 1264 durch die Neustadt vergrößert und befand si seitdem (nachweislich seit 1281) unter Lübecks Führung im Bunde mit den wendischen Hansestädten Stralsund, Anklam, Demmin, Rostock und Wismar. Sie nahm teil an den Kriegen, welche diese Städte gegen die Könige von Dänemark und Norwegen führten: 1284 gegen König Erik Magnusson, 1312 gegen den König Erik Menved. In den J. 1326 und 1327 führten G. und Stralsund den Krieg gegen die Fürsten von Mecklenburg, welche sich nach Wizlaws IV. Tode (1325) Rügens bemächtigen wollten, und bewirkten, daß jenes Fürstentum an die Herzöge von Pommern fiel. Durch seinen hochverdienten Bürgermeister Heinr. Rubenow erhielt G. 1451 seine Verfassung in 17 Statuten, die, wenn au nach der Reformation in einigen Teilen 1651 u erarbeitet und ins Reht beian übertragen, bis in die neueste Zeit zu Recht bestand und erst 1873 durch einen neuen Stadtreceß wesentlich verändert wurde. Der Baldemar G.s, welcher, seit dem glücklich gegen Waldemar Atterdag geführten Kriege, durch den Stralsunder Frieden von 1370 und auch in der olge im 15. und 16. Jahrh. stetig zugenommen atte, geriet im Densent Kriege durch die esetzung mit Wallensteinschen Truppen (1627—31) und durch die beiden Belagerungen des Großen Kurfürsten (1659 und 1678), sowie durch den Nordischen Krieg, in dem sie 1711 von Russen, Polen und Sachsen besetzt und durch eine Feuersbrunst (1713) verheert ward, in Verfall, hob sich aber unter der milden Ralischen Schwedens, welchem die Stadt im Westfälischen Frieden (1648) mit der westl. älfte is de 18 zugefallen war, wieder zu neuer lüte, bis sie 1815 mit dem übrigen Schwedisch-Pommern an den preuß. Staat gelangte. Der Kreis Greifswald hat ein Areal von 962,ꝗkm, einschließlich der Gewässer von 998,4am und zählt (1880) 59 655 meist prot. E. Vgl. Gesterding, (Beitrag zur Geschichte der Stadt G.o (3Bde., Greifsw. 1827 — 29); Berghaus, «Landbuch der Provinz Pommerno (Bd. 4, Anklam 1865).