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ErdkundeBrockhaus 1882

Grodno, Gouvernement in Westrußland, früher ein Teil Litauens, zählt auf 38 668 akm (1879) 1165401 E. und zerfällt in neun Kreise: G., Bialystok, Bjelsk, Kobrin, Slonim, Woltowysk, Sokolka, Brest-Litowsk und Pruschany. Das Land ist flach, waldig und sumpfig, nur im Norden hüelig. Der Boden besteht aus einer Mischung von ehm und Sand, ist stellenweise ganz sandig, nur selten humusreich. Die bedeutendsten Flüsse sind: der Niemen mit Schara und Selwa, der Bug mit Narew und Muchowetz, und die In Seen ein Nebenfluß des Pripet. Unter den vielen Seen sind der Sapurjewo, Sporowsko und Diwinsko die größten. Die Sümpfe nehmen 20 Proz. des Bodens ein, die Wälder, worunter die Bialowiczer Heide (s. d.), 24 Proz. Haupterzeugnisse sind Getreide, Gemüse, Obst, Flachs, Hanf, Hopfen, Holz; in den Wäldern gibt es Elentiere, Wölfe, Luchse, Bären, Wildschweine, Dachse, Füchse u. s. w. Die Viehzucht ist im Süden bedeutend. In der Hriten strie steht obenan die Tuchfabrikation (56 Fabriken mit 7500 Arbeitern), dann folgen die Branntweinbrennereien, Bierbrauereien, Mühlen, Ziegelbrennereien und Gerbereien. Auch der Handel ist wichtig; ausgeführt werden Holz, Vieh, Getreide, Hanf und Lein. Die Bewohner sind meist Rußniaken (30 Proz.), Litauer (27 Proz.), Polen (22 Proz.) und Juden (12 Proz.); der Rest sind deutsche Kolonisten und Tataren. Die Hauptstadt Grodno, am Niemen, welcher hier ein prächtiges 11 mit hohen Rändern bildet, und an der Petersburg-Warschauer Eisenbahn, hat ein altes und ein neues Schloß, ersteres jetzt Militärhospital, letzteres von König August II. für den Reichstag erbaut, fünf russ.⸗griech., fünf kath. und eine luth. Kirche, zwei Synagogen, Riagriech. und zwei kath. Klöster, eine mediz. Akademie mit botan. Garten, eine Kadettenschule, zwei Gymnasien, eine Bibliothek und ein Theater und zählt (1882) 34 755 E. (drei Viertel Juden), welche Fabriken für Tuch, Baumwolle, Seide, Gewehre, Bierbrauereien, Lichtfabriken, Töpfereien und eine Tabaksfabrik unterhalten und Handel mit Getreide, Bauholz und Flachs treiben. In der Nähe, rechts am Niemen, sind die jährlich von etwa 300 Badegästen besuchten Mineralquellen von Drußkenik. G. wurde im 12. Jahrh. erbaut, gehörte damals zum russ. Reiche, wurde 1241 von den Mongolen verwüstet und in demselben Jahre von Litauern besetzt, unter denen es zur Landschaft Sudauen oder Pollexien gehörte, von den Deutschrittern 1351 zerstört und 1655 von den Russen verwüstet. König Stephan Bathory machte G. zu seiner Residenz und starb hier 13. Dez. 1586. Seit 1673 war G. Sitz jedes dritten poln. Reichstags; hier unterzeichneten die poln. Reichsstände 1793 die zweite Teilung Polens und 25. Nov. 1795 legte hier Stanislaus August die poln. Krone nieder. Im J. 1795 wurde 90 russisch, 1880 wurde die Befestigung der Stadt egonnen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 433Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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