FeedGustav II. Adolf
GeschichteBrockhaus 1882

Gustav II. Adolf, König von Schweden, geb. 9. (19.) Dez. 1594, war ein Sohn Karls IX., der nach der Entsetzung Sigismunds den schwed. Thron bestieg, und der Prinzessin Christina von Holstein, sowie ein Enkel Gustavs I. it vorzüglichen Anlagen ausgestattet, empfing er die sorgfältigste Erziehung und erlernte frühzeitig nicht nur alle ritterlichen Geschicklichkeiten, sondern auch außer der schwed. und deutschen Sprache die lateinische, italienische und französische, die er alle mit Geläufigkeit sprach. Von den Wissenschaften befreundete er sich besonders mit Mathematik und Geschichte. Schon als Knabe hatte er seinen Vater auf Reisen und Feldzügen begleitet. Als er nach des Vaters Tode 1611, erst 17 Jahre alt, durch die Mündigkeitserklärung der Stände die Regierung übernahm, bildete er sich in den Kriegen mit den Dänen, Russen und Polen ne gewandten Staatsmann und erfahrenen Feldherrn. Zugleich erkannte sein scharfer Blick sehr bald in Axel Oxenstjerna, dem jüngsten unter den damaligen Reichsräten, den großen Staatsmann; er ernannte denselben zum Reichskanzler und verband sich mit ihm durch die innigste Freundschaft. Durch sein mildes und leutseliges, aber kräftiges und würdevolles Verfahren gewann er die Liebe seines Volks, indem er, zugleich unter zarter Schonung des Andenkens seines Vaters, einen Teil der von diesem begangenen Ungerechtigkeiten wieder gut zu machen suchte. Unter den drei Kriegen, die ihm der Vater als Erbschaft hinterlassen hatte, suchte er den mit Dänemark, der im Mittelpunkte seines Reichs geführt wurde, zuerst beizulegen. Nach harten Kämpfen, unter denen das Gefecht auf dem Eise 11. (21.) Febr. 1612, wo er selbst in Lebensgefahr geriet, das merkwürdigste war, elang es ihm, unter Englands Vermittelung den Frieden zu Knäred 19.(29.) Jan. 1613 Riil Kitenin welchem er gegen Zahlung von 1 Mill. Thlrn. alles von den Dänen Croberte zurückerhielt. Von dem gefährlichsten seiner Feinde befreit, wendete er nun seine Waffen sogleich gegen Rußland. Hier hatten bereits die Schweden unter Jakob Graf de la Gardie große Vorteile erlangt, die durch G.s Teilnahme am Kampfe im Sommer 1614 so überwiegend wurden, daß der Zar Michael sich zum Frieden von Stolbowa 27. Febr. (9. März) 1617 genötigt sah,‚ durch den Kerholm, Karelen und Ingermanland an Schweden abgetreten und diesem auch noch Estland und Livland zugesagt wurde. Inzwischen hatten die Zwistigkeiten mit Polen, dessen König Sigismund nach Karls IX. Tode seine Ansprüche auf den schwed. Thron erneuerte, mit kurzen Unterbrechungen fortgedauert. Als die Unterhandlungen G.s während des mehrmals geschlossenen Waffenstillstandes nicht um erwünschten Ziele führten, begann er 1621 den adst gegen Polen aufs neue und machte in Livand, Kurland, Litauen und Polnisch-Preußen außerordentlich glückliche Eroberungen, die nur 1629, wo eine Hilfssendung von 10000 Mann Ssterreichern unter Arnheim die Polen verstärkte, auf kurze Zeit unterbrochen wurden. Unterdessen hatte in Deutschland die schrankenlos um sich greifende übermacht des Kaisers Ferdinand II. die polit. Freiheit und zugleich den prot. Glauben immer gefährlicher bedroht, und während es im Interesse Frankreichs lag, einem Übergewicht Osterreichs vorzubeugen, glaubte G., zugleich eingedenk der Unterstützung, welche Osterreich den Polen gegen Schweden hatte angedeihen lassen, es seinen Glaubensgenossen schuldig zu sein, diese vor Unterdrückung zu retten. Demnach kam unter Frankreichs Vermittelung zwischen Polen und Schweden 16. (26.) Sept. 1629 ein Waffenstillstand auf sechs Jahre zu Stande, der den König von Schweden im Besitz des eroberten Polnisch-Preußen ließ und ihm freie Hand gegen den Kaiser gab. In der Aussicht auf ein Bündnis mit Frankreich, das auch im Jan. 1631 wirklich erfolgte, rüstete sich G. zum Kriege, hielt 19. (29.) Mai 1630 vor den versammelten schwed. Ständen eine kraftvolle Rede, wobei er seine Tochter Christine als Thronerbin vorstellte, schiffte sich 30. Mai (9. Juni) mit 15000 Mann schwed. Truppen in den Schären ein und landete 24. Juni (4. Juli) bei der kleinen Insel Ruden an Deutschlands Küste, während die Truppen meist 26. Juni (6. Juli) auf Usedom ausgesetzt wurden. Trotz der Schwierigkeiten, die sich ihm sehr bald in dem Wankelmut und dem Mißtrauen der deutschen Fürsten entgegenstellten, siegte er überall über die kaiserl. Truppen. Er zwang die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen, sich mit ihm zu vereinigen, setzte die geächteten Herzöge von Mecklenburg wieder ein, schlug Tilly 7. (17.) Sept. 1631 bei Breitenfeld, durchzog erobernd die Main⸗ und Rheingegenden, bis er, zur Rettung des Kurfürsten von Sachsen, nach Sachsen zurückeilend, in der Schlacht bei Lützen 6. (16.) Nov. 1632 gegen Wallenstein als Sieger den Heldentod fand. (S. Dreißigjähriger Krieg.) Die nähern Umstände, unter welchen der König seinen Tod fand, wurden lange auf sehr verschiedene und widersprechende Art dargestellt, und ziemlich allgemein galt die Annahme, er sei durch Meuchelmord gefallen, entweder auf Ferdinands II. o er Richelieus Anstiften. Der schwerste Verdacht in dieser Hinsicht traf G.s Begleiter in der Schlacht, den Herzog von Lauenburg, der kurz zuvor aus kaiserl. Kriegsdiensten in schwedische getreten war und später, katholisch geworden, wieder in jene zurücktrat. Indes scheint es durch die bekannt gewordenen Briefe des Pagen Aug. von Leubelfing, der an des Königs Seite verwundet ward, ziemlich außer Zweifel gesetzt, daß G., als er an der Spitze der smäländischen Reiterei zu rasch im Nebel voraneilte, zwischen die feindlichen Kürassiere geriet und hier, von mehrern Kugeln getroffen und schwer verwundet, vom Pferde sank und im Steigbügel geschleift, zuletzt von kaiserl. Reitern, denen der ihn begleitende Page nicht Rede stehen wollte, vollends getötet ward. Sein blutiges Koller wurde nach Wien gebracht, wo es noch jetzt aufbewahrt wird. Den Leichnam führte der Herzog Bernhard von Weimar nach Weißenfels, um ihn dort der Königin zu überliefern, die ihn dann nach Schweden in die königl. Gruft bringen ließ. Die Eingeweide des Königs wurden aber, nach der Sektion durch einen Apotheker, in der Klarakirche zu Weißenfels beigesetzt. Von seiner Gemahlin, Maria Cleonore, geborenen Prinzessin von Brandenburg (geb. 1599), hatte er eine einzige Tochter, Christine (s. d.), die, sieben Jahre alt, ihm in der Regierung folgte. G. war stark und schön von Körper, hatte einen hellen, durchdringenden Verstand und ein ehrfurchtgebietendes, würdevolles, aber dabei freundliches und leutseliges Betragen. Unerschrockener Heldenmut und ungeheuchelte Gottesfurcht machten den Grundzug seines Charakters aus, in welchem zugleich die Tugenden der Menschlichkeit und christl. Duldsamkeit sich vereinigten. In den eroberten Ländern ließ er die Religionsübung der Katholiken, die er vorfand, ungestört bestehen, ja schützte sie sogar vor dem Gegendruck der Protestanten. In seinem Heer hielt er strenge Ordnung und Mannszucht und strafte Plünderung und Gewaltthätigkeit mit unerbittlicher Strenge. Trotzdem waren ihm seine Soldaten mit grenzenlosem Vertrauen ergeben, weil er wie ein Vater für sie sorgte, jedes Verdienst beachtete und belohnte und unter und mit ihnen sich jeder Gefahr und Mühseligkeit unterzog. Wie er selbst für Gottesfurcht begeistert war, so suchte er auch seinen Soldaten diesen Sinn einzuhauchen, ordnete bei jedem Regiment Feldprediger an, ließ tägliche Betstunden halten und wachte sorgsam über gute Zucht und Sitte. Über die Beweggründe G.s, während des Dreißigjährigen Kriegs zu Gunsten der deutschen Protestanten einzuschreiten, ist je nach dem polit. oder konfessionellen Parteistandpunkte der Historiker vielfach gestritten worden. Während die kath. Schriftsteller seinem Unternehmen nur die Beweggründe gereizter Empfindlichkeit und polit. Habgier unterlegen wollten, behaupteten andererseits die Protestanten, daß religiöse Motive allein ihn zum Kriege gegen den Kaiser getrieben hätten. Das Wahre liegt unverkennbar in der Mitte. Wichtige, ja fast zwingende Gründe von durchaus polit. Natur, wie das Erlangen von Einfluß auf die deutschen Verhältnisse, ein gutes Einvernehmen mit Frankreich und die Schwächung der österr.⸗habsburgischen Hausmacht für den Fall eines erneuerten Kriegs zwischen Schweden und Polen, standen, wo nicht in erster, so doch nächst seinem feurigen Glaubenseifer jedensalls wenigstens in zweiter Linie, während auch Fahr der normann. Heldengeist, die Lust an kühnen Fahrten, den jungen Feldherrn antrieb, in Deutschland neue Lorbeeren zu sammeln. Erst als das Glück ihn so staunenswert begünstigte, als er im raschen Fortschreiten Eroberungen häufte und die wichtigsten Länder und Städte Deutschlands in seinen Händen hatte, scheinen höher strebende Wünsche in ihm emporgekommen zu sein. Die Huldigungen, die er an mehrern Orten annahm, die Verteilung einzelner deutscher Länder als schwed. Lehne, das Zurückbehalten anderer für sich scheinen auf den Plan hinzudeuten, eine prot.⸗deutsche Kaiserkrone auf sein Haupt zu setzen. Auch für die innere Entwickelung seines Landes war G.s Regierung von der größten Bedeutung. Mitten unter dem Kriegsgetümmel ward dort eine großartige Arbeit auf allen Feldern des Kulturlebens vollbracht. Das Staatsrecht wurde durch die Reichstagsordnung von 1617 und die Ritterhausordnung von 1626 umgestaltet. Die gesamte Verwaltung ward mustergültig organisiert, der Reichsrat erhielt Permanenz und wurde, in Reichskollegien eingeteilt, zum Mittelpunkt der Administration; ferner erfolgte eine konsequent durchgeführte, systematische Einteilungder Läne und Vogteien. Das Steuerwesen wurde vereinfacht, die Rechtspflege durch die Gerichtsordnung von 1614 und die Organisation der „Hofgerichter zu Stockholm (1614), Abo (1623) und Dorpat (1629) reformiert. Hinsichtlich des Heerwesens ward schon jetzt der Grund gelegt zu dem durch Karl XI. vollbrachten ndelnings-werky. Das schwed. Unterrichtswesen darf nach den Reformen G.s als eins der bestgeordneten ganz Europas angesehen werden; die Hochschule zu Upsala ward durch die wahrhaft königliche Donation der gesamten Gustavianischeno Erbgüter aus ihrem zeitweiligen Verfall emporgehoben und eine neue Universität zu Dorpat eingerichtet, sowie auch Gymnasien in den Stiftsstädten. Eine rege Wirksamkeit herrschte auch auf dem Gebiet der materiellen Kultur; die reichen Bergwerke Schwedens blühten wieder auf, so auch der Handel, beides infolge wallon. und holländ. Einwanderungen; 15 Städte wurden neu angelegt und Versuche gemacht, Schweden einen Anteil an dem großen Welthandel zu verschaffen und überseeische Kolonien zu erwerben. Freilich fehlt es auch nicht an Schatten neben dem Glanz seiner Regierung; es sind dies unter anderm die wachsende Übermacht des Adels und der harte Druck, den die Steuern und Aushebungen auf das Volk ausübten. Auf dem Gebiet der Taktik war G.s Thätigkeit epochemachend: er wurde der Begründer einer neuen Kriegsmethode, oder wenigstens der einflußreichste Verbesserer der alten. Er machte die Linie zur bestimmten Angriffsformation, reduzierte die Zahl der Glieder, verteilte die Kavallerie zweckmäßig zur Infanterie und setzte namentlich die Tüchtigkeit der Schützen und Reiter in enge Beziehung, behandelte das Arrangement der Schlachtordnung systematisch und führte leichte Geschütze, und zwar in viel größerer Zahl ein, als seither gebräuchlich gewesen war. Auch schuf er durch strenge Mannszucht eine Armee, welche bezüglich ihrer moralischen Tüchtigkeit damals ihresgleichen nicht hatte. — In Upsala wurde dem Andenken des Königs ein Obelisk errichtet, seine Reiterstatue schmückt den Platz vor dem Schlosse zu Stockholm; außerdem wurde ihm ein Standbild in Gothenburg gesetzt. An der Stelle, wo man nach der Schlacht bei Lützen (f.d.) seine Leiche gefunden, wurde ihm 6. Nov. 1837 über den sog. Schwedenstein ein got. Denkmal aus Gußeisen errichtet. In Deutschland ist die Gustav-Stiftung (s. d.) nach ihm benannt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 638Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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