FeedGustav-Adolf-Verein
ReligionBrockhaus 1882

Gustav-Adolf-Verein, genauer ader evang. Verein der Gustav-Adolf-Stiftungo, ist ein Verein innerhalb der prot. Kirchen, welcher den Zweck verfolgt, die Not derjenigen Glaubensgenossen zu heben, welche, ohne sich selber helfen zu können, in kath. Umgebung der Mittel des kirchlichen Lebens entbehren und deshalb in Gefahr sind, der evang. Kirche verloren zu gehen. Die Gründung des Vereins knüpft sich an den 6. Nov. 1832, als den 200jährigen Erinnerungstag an den Heldentod des Schwedenkönigs Gustav Adolf. An diesem Tage fand in Lützen eine einfache Feier statt, und hier wurde vom Dompropst von Holleufer aus Merseburg und vom Superintendenten Großmann aus Leipzig der Plan gefaßt, Gustav Adolf an der Stätte seines Todes ein würdigeres Denkmal zu setzen. Um dafür die nötigen Gelder aufzubringen, forderte Kaufmann Schild in Leipzig 7. Dez. 1832 im „Leipziger Tageblatto zur Veranstaltung einer Sechsersammlung im ganzen evang. Deutschland auf. Damit war auch der Gedanke nahe gelegt, für die Verwendung der voraussichtlich reichlich eingehenden Gelder einen höhern Zweck ins Auge zu fassen, und 14. Dez. 1832 forderte ein leipziger Komitee auf ezur Errichtung einer Anstalt zu brüderlicher Unterstützung bedrängter Glaubensgenossen und zur Erleichterung der Not, in welche durch die Erschütterung der Zeit und durch andere Umstände prot. Gemeinden in und außer Deutschland mit ihrem kirchlichen Zustande gerateno. Zunächst aber bildeten sich organisierte Vereine nur in Leipzig und in Dresden, welche in einigen kleinern Städten Sachsens Zweigvereine hatten. Thatkräftig unterstützt wurden diese Bestrebungen vor allem im Königreich Sachsen, wo das Konsistorium eine öffentliche Sammlung anordnete, und in Schweden, wo König Karl XIV. Johann auf Fürsprache des Erzbischofs Wallin von Upsala eine jährliche Kirchen⸗ und Hauskollekte durch das ganze Land bewilligte. Einzelne Beiträge kamen auch von König Friedrich Wilhelm III. von Preußen und aus den thüring. Staaten. Nach den Bestimmungen des Statuts vom J. 1834 wurden alle Beiträge kapitalisiert und nur die jährlichen Zinsen verteilt. Bis 1841 war ein Kapital von gegen 39000 Mark gesammelt, doch blieb die Summe, welche alljährlich zur Verwendung kam, gering. Die Leitung der Vereinsangelegenheiten wechselte alljährlich zwischen Leipzig und Dresden, nur die Verwaltung des Vermögens ruhte dauernd in den Händen des leipziger Vereins. Unterstützt wurden, wenn auch mit geringen Summen, prot. Gemeinden im Elsaß, in Bayern, Böhmen, Ungarn und der Moldau. In dieser Weise bestand und wirkte der Verein bis zum J. 1841. Wie wenig er bekannt war, trotz der regelmäßig erscheinenden Jahresberichte, erhellt daraus, daß fast gleichzeitig von Professor Tholuck in Halle, von Pfarrer Legrand in Basel und von Hofprediger Zimmermann in Darmstadt, welche 7 den leipzig-dresdener Verein nicht kannten, ie Anregung gegeben wurde, einen Verein zu gründen zur Unterstützung evang. Glaubensgenossen in kath. Ländern. Tholucks Wort scheint erfolglos geblieben zu sein; Legrand veranlaßte die Gründung der sabe Zielversolgt wie de Hilfsgesellschaft, welche dasselbe Ziel verfolgt wie der G., auch mit ihm eng befreundet ist, aber ihre selbständige Organisation hat. Zimmermann erließ am Reformationsfest 31. Okt. 1841 einen Aufruf an die prot. Welto, in welchem er in begeisterten Worten dazu aufforderte, einen Verein zur Unterstützung bedrängter Glaubensgenossen zu gründen. Dieser Aufruf fand in ganz Deutschland freudige Zustimmung und überall bildeten sich Vereine. Sobald jedoch immermamn von der bereits bestehenden Stiftung in Leipzig-Dresden ach 101 wirkte er selbst dafür, daß die neuen Vereine sich ihr anschlossen. Am 16. Sept. 1842 fand zu diesem Zweck zu Leipzig eine aus ganz Deutschland besuchte Versammlung statt. Es ward ein aevang. Verein der Gustav-Adolf-Stiftungv begründet, der sich die Unterstützung bedrängter Glaubensgenossen zur Aufgabe machte. Derselbe gliederte sich in Hauptvereine, deren es zunächst nur drei gab: Leipzig, Dresden und Darmstadt, und in Zweigvereine. Betreffs der Verwendung der eingehenden Gelder wurde die Anderung getroffen, daß künftig nur ein Drittel derselben kapitalisiert, dagegen zwei Drittel sofort verwendet werden sollten, und zwar eins nach selbständiger Bestimmung der Zweigvereine, das andere durch den Centralvorstand unter möglichster Berücksichtigung der Wünsche der Zweigvereine. Vollendet wurde die Organisation des Vereins auf der Versammlung zu Frankfurt a.M. im Sept. 1843. Ein Centralvorstand, mit seinem Sitz in Leipzig, ward gewählt, bestehend aus 24 Mitgliedern, von welchen 9 der Stadt Leipzig, die übrigen 15 möglichst den verschiedenen Gegenden Deutschlands angehören. Das Kapitalisieren der Gelder wurde beschränkt auf diejenigen Gaben, welche ausdrücklich mit dieser Bestimmung geschenkt werden. Hofprediger Zimmermann wurde beauftragt mit der Herausgabe eines Vereinsblattes unter dem Titel „Der Bote des Evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftungo. Die folgende Versammlung, Sept. 1844 zu Göttingen, war dadurch wichtig, daß hier die preuß. Vereine sich dem allgemeinen Verbande anschlossen. Der König von Preußen, der König von Hannover, der Großherzog von Hessen, der König von Württemberg unterstützten die Sache des Vereins durch ihren Beitritt und durch günstige Verordnungen. Für Bayern dagegen wurde die Gründung von Zweigvereinen 10. Febr. 1844 verboten und erst 16. Sept. 1849 gestattet. Das Protestantenpatent vom 8. April 1861 gestattete auch für Osterreich die Gründung von G., und schon 1862 konnten die beiden Hauptvereine Wien, für Deutsch-Osterreich und Galizien, und Mediasch, für Siebenbürgen, aufgenommen werden. Nicht geringe Verwickelungen entstanden dem Verein aus der deutschkatholischen und der freireligiösen Bewegung. Der Verein hatte sich von vornherein auf den kirchlichen Standpunkt gestellt, freilich nicht auf ein bestimmtes Bekenntnis. Er bestimmt in §.2 seines Statuts nur: Die Wirksamkeit des Vereins umfaßt lutherische, reformierte und unierte, sowie solche Gemeinden, die ihre übereinstimmung mit der evang. Kirche sonst glaubhaft nachweisen. v Im J. 1845 beantragten nun 33 . Zweigvereine, auch deutschkath. Gemeinden aus Vereinsmitteln zu unterstützen. Der Centralvorstand lehnte es ab, weil jene Gemeinden selbst erklärten, daß sie Katholiken bleiben wollten und jedenfalls die evang. Kirche als völlig unfrei verwürfen. Die Hauptversammlung zu Stuttgart, Sept. 1845, billigte diese Ablehnung. Auf der Hauptversammlung Sept. 1846 zu Berlin erschien der Prediger Rupp, Begründer der Freien Gemeinden, als Abgeordneter für Königsberg. Der Centralvorstand beanstandete seine Teilnahme, und mit 39 gegen 32 Stimmen wurde seine Ausschließung beschlossen. Das führte zu einer starken Gärung. Von der Linken traten manche aus, weil sie in diesem Beschluß ein Ketzergericht sahen. Von der Rechten sagten sich manche los von einem Verein, welcher mit den Freien Gemeinden Freundschaft halte, und veranlaßten die Gründung der sog. «Lutherischen Gotteskasten v, wie z. B. in Mecklenburg, Hannover, Preußen, Sachsen und Bayern. Eine vorübergehende Verminderung der Einnahmen brachte naturgemäß auch die revolutionäre Bewegung der Jahre 1848 und 1849. Seitdem erfreut der Verein sich eines stetigen Wachstums. Es bestehen jetzt 44 Hauptvereine mit 1771 Zweigvereinen. Dazu kommen noch 394 Frauenvereine, deren spezielle Aufgabe ist die Fürsorge für Konfirmanden, für Witwen und Waisen evang. Prediger und Lehrer, persönliche Unterstützungen von Predigern und Lehrern in der Diaspora und Beihilfe zur innern Ausstattung von Kirchen. Die Zahl der Studentenvereine ist auf 10 gestiegen. Das Kapitalvermögen der Centralkasse betrug 1882 rund 634 000 Mark, das Kapitalvermögen sämtlicher Hauptvereine 1025000 Mark. Im J. 1882 wurden an 1219 Gemeinden Unterstützungen versandt im Betrage von rund 775 200 Mark. Die Gesamtsumme der Unterstützungen, welche der Verein während der 51 Jahre seines Bestehens gezahlt hat, beträgt rund 18001 600Mark. Unterstützt wurden während dieser Zeit 3015 Gemeinden und Anstalten, und zwar 1206 zu Kirchen- und Bethausbauten, 719 zu Schulbauten, 428 zu Pfarrhausbauten, 436 zu Reparaturbauten, 139 zur Erwerbung von Grundstücken, 916 zur Schuldentilgung, 283 zum Pfarrdotationsfonds, 235 zum Anmn Pfarrachalt, 1 „106 zum Kirchenfonds, 430 zum Pfarrgehalt, 1173 zum Lehrgehalt und zur Erhaltung der Schulen, 820 zur Ausstattung von Kirchen mit Orgeln, Glocken und Gefäßen, 63 zur Anlage von Friedhöfen. Vgl. Zimmermann: «Der G.v (7. Aufl., Darmst. 1867); derselbe, Die Bauten des G.s in Bild und Geschichtes (2 Bde., Darmst. 1858. — 76); Zenker, „Der G. in Haupt und Gliederno (Lpz. 1882); von Criegern, Der G. in den ersten 50 Jahren seines Bestehensv (Lpz. 1882). O. d.).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 642Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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