FeedGymnastik
Sport & SpielBrockhaus 1882

Gymnastik hieß bei den alten Griechen die Kunst der Leibesübungen, die sich bei ihnen auch uerst als selbständige Kunst ausbildete. Die Anfumge der G. verlieren sich bis hinauf in das heroische Zeitalter Griechenlands. Homer kennzeichnet sie als den freien, naturwüchsigen Ausdruck froher Bewegungslust, als Prüfung körperlicher Tüchtigkeit im männerwürdigen Kampfspiel, bei welchem die Helden danach streben, im Wagenrennen, Faustkampf, Ringen, Wettlauf, Speerkampf, Diskuswurf, Bogenschießen, Speerwerfen und Springen die Ehre des Sieges zu erringen. Später ist die G. eine staatliche Einrichtung, ein notwendiger Teil der Erziehung, der dem besondern Schutze der Götter, des Hermes und Herakles, anheimgegeben ist. Lykurg sowohl als Solon weisen der G. in ihren Gesetzen über die Erziehung der Jugend eine hervorragende Stellung an. Als mächtig treibende Kraft für Pflege und Entfaltung der griechischen G. wirkte die hohe Bedeutung, die man den turnerischen Wettkämpfen bei den örtlichen Festen, besonders aber auch bei den 9 Nationalfesten beilegte, und sodann die große Verehrung, die man überall den Siegern in den olympischen, isthmischen, nemeischen und pythischen Spielen bereitwilligst entgegenbrachte. Diese Umstände wurden aber auch gleichzeitig die Ursache, daß sich mit der Zeit eine professionsmäßige Wettkämpferzunft, die Athleten (s. d.), heranbildete. Daneben aber betrieb man auch fernerhin in den Gymnasien, welche ursprünglich nichts mehr waren als übungsräume der G., mit der heranwachsenden Jugend täglich gymnastische Ubungen im Laufen, Springen, Ringen, Diskus⸗ und Speerwerfen. Hierbei waren die Übenden nackt (VRvo), was der G. den Namen gegeben hat. Den übungen ging ein Einölen und ein Bestreuen des Körpers mit Sand voraus. Jede nur einigermaßen bedeutende Stadt hatte ihre übungsplätze, Palästren (s. d.) und Gymnasien (s. d.). In späterer Zeit waren oft die hierzu errichteten Gebäude wahre Prachtbauten. Pädotriben und Gymnasten hießen die Lehrer, die Aleipten hatten das Einölen zu überwachen, während die Gymnasiarchen, Sophronisten, Kosmeten die Aufsicht zu führen hatten. Es lassen sich zwei Richtungen in der griechischen G. nachweisen, die spartanische, die sich gefiel in der Abhärtung des Leibes zur Ertragung jeglicher Mühsale und Anstren in der Gewöhnung an straffe Zucht und zäher lusdauer, und die attische, die sich die allseitige Würdigung der verschiedensten Uübungsarten zur Aufgabe gestellt husche n Sparta trieben auch die Mädchen gymnastische bungen. über einzelne hervorragende Leistungen in der G. sind uns den jetzigen Erfährungen gleichkommende Mitteilungen geworden, jedoch auch solche, bei denen eine sagenhafte Übertreibung vorliegt, so z. B. bei dem 52 Fuß weiten Sprunge des Chionis aus Sparta und dem 55 Fuß weiten des Phayllos aus Kroton. Insofern die G., insbesondere die damit verbundenen Vorübungen und Spiele und sonstige Körperpflege zugleich der Erhaltung und Kräftigung der Gesundheit dienten, wurde sie zum Teil vielfach auch von Erwachsenen beibehalten und von den Arzten empfohlen. liberall, wo hellenisches Wesen im Altertum Platz griff, fand auch die G. Aufnahme und Ausbreitung, so auch in Rom unter den Kaisern. In der neuern Zeit hat man die kunstmäßigen gymnastischen Ubungen im Interesse körperlicher und geistiger Gesundheitspflege insbesondere in Deutschland unter dem Namen Turnkunst (s. Turnen) wieder allgemein eingeführt. Vgl. Krause, Die G. und Agonistik der Hellenen⸗ (Lpz. 1841); Graßberger, «Die leibliche Erziehung bei den Griechen und Römerny (Würzb. 1864); Jäger, «Die G. der Hellenen» (Eßlingen 1857).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 663Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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