FeedHagel
TierreichBrockhaus 1882

Hagel nennt man die meist kugel⸗ oder birnförmigen, wohl auch linsenförmig abgeplatteten oder vieleckigen Eiskörner, welche zuweilen, namentlich bei starken Gewittern, aus der Atmosphäre niederonen Dieselben bestehen in der Regel aus einem chneeartigen Kern und einer durchsichtigen, nicht selten konzentrische Schichten bildenden Schale. Im Mittel haben die Hagelkörner die Größe einer Erbse bis zum Taubenei, zuweilen aber erlangen sie 7— 10 em im Durchmesser und erreichen ein Gewicht von 200 — 300 g und darüber; im letztern Falle sind sie unregelmäßig. Außerordentlich große Hagelkörper dürften aus kleinern H. zusammengefroren sein. Kleinere Hagelkörner nennt man Schlo ßen, welche mit den noch kleinern, aus Schneeflocken gefilzten Graupeln (s. d.) nicht zu verwechseln sind. Die Wolken, aus denen der H. fällt, pflegen tief zu ziehen und verdunkeln die Gegend; sie sind durch roße Dicke, eigentümliche ½ρ Färbung, owie Zerrissenheit der weißlichen Ränder ausgezeichnet. Ihr Herannahen, das meist schnell und unter Nacheilen oder in Begleitung eines Sturms erfolgt, ist mit einem Iral rasselnden Geräusche verbunden. Der Hagelfall ist meist von Gewittererscheinungen (Blitz und Donner) begleitet und kommt fast stets vor dem heftigen Gewitterregen oder gleichzeitig mit demselben, fast nie erst nachher. Hagelwetter haben in der Regel keine große Breite und beschreiben auf ihrem Wege einen langen schmalen Streifen; auch hat die Erfahrung gelehrt, daß manche Gegenden weit häufiger von solchen Strichen betroffen werden als andere. überhaupt herrscht beim H. der lokale Charakter vor. H. fällt vorzugsweise zur Sommerszeit und während des Tags; nächtliche Hagelwetter sind höchst selten. Der H. ist weit häufiger in den gemäßigten Himmelsstrichen als in den Polar⸗ und Tropenregionen; im letztern Falle erscheint er meist auf hohen Ebenen und Bergen. Die Temperatur des H. ist — 0,5 bis —4. C. Gewöhnlich dauert das Hageln nur einige, höchstens 15 Minuten, nach welcher kurzen Zeit die gefallene Eismenge zuweilen den Boden auf mehrere Centimeter bedecken und im ganzen erstaunlich groß sein kann. Obwohl das Hageln an demselben Ort nur von kurzer Dauer ist, schreitet es doch nicht selten über weite Landstrecken fort, wobei gewisse Gegenden vorherrschend vom H. heimgesucht werden. In der nördl. Erdhälfte erstreckt sich sein öfteres Vorkommen vom 30. bis 60.“, besonders jedoch vom 40.“ bis zum 55.“. der Breite. Die Bildung so großer Eismassen, wie sie als H. herabfallen, läßt sich schwer erklären, und es sind daher vielerlei Hypothesen über die Entstehung des H. aufgestellt worden. Unter den verschiedenen Fragen, welche eine gute Erklärung der Hagelbildung zu beantworten hat, ragen in erster Linie hervor: Maher kommt in der warmen Jahreszeit die Kälte, die zum Entstehen des H. notwendig ist, und wovurch erlangen die Hagelkörner ihre manchesmal beträchtliche Größe? Von den vielen ältern Ansichten über die Entstehung des H. stand die von Volta (1792) trotz ihrer Mängel lange Zeit in höchem Ansehen. Volta meinte, daß an der Oberäche einer hoch schwebenden Wolke 4 ern die Sonnenstrahlen eine rasche Verdunstung erfolge, wodurch Teilchen derselben erstarren und sie zuri. negativ elektrisch werde. Die so gebildeten ünste erheben sich und werden in der höhern, kältern Luftschichte zu einer neuen Wolke kondensiert, welche positiv elektrisch sein soll. Zwischen den entgegengesetzt elektrischen Wolken sollen die entstandenen kleinen Eisflocken so lange hin⸗ und hergeworfen werden, bis sie durch die zwischen beiden Wolken enthaltenen Dünste derart an Größe nehmen, daß sie vermöge ihres Gewichts endlich herabfallen. Gegenwärtig nimmt man allgemein an, daß die Elektricität zwar bei der Hagelbildung nicht direkt mitwirke, jedoch stets in Begleitung des H. erscheine. Beachtenswerter sind die auf der Unterkühlung des Wassers beruhenden Erklärungsarten der Hagelbildung, welche zuerst (1849) von Fr. Vogel und bald darauf unabhängig von Nöllner, dann später selbständig auch von andern (De la Rive 1856, Dufour 1861, Berger 1865) aufgestellt worden sind. Dieselben beruhen darauf, Wasser bei gewissen günstigen Umständen weit unter den Nullpunkt abgekühlt werden kann, ohne daß es gefriert. Diese Unterkühlung lauch Uberkaltur oder überschmelzung genannt) hört jedoch plöglic auf, sobald jenes Wasser mit einem festen Körper oder einem Eisstückchen in Berührung kommt: es erstarrt dann plötzlich zu Eis (s. d.). Nun nehmen die auf solcher Unterkühlung des Wassers basierenden Hagelhypothesen an, daß auch die Wasserteilchen (Dunst⸗ oder Nebelbläschen) der hohen Wolken unter Null erkalten können, ohne zu gefrieren. Wenn dann aus noch höhern Wolkenschichten kleine Eisteilchen oder Graupeln herabfallen, so sich jene unterkühlten Wasserteilchen (Dunst⸗ ode Nebelbläschen) als Eishüllen um letztere sehr rasch an, derart, daß die so sich bildenden Hagelkörner beim Herabfallen immer größer werden. Die Entstehung der ersten Eisteilchen oder Grau⸗ —* wird hier vorausgesetzt infolge der in höhern egionen Aungen der Kälte, von welcher die Temperaturmessungen der Luftschiffer sicheres Zeugnis brachten. Hohe Luftfahrten bestätigten ferner, daß die vorausgesetzte Unterkühlung der Wasserteilchen in hohen Wolken, welche jedoch unterhalb jener Graupelwolken liegen, wirklich stattfindet. Es sind mithin in dieser Hypothese sowohl der zur Erklärung der Hagelbildung notwendige Kältegrad wie auch die Ursache zur Vergrößerung der Hagelkörner berücksichtigt. Gleichwohl erhält diese Hypothese erst ihren vollen Wert, wenn man mit Theod. Reye (1865 und 1872) annimmt, daß bei außerordentlicher Abnahme der Temperatur nach oben sich aufsteigende, wirbelnde Luftströme bilden, deren Wasserdunst in hohen eiskalten Luftschichten zu Eisnadeln erstarrt, welche durch die obersten Luftwirbel zu Graupeln geballt werden Letztere wachsen dann beim Herabfallen durch die unterkühlten Wasserteilchen zu Hagelkörnern an. Nach Re entstehen also die Hagelwetter durch Wettersäulen in den höhern Schichten der Atmosphäre. Nach Osborne Reynold wachsen die Körner des H. dadurch, daß die größern Eisteilchen schneller als die kleinern fallen, mit welchen sie sich verbinden und dadurch größer werden. Erwähnenswert sind noch die Hypothesen Schwaabes (1844) und Mohrs (1862), nach welchen der H., d. h. die Erstarrung großer Wassermengen in den Wolken, von dem plötzlichen Herabstürzen K kalter Luftmassen aus den höhern Luftschichten herrühren sollte. Mohr nimmt an, daß die infolge der Sonnenwirkung bis zu hohen Regionen emporgestiegenen Wasserdämpfe durch sehr kalte darüberliegende Luftschichten schnell zu tropfbarem Wasser verdichtet werden. In den dadurch gebildeten luftverdünnten Raum stürzen noch mehr und noch kältere Luftschichten (bis zu —40.C. und darunter) nach und verdichten noch mehr Wasserdampf, sodaß dadurch ein heftiger, absteigender kalter Luftstrom erzeugt wird, der den in den untern Luftschichten aufgelosten Wasserdampf massenhaft verdichtet und zum Gefrieren bringt. Allein die Rechnung verlangt für diese und analoge Hypothesen eine so mächtige Wärmeentziehung des Wolkenwassers, daß es die keiren wird, wie jene kalten Luftströme dies leisten können. Das beim Hagelfall auftretende Geräusch kommt vermutlich vom Aneinanderprallen der Eiskörner, welches der Wind bewirkt. Vgl. Schwaab, Die Hageltheorien älterer und neuerer Zeitz (Kassel 1878); Waehner, «Histor. krit. Übersicht der Hageltheorien (Rotterd. 1876). Die Zerstörungen, welche der H. 5 den von ihm betroffenen Landstrichen besonders durch Zerschlagen der Feldfrüchte anrichten kann, sind sehr groß. Es ward daher auch der Wunsch rege, Hagelableiter, analog den Blitzableitern, aufstellen u können. Da aber ein solcher immer nur wea durch Elektricitätsableitung wirken könnte, er H. aber nicht Folge der Elektricität ist, so ergibt sich von selhst das Unnühe solcher Vorrichtun gen. Dagegen haben die Hagelversicherungsanstalten großen Nußen gestiftet. (S. Hagelv ersicherung.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 699Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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