Handelskrisen sind Erschütterungen und Störungen des Erwerbslebens, gewöhnlich veranlaßt durch überspekulation, unmäßiges Hinauftreiben der Preise, überspannung des Kredits, Wegfall hemmender Schranken, Auffindung neuer Länder und Handelswege oder Handelsmittel, durch neue Erfindungen, unbesonnene Gründung neuer Unternehmungen und einseitige Überproduktion auf gewissen Erwerbsgebieten, während andere Nah rungszweige vernachlässigt werden. Weitere Resashen sind Mißernten, Krieg, überschwemmung eines Landes mit barem Geld oder mit Papiergeld und Kreditumlaufsmitteln. Je nachdem viele oder mehrere der erwähnten Ursachen zusammenwirken und in verschiedenen Ländern gleichzeitig auftreten, wird auch eine H. mehr oder weniger gefährlich und auf ein größeres oder kleineres Gebiet ausgedehnt sein. In frühern Jahrhunderten waren die H., die man auch Geldkrisen oder Kreditkrisen nennt, weit weniger intensiv und mehr auf einzelne Länder beschränkt, welche durch ihre Handels⸗ und Industriethätigkeit eine größere Rolle spielten und dei denen viele Schätze aufgehäuft waren. Da die Völker in neuester Zeit durch die Fortschritte der Verkehrsmittel und der Handelspolitik immer mehr zu einer Weltwirtschaft verbunden werden, so pflegen auch die H. jetzt eine größere Ausdehnung zu erlangen und nicht bloß Kaufleute, sondern auch Gewerbtreibende und Arbeiter mit zu ergreifen. Zu den bekanntesten H. der frühern Jahrhunderte, nachdem sich der übergang der Geldwirtschaft in eine Kreditwirtschaft schon teilweise vollzogen hatte, gehören die sog. Tulpenmanie in Holland (1634—37), wobei sich die Spekulation an einen Artikel (harlemer Tulpenzwiebeln) heftete, dem man überhaupt nur einen fiktiven Wert beilegte; ferner die engl. Geldkrisis von 1696, veranlaßt durch Münzveränderungen und Mangel an Zahlungsmitteln; sodann der Lawsche Papiergeldschwindel in Frankreich 1716 —20 und ziemlich gleichzeitig der Südseeschwindel in England 1711 —20, die franz. Assignatenwirtschaft 1790—97, die hamburger H. von 1799, welche durch die Üüberfüllung des hamburger Marktes mit unabsetzbaren Waren veranlaßt war; die weniger bedeutende engl. Krisis von 1815, durch Überschätzung der Konsumtionsfähigkeit des Kontinents veranlaßt; die engl. Krisis von 1825, der ein enormer Gründungs⸗ und Aktienschwindel voranging, sodaß das Kapital der errichteten und rojektierten Gesellschaften sich auf über 372 Mill. Pfd. St. belief, von denen 17600000 Pfd. St. wirklich eingezahlt wurden. Weitere Krisen, die von Amerika ausgingen und England in Mitleidenschaft zogen, fallen in die J. 1837 und 1839. Eine abermalige Erschütterung traf den engl. Markt namentlich infolge von liberspekulation in Eisenbahnen im J. 1847, und es mußte bei dieser Gelegenheit die Peelsche Bankakte (s. d.), die erst drei Jahre vorher eigens zur künftigen Verhinderung von Krisen erlassen worden war, wieder zeitweise suspendiert werden. Eine weitverbreitete H. war die des 1857, welche, von Amerika ausgehend, zunächst Deutschland ergriff, insbesondere Hamburg empfindlich traf und sich auch über England, Frankreich und Osterreich ausbreitete. Im J. 1866 kam wieder eine Krisis in London zum Ausbruch, die zum dritten mal eine Suspension der Bankakte nötig machte. Die eigentümlichste Krisis der neuern Zeit ist die von 1873, welche auf die deutsch-österr. Gründerperiode von 1871 bis 1872 folgte und, mit einer amerik. Katastrophe zusammentreffend, in allen Kulturländern eine lange dauernde wirtschaftliche Stagnation herbeiführte. In Deutschland namentlich waren ungeheuere Kapitalien in neue Gründungen gesteckt worden, die niemals gedeihen konnten, weil Fabriken und andere Anlagen zu übertriebenen Preisen übernommen oder neue Anlagen unter den ungünstigsten Bedingungen hergestellt wurden, während auf einen Fortbestand der unmittelbar nach dem Kriege sehr hoch gesteigerten Preise nicht gerechnet werden konnte. Die neu gegründeten Fabriken, Hohöfen u. s. w. blieben aber nach der Krisis, auch wenn sie keine Dividenden abwarfen, großenteils noch in Betrieb, und so entstand eine bels sehr überproduktion, welche die Heilung des übels sehr erschwerte. Seinen tiefsten Punkt erreichte der wirtschaftliche Niedergang 1878, und erst in der zweiten Hälfte des J. 1879 trat eine von Amerika und England ausgehende Besserung ein. In Frankreich entwickelte sich dann bald unter der Agide der Union gnérale ein neuer Börsenschwindel, der 19. Jan. 1882 mit einem großen, in seinen Wirkungen aber hauptsächlich auf die Börsen von Paris und Lyon beschränkten Krach endigte. H. sind die notwendigen Folgen einer Verletzung der Wirtschaftsordnung, einer übertreibung des Unternehmungsgeistes und der Kreditbenutzung und einer Maßlosigkeit von Ansprüchen ohne entsprechende Gegenleistungen. Durch jede Krisis wird eine Reinigung des wirtschaftlichen Marktes von ungesunden Unternehmungen vollzogen und ein unerbittlicher Heilungsprozeß eineleitet, welcher die Menschen zwingt, sich mit bescheidenern Gewinnen zu begnügen, rationeller und einfacher zu wirtschaften. Vgl. Wirth, «Geschichte der H. » (3. Aufl., 1883); Oechelhäuser, „Die wirtschaftliche Krisiso (Berl. 1875); Klein, Die gegenwärtige wirtschaftliche Lage Deutschlandso (Stuttg. 1876). schaften.