FeedGirardin (Emile de)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Girardin (Emile de), franz. Publizist, geb. 22. Imi 1806 zu Paris, führte zuerst den Namen mile de Lamothe, bis er 1827 bei seiner Majorennität den Namen Emile de G. annahm. Er hatte darauf, wenn auch keinen rechtmäßigen, so doch einen reellen Anspruch, wie aus der von seinem natürlichen Vater, dem General Grafen Alexandre de G., gemachten Erklärung in der Kammerkommission erhellt, die 1837 beauftragt war, über die von der Opposition angefochtene Nationalität des neugewählten Deputierten von Bourganeuf zu entscheiden. Nach Beendigung der gewöhnlichen Schulbildung auf einem Collége zu Paris wurde G. in der königl. Kämmerei, dann bei einem Börsenmakler angestellt. Er trat 1827 mit der Jugendschrift Emilev (zuerst anonym; 4. Aufl., Par. 1853) hervor, die in Form von Bruchstücken den Roman * Geburt und seiner ersten Jahre enthielt. Unter dem Ministerium Martignac war er als Kunstinspektor angestellt. Er begründete zwei Journale: Le Voleuro (1828) und La Moder (1829), machte aber mehr Glück mit dem von ihm heraus⸗ (1831). Gleichzeitig mischte er sich in allerlei Unternehmungen, die teilweise einen schlimmen Ausgang und Nachhall für ihn hatten. Er gründete 1836 als Organ der konservativen Politik die Presser, welche Gründung im franz. Zeitungswesen eine Revolution hervorbrachte. Die heftige Polemik, die sich hierüber zwischen G. und seinen polit. Gegnern entspann, veranlaßte sein Duell mit Armand Carrel, Redacteur des Nationalo, der an den Folgen seiner Schußwunde starb. Von den Wählern zu Bourganeuf 1834 in die Deputiertenkammer abgeordnet und nachher immer wiedergewählt, legte G. einige Tage vor dem 24. Febr. 1848 sein Mandat nieder. In den J. 1849 bis 1851 vertrat er sodann das Depart. Niederrhein in der Legislativen und stimmte hier mit den Männern des Bergs, die seine Kandidatur begünstigt hatten. Nachdem er das Guizotsche Ministerium, die Provisorische Regierung, die monarchische Reaktion und die gemäßigte Republik abwechselnd in der Pressen verteidigt und bekämpft, setzte er alle Hebel in Thätigkeit, um Cavaignac zu stürzen und dessen Nebenbuhler, den Prinzen Ludwig Napoleon, ans Ruder zu bringen. Doch wandte er sich dann auch gegen diesen und feindete ihn aufs äußerste an. Nach dem Staatsstreich vom 2. Dez. 1851 wurde G. zufolge des Dekrets vom 9. Jan. 1852 aus Frankreich verbannt, durfte aber zwei Monate darauf, als seine Schwiegermutter starb, dahin zurückkehren. Er widmete sich wieder der Redaction seines Journals, die er erst 1856 aufgab, als er seinen Eigentumsanteil an die Bankiers Millaud u. Comp. für 800000 Frs. verkaufte. Doch übernahm er 1862 nochmals die Redaction der Pressep, welche er 1866 von neuem aufgab, um die imperialistische Libertér zu begründen. Auch versuchte er sich in der Dramatik und erlebte die Freude, daß über seine Theaterstücke Le supplice d'une femmes und „Les deux sœurso (1865) ein leidenschaftlicher Streit entbrannte. Die Berufung seines Freundes Emile Ollivier zum Minister des Innern 2. Risch 1870 stimmte 400 versöhnlich, ja sogar enthusiastisch für den scheinbar demokratischen Imperialismus und machte aus ihm einen der eifrigsten Beförderer des Plebiszits. Inzwischen verkaufte er sein Journal an den Bonapartisten Detroyat und erhielt 27. Juni zum Lohn für die energische Verteidigung der gouvernementalen Politik einen Sitz im Senat. Während der Commune ließ er vom 5. bis zum 25. Mai 1871 ein Tageblatt erscheinen mit dem Titel „L'union française, journal de la république fédéralen, worin er eine föderative Einteilung des Nationalgebietes in 15 unabhängige kleine Staaten mit eigenen Pairs⸗ und Deputiertenkammern vorschlug. Im Nov. 1874 wurde G. Chefredacteur des ehemals kaiserlich-konservativen, jetzt republikanisch⸗⸗ liberalen Journals La Francev. Als Broglie und Fourtou 16. Mai 1877 zum Ministerium gelangten, erklärte sich G. sogleich gegen das reaktionäre Kabinett und bekämpfte es scharf und unerbittlich. Sechs Monate hindurch schrieb er täglich mehrere Artikel, um die im Namen der amoralischen Ordnungo begangenen Mißbräuche und Ausschreitunben zu rügen. Die Franced fand darum ungeheuern Absatz, und G. wurde an Grevys Stelle im 9. Wahlbezirk von Paris zum Deputierten ernannt. Er nahm aber an den Verhandlungen der f Kammer keinen bedeutenden Anteil. G. starb zu Paris 27. April 1881. Seine polit. und sozialen Ideen erörterte G. in r vielen Büchern und Broschüren, unter denen Etudes r politiqueso (Par. 1838; 2. Aufl. 1849) und La politique universelle, décrets de l'avenire (Brüss. 1852; 4. Aufl., Par. 1854) Ingsapittel a sind. Eine große Anzahl seiner Zeitungsartikel sammelte er in den «Questions de mon temps, 1836 à 18565 (12 Bde., Par. 1858). Ferner ist noch zu erwähnen: extinction de la guerre civiles (Par. 1871) und „L'homme et la femme, L'homme suzerain, la femme vassale, réponse à l'homme-femme de Mr. Dumas filso (1872), ein Seitenstück zu seiner frühern Schrift La liberté dans le mariage par l'égalité des enfants devant la mèren (1854). Nach dem Tode seiner ersten Gemahlin, Delphine Girardin (s. d.), vermählte er sich 1856 mit Wilhelmine Brunold, Gräfin Tiefenbach, der Stieftochter des Prinzen Friedrich von Nassau. Vgl. Lauser, „Emile de G.» (in Unsere Zeite, Lpz. 1868).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 53Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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