Haydu (Jos.), berühmter Komponist, geb. 31. März 1732 in dem Dorfe Rohrau auf der Grenze von Ungarn und Ssterreich. Sein Vater, ein armer Wagner, spielte die Harfe und machte daraus einen Sonntagsverdienst, indem seine Frau dazu sang. H. besuchte die Schule in Hainburg, wo der kaiserl. Kapellmeister von Reuter den achtjährigen Knaben zufällig kennen lernte und ihm eine Anstellung als Chorknabe in der Stephanskirche zu Wien verschaffte. Bereits in seinem 11. Jahre versuchte sich H. in 16stimmigen Kompositionen. Mit seinem herrlichen Sopran verlor er jedoch im 16. Jahre seine bisherige Stelle. Er 100 nun sich mit de spielte im Orchester mit, bechäftigte sich mit der Komposition und erwarb sich l! auf diese Weise notdürftigen Lebensunterhalt. Zu gleicher Zeit studierte er mit Sorgfalt die sechs ersten Sonaten von K. Ph. E. Bach, die ihm zufällig in die Hände fielen. Seine Lage blieb indes mißlich, bis er das Glück hatte, ein Fräulein von Martinez, die bei dem Dichter Metastasio lebte, zum Unterricht im Gesang und Klavier zu erhalten, wofür ihm freie Wohnung und Kost gewährt wurde. Dann wurde er mit Porpora bekannt, der ihn in seinen Singstunden zum Begleiten auf dem Klavier gebrauchte und dem er selbst niedere Dienste leistete, nur um dabei von ihm in Gesang, Komposition und ital. Sprache etwas zu lernen. Später nahm ein Friseur in der Leopoldvorstadt sich seiner an. Doch entsprang aus dieser Bekanntschaft für H. ein Quell vieler Leiden, indem er dessen Tochter heiratete, die seine schönsten Tage ihm verbitterte. Er war 18 J. alt, als er sein erstes Quartett komponierte, das allgemeinen Beifall erhielt, obschon strenge Theoretiker daran vieles zu tadeln hatten. Der Baron von Fürnberg nahm ihn nun mit edler Gastfreiheit auf, nachher wurde er Organist bei den Karmelitern in der Leopoldvorstadt. Vom Schauspieler Kurz aufgefordert, komponierte er den Hinkenden Teufelo, eine Oper, die ihrer satirischen Tendenz wegen nach der dritten Vorstellung verboten wurde. H. war bereits so bekannt geworden, daß er 1759 Musikdirektor beim Grafen Morzin wurde, worauf ihn dann 1760 der Fürst Esterhäzy an die Spitze seiner Hauskapelle berief. Für diesen setzte H. seine schönen Symphonien, eine Gattung, welche er eigentlich erst zu künstlerischer Bedeutsamkeit erhoben hat, und den größten Teil seiner herrlichen Quartette, sowie mehreres für das Bariton. Auch komponierte er in dieser Stellung, als sein Beschützer die Absicht hatte, die Kapelle zu entlassen, die unter dem Namen 4H.s Abschiedo bekannte Symphonie. Eine höchst schwierige Aufgabe, die er aber überaus glücklich löste, war die Komposition der „Sieben Worte des Erlösers am Kreuzev, die ihm 1785 von einem Kanonikus zu Cadiz übertragen wurde und die er ursprünglich bloß für Instrumente setzte, denen er erst später die Singstimmen hinzufügte. Nach dem Tode des Fürsten Esterhäzy (1790) er mit dem Violinisten Salomon 1791 nach London, wo er die glänzendste Aufnahme fand und wohin er 1793 sich zum zweiten mal begab. Von England ging der Ruf H.s aus, der ihm in seinem Vaterlande erst spät allgemein zuteil wurde. Nachdem er 1794 aus England zurückgekehrt, kaufte er sich in einer der Vorstädte Wiens ein kleines Gartenhaus, das von nun an seine Wohnung blieb. Hier komponierte er die Schöpfungv und die Jahreszeiten o. Jenes Werk, in dessen Harmonien ein jugendliches Feuer strömt, verfaßte er in seinem 65. Jahre. Die Jahreszeiten o waren seine letzte Arbeit; er vollendete sie in elf Monaten. Übrigens ist die Zahl seiner Werke sehr groß, obschon er nie schnell, sondern sehr bedächtig arbeitete. Er komponierte 118 Symphonien, 83 Quartette, 24 Trios, 19 Opern, 5 Oratorien, 163 Stücke für das Bariton, 24 Konzerte für verschiedene Instrumente, 15 Messen, 10 kleinere Kirchenstücke, 44 Klaviersonaten mit und ohne Begleitung, 12 deutsche und ital. Lieder, 39 Kanons, 13 drei⸗ und vierstimmige Gesänge, die Harmonie und das Accompagnement zu 365 altschott. Liedern und außerdem eine große Anzahl Divertimenti, Phantasien und vierstimmige Stücke für Instrumente. H. ist für die Instrumentalmusik ein Muster, und mit ihm beginnt eine neue Epoche für dieselbe. Unerschöpflich im Erfinden und Ausführen, stets neu und eigentümlich, überraschend und befriedigend, wußte er mit schöpferischer Kraft den Zeitgeschmack zu beherrschen. Durch seine Quartette und Symphonien wurde er gleichsam der zweite Schöpfer dieser Gattungen, die durch Mozart und namentlich Beethoven auf ihren Höhepunkt gebracht wurden. Im J. 1808 schloß die Dilettantengesellschaft in Wien ihre Winterkonzerte mit einer glänzenden Aufführung der Schöpfungo, die sich zu einer begeisterten Huldigung für den eingeladenen Komponisten gestaltete. Er starb zu Wien 31. Mai 1809. H. war in Erfindung und echt musikalischer Gestaltung einer der größten Meister der Tonkunst; seine Musik ist ebenso bedeutsam durch ihren Einfluß auf die Zeitgenossen wie durch ihren dauernden Wert. Seine angeborene Intelligenz überwand die mangelhafte Bildung und befähigte ihn, noch in späten Jahren den engen Gesichtskreis zu m schaser und zwei bedeutsame oratorische Werke zu schaffen. Vgl. Griesinger, Biographische Notizen über H.v (Lpz. 1810); Pohl, Joseph H.v 95. 1 u. 2, Berl. 1875 —82); Reißmann, „Joseph H. Sein Leben und seine Werkey (Berl. 1879).