Lippen (Labia), die beiden fleischigen Ränder der Mundspalte, bestehen aus einer muskulösen Grundlage, dem kreisförmigen Schließmuskel des Mundes (Musculus sphincter oris), der nach außen von der Gesichtshaut, nach innen von der Schleimhaut der Mundhöhle überzogen wird und durch seine Zusammenziehung den Verschluß der Mundhöhle bewirkt; außerdem nehmen an der Bildung der L. zahlreiche Blutgefäße, Nerven und kleine Schleimdrüsen teil. Beide L. sind in ihrer Mittellinie durch eine kleine Schleimhautfalte, das sog. Lippenbändchen (Frennlum labii), mit dem Zahnfleisch verbunden. Durch ihre zahlreichen Nerven und ihre zarte Epithelialbedeckung besitzen die L. eine sehr feine Tast⸗ und Temperaturempfindung; auch scheinen sie, wie der Kuß des Menschen und das Schnäbeln der Vögel beweisen, in einer nahen, wenn auch noch nicht näher erforschten Beziehung zu dem Geschlechtsleben zu stehen. Die Färbung der L. bietet dem Arzt mancherlei diagnostisches Interesse; während beim Gesunden der Lippensaum infolge seines Reichtums an Blutgefäßen hochrot erscheint, besitzt er bei blutarmen und bleichsüchtigen Personen eine blasse, bei herz⸗ und lungenkranken eine bläuliche Färbung. Unter den Krankheiten der L. sind hervorzuheben: die meist angeborene Lippenspalte oder Hasenscharte (s. d.); die sog. Doppellippe, eine chronisch-ödematöse Schwellung der Oberlippe, bei welcher hinter der normalen Oberlippe nach der Mundseite zu ein mehr oder weniger dicker wurstartiger Wulst gleichsam in Form einer zweiten Lippe erscheint; die Lippenschrunden oder das sog. Aufspringen der Lippen, mehr oder minder tiefe eüund Einrisse am Lippensaum, welche zu ihrer Heilung öftere Entfernung der Krusten, sowie fleißiges Bestreichen mit Lippenpomade oder Vaseline erfordern; endlich der Lippenkrebs, welcher fast ausschließlich die Unterlippe älterer Männer befällt und nur durch eine möglichst frühzeitige Operation geheilt werden kann. Häufig sind die L. auch der Sitz syphilitischer Geschwüre, welche eine sorgfältige antisyphilitische Behandlung erheischen. Über das sog. Ausfahren der L. oder den Lippenherpes s. unter Herpes, Bd. IX, S. 158..